25.11.2009 · Fast fünf Monate nach dem ursprünglich vorgesehenen Termin wird der Hessische Kulturpreis 2009 an Karl Kardinal Lehmann, Peter Steinacker, Salomon Korn und Navid Kermani verliehen. Die Vorgeschichte der Preisvergabe ist alles andere als ein Ruhmesblatt für die Landesregierung.
Von Ralf Euler, WiesbadenMorgen Abend, fast fünf Monate nach dem ursprünglich vorgesehenen Termin, wird im Wiesbadener Kurhaus der Hessische Kulturpreis 2009 verliehen. Empfänger sind der Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, der frühere Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, und der muslimische Schriftsteller Navid Kermani.
Die vier Vertreter von Christentum, Judentum und Islam waren wegen ihres Engagements für „interreligiöse Kooperation“ und für eine „Kultur des Respekts“ ausgewählt worden, doch die Vorgeschichte der Preisvergabe ist nicht nur alles andere als ein Ruhmesblatt für die Landesregierung, sondern auch Beleg dafür, wie schwierig der vielbeschworene Dialog der Religionen in Deutschland noch immer ist.
Geschichte einer „Staatsposse“
Vor Kermani war für die Muslime der türkische Orientalist Fuat Sezgin als Preisträger vorgesehen. Doch der lehnte ab, weil der dem Mitpreisträger Korn vorwarf, er sei im Konflikt der Palästinenser mit Israel zu israelfreundlich. Ersatzkandidat Kermani wiederum machte sich mit einem in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichten Essay bei Lehmann und Steinacker unbeliebt. Der Autor setzte sich darin mit der Bedeutung des Kreuzes auseinander und schrieb unter anderem, die Kreuzestheologie sei für ihn „Gotteslästerung und Idolatrie“.
Es kam zum Eklat, Kermani wurde aus dem Quartett der Preisträger gestrichen, und erst nach langen, von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) als „Staatsposse“ bezeichneten öffentlichen Debatten erreichte man doch noch eine einvernehmliche Lösung. Bis heute ist nicht klar, wie es im Mai zur Entscheidung des für die Preisvergabe zuständigen Kuratoriums kam, Kermani den Preis wieder abzuerkennen. Lehmann sagt, er habe zwar – unterstützt von Steinacker – an Koch geschrieben und ihm mitgeteilt, dass er die Ehrung nicht gemeinsam mit Kermani annehmen könne. Er habe jedoch nie verlangt, Kermani den Preis abzuerkennen.
Eklat scheint ausgeschlossen
Koch wird sich bei der Vergabe des mit 45.000 Euro dotierten Preises erstmals zu der Auseinandersetzung äußern. Bei zwei Debatten im Landtag hatte er geschwiegen, die Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva Kühne-Hörmann (CDU), vorgeschickt und die Forderung der Opposition nach einer Entschuldigung bei Kermani ignoriert. SPD, Grüne und Linkspartei hatten dem Regierungschef vorgeworfen, er habe „moralische Schuld“ auf sich geladen und dem Ansehen des Landes geschadet, indem er die vorübergehende Aberkennung der Auszeichnung an Kermani zugelassen habe.
Die Protagonisten des Streits – Kermani und Koch – hatten sich dem Vernehmen nach schon vor Wochen auf dem Frankfurter Flughafen getroffen, nachdem der Schriftsteller eine Einladung des Ministerpräsidenten nach Wiesbaden abgelehnt hatte. Das Gespräch sei ausgesprochen konstruktiv verlaufen, heißt es, die Meinungsverschiedenheiten sind offenbar wenigstens so weit ausgeräumt, dass ein Eklat bei der Preisvergabe ausgeschlossen scheint.
Reden mit Spannung erwartet
Kermani hat bei öffentlichen Auftritten in den vergangenen Wochen immer wieder versichert, seine Beschreibung eines Kreuzigungsbildes sei keinesfalls diskriminierend gemeint gewesen, und wenn der Text bei Lesern diesen Eindruck erweckt habe, tue ihm das leid.
Bei einer Veranstaltung Ende September in Offenbach erinnerte er aber auch an die Kampagne Kochs vor der Landtagswahl 2008, die ausländerfeindliche Tendenzen gehabt habe, aber glücklicherweise gescheitert sei. „Das war für lange Zeit der letzte Versuch eines CDU-Politikers, mit diesem Thema zu punkten.“ Offenbar sind die in den vergangenen Monaten bei Kermani geschlagenen Wunden doch noch nicht vernarbt. Seine und Kochs Reden werden dementsprechend mit großer Spannung erwartet.