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Veröffentlicht: 27.11.2009, 07:30 Uhr

Hessischer Kulturpreis Koch entschuldigt sich bei Kermani

Ministerpräsident Koch (CDU) hat am Abend den Hessischen Kulturpreis an Vertreter von Christentum, Judentum und Islam verliehen. Er entschuldigte sich bei Navid Kermani, dem der Preis zwischenzeitlich aberkannt worden war. Er sei ein „Brückenbauer zwischen den Kulturen“.

von und , Wiesbaden
© F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes Entschuldigung: Ministerpräsident Koch und Preisträger Kermani

Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat am Abend den mit 45.000 Euro dotierten Hessischen Kulturpreis an vier Vertreter von Christentum, Judentum und Islam verliehen. Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann, der ehemalige hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, und der deutsch-iranische Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani wurden für ihre besonderen Verdienste um den Dialog zwischen den Religionen gewürdigt. Mit der Preisvergabe vor fast 500 Zuhörern im Wiesbadener Kurhaus ging eine monatelange Kontroverse um die Auszeichnung Kermanis zu Ende.

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Koch räumte in seiner Laudatio ein, dass die Kommunikation mit dem zwischenzeitlich ausgeladenen Kermani „nicht gelungen“ sei. Das gelte insbesondere für die Tatsache, dass Kermani im Mai durch Anrufe von Journalisten und nicht aus der Staatskanzlei erfahren habe, dass ihm der Preis aberkannt werden solle. „Dafür entschuldige ich mich persönlich und für alle, die daran beteiligt waren“, fügte der Regierungschef unter dem Beifall des Publikums hinzu. Der Dialog zwischen den Religionen und Kulturen sei eine der größten Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft stehe, und man habe als Preisträger „Brückenbauer“ gesucht.

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„Niemals eine konfliktfreie Gesellschaft sein“

Kermani widersprach der Einschätzung, die Auseinandersetzung um den Kulturpreis habe offenbart, wie tief die Gräben zwischen den Religionen seien. „Eine multikulturelle, multireligiöse Gesellschaft wird niemals eine konfliktfreie Gesellschaft sein.“ Entscheidend sei vielmehr, ob sie ihre Konflikte auf friedliche und konstruktive Weise austrage, und das sei auch beim Streit um die Preisvergabe letztlich gelungen. An seinem umstrittenen Text über eine Kreuzigungsdarstellung habe er „nichts zurückzunehmen, nichts zu relativieren und nichts zu entschuldigen“. Doch stimme es ihn nachdenklich, wieso diese Bildbetrachtung „von wenigen“ als Provokation missverstanden worden sei.

Hessischer Kulturpreis - Der seit 1982 jährlich vergebene Preis für besondere Leistungen in Kunst, Wissenschaft und Kulturvermittlung  wird in diesem Jahr an Salomon Korn, Karl Kardinal Lehman, Navid Kermani und Peter Steinacker verliehen. © Wolfgang Eilmes Vergrößern Ministerpräsident Koch (rechts) ehrte die Kulturpreisträger Karl Kardinal Lehmann, Navid Kermani, Salomon Korn und Peter Steinacker (von links) in Wiesbaden für besondere Leistungen in Kunst, Wissenschaft und Kulturvermittlung

Kritik äußerte Kermani am Wahlkampf Kochs Anfang 2008 und an der Haltung des Zentralrats der Juden zum Palästina-Konflikt. Es sei verantwortungslos, „in fatal zuspitzenden Äußerungen, im Zusammenspiel mit der Boulevardpresse und mit degoutanten Plakaten an ausländerfeindliche Instinkte zu appellieren“. Die Stellungnahmen des Zentralrats zum Nahost-Konflikt hätten ihn in ihrer Einseitigkeit befremdet. „Wir müssen uns gemeinsam gegen jeden zur Wehr setzen, der das Existenzrecht Israels bestreitet“, äußerte der Autor. „Aber auch die Palästinenser haben ein Existenzrecht.“

„Gotteslästerung und Idolatrie“

Entzündet hatte sich der Streit um die Preisvergabe an einem Zeitungsbeitrag Kermanis, in dem dieser sich mit der Bedeutung des Kreuzes auseinandergesetzt und unter anderem geschrieben hatte, die Kreuzestheologie sei für ihn „Gotteslästerung und Idolatrie“. Lehmann und Steinacker lehnten daraufhin zunächst eine gemeinsame Entgegennahme des Preises ab, änderten ihre Meinung aber nach einem klärenden Gespräch mit Kermani.

Korn nannte in seiner Dankesrede „die Trennung von Staat und Religion, von Ratio und Glauben als Errungenschaft der Aufklärung“ und die Bereitschaft der Beteiligten, „sich mit Geschichte und gegenwärtigen Strömungen der eigenen Religion kritisch auseinanderzusetzen“, als Voraussetzungen für erfolgreiche interkulturelle Gespräche. Toleranz beginne dort, wo Einverständnis ende. Die Kontroverse um den Preis habe gezeigt, zu welchen Missverständnissen eine Vermischung von logischem Denken und Glauben führen könne, so Korn. „Debatten über Glaubensinhalte bewegen sich oft unversehens auf einer Ebene paradoxer Kommunikation, weil Denken auf der Ebene nachprüfbarer Schlussfolgerungen keine Entsprechung auf der des Glaubens hat.“

Keine pluralistische Gesellschaft ohne religiöse Toleranz

Auch Steinacker ging auf den Konflikt ein. In zentralen Äußerungen Kermanis habe er damals den Respekt gegenüber seiner religiösen Überzeugung vermisst und diesen Respekt deshalb eingeklagt. Als Grundlage für einen toleranten Umgang zwischen den Religionen sieht Steinacker „das respektvolle Unangetastetlassen“ dessen , was dem anderen heilig sei. Ohne religiöse Toleranz sei eine moderne, pluralistische Gesellschaft nicht funktionsfähig.

Der interreligiöse Dialog verlange „Respekt, Achtung und die Anerkennung derselben Ranghöhe“, hob Lehmann hervor, ohne die Kontroverse um den Preis direkt anzusprechen. „Gerade bei der Fremdheit des Anderen, die nicht leicht überwunden werden kann, bedarf es dieser Anerkennung“, fügte er hinzu. Zum interreligiösen Dialog sieht er keine Alternative. „Das Verstehenwollen und das Verstehen selbst sind in unserer globalisierten Welt, wo alles näher zusammenrückt, unbedingt notwendig.“

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