05.06.2008 · Über Homberg an der Efze kam die Reformation nach Hessen - als Folge einer Synode im Jahr 1526. Vieles erinnert daran in dieser nordhessischen Fachwerkidylle, in der morgen der Hessentag beginnt. Ein historischer Rundgang.
Von Alexander ArmbrusterVögel zwitschern im undurchsichtigen Dickichtgrün. Dahinter verborgen liegt die Burg. In Serpentinen windet sich der Waldweg bis auf 377 Meter Meereshöhe hinauf. Dort teilt sich der Blättervorhang und gibt den Blick frei auf nordhessisches Flachland. Im Westen begrenzen die Ausläufer des Rheinischen Schiefergebirges seine Ausdehnung, im Norden ragt der Mosenberg empor, im Süden sind es die Hänge des Knüllgebirges, gegen die das abwechselnd grasgrün und rapsgelb leuchtende Pflanzenmeer anbrandet. Wer auf der Burg steht, kann das alles überschauen. Deshalb wurde sie dort gebaut. Noch bevor es Homberg als Stadt gab.
An jedem mittelalterlichen Tag kamen sie hier vorbei, die Händler mit ihren Ochsen- und Pferdegespannen. Oft haben sie ihre Wagen schon in Antwerpen beladen und sind auf der alten Handelsstraße über Köln, Wetzlar, Marburg, Danzig und Königsberg bis in die russische Stadt Nowgorod gefahren. Außerhalb der Stadtmauern waren die Wege zumeist weder befestigt noch sicher. Die Landesherren ließen in regelmäßigen Abständen Burgen gegen Banditen bauen. Eine davon auch auf der Anhöhe im Efzetal. Mit der Burg kamen die Soldaten, mit den Soldaten die Handwerker und mit den Handwerkern die Bauern. Sie bauten ihre Häuser und Höfe auf dem Südhang des Berges, sonnenbeschienen und im Schutze der Burg. Die Ansiedlung wuchs zu einem Dorf, dieses zu einer Stadt. Im Jahr 1231 wurde Homberg, soweit man heute weiß, zum ersten Mal auf einer Urkunde erwähnt.
Eine Altstadt wie aus einer Modellbahnlandschaft
Der schmale Waldweg führt von der Burg hinab bis zu einem Jägerzaun, der seine Zacken dort in die Luft streckt, wo einmal die alte Wehrmauer gestanden hat. Nach einem scharfen Rechtsknick wird der mittlerweile restaurierte Wachturm sichtbar, der den ehemals einzigen Fußgängerdurchgang von der Burg in die Stadt überdacht. Die Stadtvorderen haben für diese Passage den liebevollen Namen „Hochzeitspförtchen“ erdacht. Wer hindurchgeht und auf der Hochzeitsgasse bergab schlendert, sieht zuerst den Backsteinbau der Kreissparkasse. Auf der linken Seite schmückt das fachwerkverzierte Rathaus die Szene. Und überhaupt: Alle Gebäude um den Marktplatz herum sehen so idealtypisch fachwerkverziert aus, als wären sie aus der künstlichen Landschaft einer Modelleisenbahn entnommen und in die Homberger Altstadt gestellt worden. Bis auf das in der Mitte. Großartig überragt die Marienkirche ihre Umgebung, beinahe eine Nummer zu groß für diese Stadt. Es scheint, als ob all die Nachbarhäuser und -häuschen zu ihr aufschauen wie Kinder zu ihrer Mutter. Auch von innen betrachtet sieht sie riesig aus. Drei Kirchenschiffe führen nebeneinander her auf den Altar zu. Die Kirchendecke, die von gotischen Spitzbögen getragen wird, wölbt sich wie ein künstlicher Himmel über Betende und Touristen.
Letztere kommen vor allem wegen des Bildes über dem Altar. In dessen oberem Drittel ist Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist dargestellt. Auf dem Mittelteil umstehen die Reformatoren Martin Luther, Philipp Melanchthon, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin einen Altartisch. Unten ist zu sehen, wie der ehemalige hessische Landgraf Philipp der Großmütige mit seinen Beratern diskutiert. Die Szene soll die „Homberger Synode“ darstellen: Vertreter von Adel, Klerus und reicher Bürgerschaft tagten vom 20. bis zum 22. Oktober 1526 in der Marienkirche und beschlossen, den evangelischen Glauben als „Staatsreligion“ im damaligen Hessen einzuführen. Gegenüber dem Altar, auf der Empore über dem Haupteingang der Kirche, steht ein Gebirge aus barock geschmückten Orgelpfeifen, das genauso wuchtig wirkt wie das Gotteshaus selbst.
