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Hessentag Mais, Mandeln und der Euro-Döner

13.06.2008 ·  Ein Tornado-Jet neben einem Karussell, dazwischen eine Vorführung der Feuerwehr und ein Stand mit Schmuck, bewacht von der Bundespolizei: Ein Bummel über die Hessentagsstraße.

Von Alexander Armbruster
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Abwechslung ist garantiert: Im „Nuss-Speicher“, zwischen den Aussiedlerzelten der Landesausstellung, gibt es Lebkuchenherzen und gebrannte Mandeln zu kaufen. Direkt nebenan entstehen in permanenter Zufälligkeit die wohl skurrilsten Bilder auf der Hessentagsstraße. Zum Beispiel im Cockpit des Bundeswehr-Tornados. Dort haben Kinder das Kommando übernommen. Mit einem verschmitzten Lächeln klettern sie die Leiter hinauf und setzen sich auf den Pilotensitz mit der gleichen Vorfreude, mit der sie auch in die Fahrgeschäfte auf der anderen Straßenseite einsteigen.

Der „Flying Circus“ sticht unter den Attraktionen dort ins Auge und in beide Ohren. So laut, wie wenn der überdimensionierte Greifarm das Karussell in luftiger Höhe um die eigene Achse kreiseln lässt, schreien die Jugendlichen nirgendwo sonst auf dem Festgelände. Viele fahren hier mit - wenige kaufen die Maiskolben aus „Münchs Schlemmerküche“. Nicht mal jene, die mit Kräuterbutter garniert etwas weniger nach Mais schmecken. Einen Grund will der Inhaber nicht nennen. Er sei selbst ein bisschen ratlos, denn bisher kommen jeden Tag mehr Besucher als erwartet zu dem Landesfest. Außerdem hält das Wetter. Es regnet nicht.

Von Schnee kann sowieso und überhaupt keine Rede sein. Aber trotzdem stellt man sich die Hessentagsstraße, steil wie sie ist, für einen Moment als Talabfahrt vor, wenn die Gondel-Kabine samt den demonstrativ daneben stehenden Skiern den Werbestand der Wintersportstadt Willingen wortlos ankündigt. Kalte Gedanken, die beim Blick auf die andere Straßenseite schnell verfliegen. Denn in der Toreinfahrt lodern Flammen aus einem brennenden Auto. Mehrmals am Tag. Damit niemand die Feuerwehrübung verpasst.

Fünf Euro je Krawatte

Wer sein Geld für länger Haltbares ausgeben will, kann jetzt zugreifen. Armreifen liegen neben Lippenstiften. Daneben gibt es - und das ist vollkommen ernst gemeint - Krawatten. Fünf Euro kostet eine. Jeden Morgen, steht auf dem Schild, kämen tausend weitere dazu. Dass der Laden nicht längst unter einem Berg Binder begraben wurde, liegt daran, dass „das Geschäft brummt“. Heinz Fülling jedenfalls kann die Klagen mancher Ramschbudeninhaber über magere Umsätze nicht verstehen. Das „weiß“ auch die Frau einen Stuhl weiter. Für wenige Euro verspricht sie nicht nur die geschäftliche Zukunft, sondern auch das persönliche Liebeslebenglück vorherzusagen. Allzu unverständlich ist, dass sie über eine Nachfrage zu ihrer Arbeit klagt. Schließlich hätte sie die auch schon vorherwissen müssen und dann einfach kurz eine Beratungspause einlegen können. Am besten bei den Zeugen Jehovas, die ihr getreu dem Hinweisschild zu erklären versucht hätten, „was Gott von uns erwartet“.

Adelheid Gißke hat keine Zeit für eine Pause, dafür einen Stand voller Kunden. Ihre computergesteuerte Nähmaschine rattert ununterbrochen und fädelt auf Baseball-Kappen individuelle Kundenwünsche ein. „Ich bin Rentner und habe keine Zeit“ steht auf einer vorgefertigten Mütze, das Pendant für Jugendliche fehlt. Die Jugendlichen an ihrem Stand auch. Die trifft man eher im Jugendtreff ein Stück weiter. Dort stehen Billardtische neben Tischfußballautomaten und dröhnt eine Musik im Hintergrund, die garantiert, dass die Jungs und Mädels ungestört bleiben.

Mit Kuscheltieren, Mützen, Sonnenbrillen, Staubsaugern, Küchenbesen und Briefmarken kann man sich natürlich auch eindecken, hat dann aber vielleicht schon das gesamte Portemonnaie geplündert, bevor das erste frische Obst angeboten wird. Die Ernüchterung folgt beim Blick nach oben: „Schokofrüchte“ steht auf der Tafel, so, als würde der zuckersüße Überzug vielmehr Kunden anlocken.

Kostenlose Musik an der Kraftstrombühne

Frank Hamachers Schmuckverkauf steht neben der Bundespolizei. „Rein zufällig“, wie er sagt, „aber auch in den vergangenen Jahren sei das so gewesen.“ Auch in den vergangenen Jahren hat die Türkei die Mitgliedschaft in der EU beantragt und bisher verweigert bekommen. Den Dönerladenbetreiber an der Ecke ficht das allerdings überhaupt nicht an. Er geht mit seinem Namen „Euro-Döner“ sogar den Schritt in die ganz persönliche Währungsunion. Der Imbissstand Mäckle, wo Bratwürste und Grillsteaks über Holzkohle brutzeln, nimmt sich dagegen aus wie ein spießiger Spielverderber.

Dann kommt die Westheimer Straße. Hier haben viele Homberger Geschäftsleute ihre Läden. Für den Hessentag haben aber auch sie Stände direkt auf der Straße aufgebaut, weil Laufkundschaft am besten an Laufgeschäften bedient wird. Wagners Reformhaus folgt auf Wagners Parfümerie folgt auf Griesels Modeladen, wo Kunden zwanzig Prozent Hessentagsrabatt bekommen. Wer danach immer noch Geld übrig hat, kann Bücher, Zeitungen oder Kuchen kaufen und sich dann mit vollen Händen und leeren Taschen auf den Marktplatz vor die Kraftstrombühne setzen und Musik hören: kostenlos.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Wirtschaft.

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