Mit dem Kirchenbau soll im Jahr 1340 begonnen worden sein. Die Linde auf dem Vorplatz ist angeblich noch älter. Wie eine Krücke sieht die Metallkonstruktion aus, die verhindert, dass der ungefähr siebenhundert Jahre alte Baum umfällt. Daneben führt eine Treppe hinunter auf den Marktplatz. In das Podest, auf dem die Kirche von hier aus betrachtet steht, sind die sogenannten Schirnen eingelassen. Im Mittelalter sollen das offene Geschäftsräume gewesen sein, in denen Metzger und Bäcker ihre Waren feilgeboten haben. Heute beherbergen sie Geschäfte, an einer Tür hängt das Schild einer Versicherung.
Die Straßenschilder bezeichnen oft nicht nur einen räumlichen, sondern auch einen zeitlichen Streckenabschnitt. Über die Westheimer Straße und durch das Westheimer Tor sollen im Mittelalter die Karren der Händler von Westen her in die Stadt gerollt sein. Wer auf dem Besenmarkt nach rechts abbiegt, gelangt in die Bischofstraße. Sie ist benannt nach dem Priester Heinrich Bischof, der einer durch den Handel mit Wolle reich gewordenen Homberger Familie entstammt. Im Jahr 1368 hat er das „Hospital zum Heiligen Geist“ bauen lassen, das nach mehrmaligem Umbau heute ein Altenwohnheim ist.
Die Westheimer Straße ist immer noch neben dem „Neuen Tor“ die wichtigste Verbindung zwischen Hombergs Altstadt und der Neustadt, die allerdings ganz und gar nicht neu ist. Anno 1356 sollen hier die ersten Häuser gebaut worden sein. Der Reichtum aus dem Wollhandel soll damals immer mehr Menschen dazu gebracht haben, ins Efzetal zu ziehen. Aus der Häusersiedlung wurde ein Stadtteil namens „Freiheit“ mit eigenem Bürgermeister und eigener Kirche. Die Freiheiter Straße erinnert sichtbar an die einstige Eigenständigkeit. Neustadt und Altstadt koexistierten friedlich, bis Landgraf Philipp der Großmütige 1536 beide Stadtteile zusammenlegen ließ, um eine stärkere Einheit zu schaffen.
Im Dreißigjährigen Krieg fast völlig zerstört
Der Plan ging anfangs auf. Aber auch die nun größere Stadt konnte rund hundert Jahre später dem Ansturm des Dreißigjährigen Krieges nicht standhalten. Nur 800 der damals 2645 Einwohner sollen den Krieg überlebt haben, viele Häuser wurden zerstört. Der militärischen Niederlage folgte der wirtschaftliche Untergang. Während des Krieges war der Woll- und Tuchhandel, auf den sich der Homberger Reichtum im Mittelalter gründete, zusammengebrochen. In den Folgejahren erholte sich das Geschäft zwar, erreichte aber nie wieder die Dimension von vor 1618. Der endgültige Niedergang der Homberger Tuchindustrie wurde durch billiger importierte Stoffe besiegelt, mit denen die Ware der heimischen Tuchhersteller nicht konkurrieren konnte. Die Einnahmen brachen ein.
Auch von der in den nächsten Jahrhunderten folgenden Industrialisierung konnten die Homberger so gut wie gar nicht profitieren. Bloß eine Eisenhütte gab es im Stadtteil Holzhausen. Höchstens 200 Arbeiter waren dort beschäftigt. 1968 musste dieses Werk, das auf die Produktion von Ofenteilen spezialisiert war, Konkurs anmelden. Bis heute ist es ein Anliegen der Kommunalpolitiker, Gewerbe und Industrie anzusiedeln und so mehr privatwirtschaftliche Arbeitsplätze im Ort zu schaffen. Gegenwärtig arbeiten die meisten der rund 16.000 Homberger bei Dienstleistern und vor allem in der öffentlichen Verwaltung. Homberg hat nicht nur zwanzig Stadtteile, sondern ist zugleich Kreisstadt des Schwalm-Eder-Kreises.
Jüngst wurde der Hochwasserschutz an der Efze verbessert, außerdem entstanden sieben Kilometer neue Radwege. Rund 2,5 Millionen Euro hat das gekostet, den Löwenanteil in Höhe von 2,1 Millionen hat das Land Hessen dazugegeben. Von dem Geld wurde auch der historische Ortskern herausgeputzt. Wer heute auf dem Marktplatz steht und all die Bilderbuchhäuser betrachtet, sieht darum vom wirtschaftlichen Niedergang vergangener Jahrhunderte kaum noch etwas. Die Einheimischen nicht. Und auch nicht die Besucher, die von morgen an so zahlreich in Homberg erwartet werden. Denn dann beginnt der Hessentag und soll getreu dem für ihn in diesem Jahr erdachten Motto bis zum 15. Juni wirklich „märchenhaft“ gefeiert werden. In dieser Bilderbuchstadt. Im Schutze der Burg.