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Hessen vor der Wahl An Europa leiden, mit Europa gewinnen

06.05.2009 ·  Hessen ohne Europäische Union? Dass lässt sich so wenig denken wie Hessen ohne Deutschland. Mal traktiert Brüssel die hessische Wirtschaft, mal hilft es ihr - auf jeden Fall aber profitiert das Bundesland von der EU.

Von Manfred Köhler
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Viel war zuletzt von der Globalisierung die Rede. Doch wenige Wochen vor der Europawahl darf daran erinnert werden, dass ihre kleine Schwester, die Europäisierung, auch nicht ohne ist. Gewiss hat der Welthandel in den vergangenen Jahren enorm zugenommen, doch die Basis des Außenhandels der Bundesrepublik wie auch Hessens ist immer noch der Handel innerhalb des Kontinents. Sowohl der Import wie auch der Export Hessens wuchsen bis zum Ausbruch der Wirtschaftskrise von Jahr zu Jahr, der Anteil Europas daran blieb jedoch konstant. Hessens wichtigster Handelspartner ist nicht ein Land in der Ferne, sondern Frankreich.

Wie stark die hessische Wirtschaft mit dem Ausland verflochten ist, lässt sich kaum ausdrücken. Die offizielle Exportquote, für die die Ausfuhren ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt gesetzt werden, betrug im Falle Hessens 2007 lediglich 22,7 Prozent, in Baden-Württemberg hingegen 42,4. Doch sind dabei nur die Exporte von Gütern berücksichtigt, nicht die Verflechtungen bei Dienstleistungen. Gerade die Bankenwelt aber, die Frankfurt und damit Hessen prägt, ist auf eine eigene Weise mit dem Ausland verflochten, ohne dass sich das in herkömmlicher Weise statistisch erfassen lässt. Die Deutsche Bank etwa zählt, um nur ein Beispiel zu nennen, in London ungefähr genauso viele Mitarbeiter wie in Frankfurt.

Liberalisierung staatlicher Monopole

Dass Hessen von der europäischen Einigung nicht nur beim Handel profitiert, ist schon beim Blick auf die Europäische Zentralbank sinnfällig, mit der Frankfurt zu einer der europäischen Hauptstädte geworden ist. Doch Europa ist noch in weiterer Weise am Main vertreten: durch eine kleine Behörde im Westhafen namens Ceiops, die sich um die Aufsicht über die Versicherungen kümmert, deren Fortbestand in Frankfurt freilich gefährdet ist.

Sonst leiden Hessens Bürger und Unternehmen wie jeder in Europa unter der Brüsseler Bürokratie; ob sie wiederum die vielfältigen Subventionen gutheißen, die sich über die Landwirtschaft ebenso ergießen wie über Wohnsiedlungen mit hohem Ausländeranteil, hängt davon ab, ob sie gerade davon profitieren oder nicht. Die EU hat die Lenkung des Wirtschaftslebens mit Geld auf die Spitze getrieben, andererseits, doch kommen immer wieder auch wichtige Reformimpulse aus Brüssel, namentlich zur Liberalisierung staatlicher Monopole. Die von der EU-Kommission vorangetriebene Ausschreibung etwa des Schienen- und Omnibusverkehrs hat Hessens Bürgern viele Steuermillionen erspart, weil die Unternehmer durch den Wettbewerb effizienter wurden.

Ebbelwei im Visier gehabt

Auch am Frankfurter Flughafen werden Ausschreibungen für Tätigkeiten wie das Beladen und Betanken von Maschinen erzwungen, die letztlich die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Airports stärken können, so unbeliebt sie auch bei den Beschäftigten sein mögen. Manchmal leidet Hessen regelrecht leidenschaftlich an Europa, etwa dann, wenn EU-Bürokraten dem Apfelwein ans Zeug wollen (Apfelwein darf weiter Apfelwein heißen), doch der europäische Alltag ist unspektakulär. Güter im Wert von Milliarden fließen Jahr für Jahr von hier nach da und von da nach dort, und Hessen ist mittendrin.

Käse, Pillen, Flugzeuge: Hessens Handel mit Frankreich

Auch dieser Käse zählt. Denn manches, was bei Käse Becker an der Schweizer Straße in Frankfurt hinter der Glastheke steht, bestellt Inhaber Manfred Müller direkt in Frankreich. Dafür ruft er bei einem Händler in Rungis bei Paris an und verlangt neuen französischen Käse wie einen Brie de Meaux. Wenn die Käsesorte in dessen Reifekeller lagert, schickt ihn der Franzose gleich per Lastwagen auf den Weg nach Frankfurt.

Damit trägt Müllers Käse zu den guten hessisch-französischen Handelsbeziehungen bei. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ist Frankreich Hessens wichtigster Handelspartner. Doch Käse und Wein spielen eine untergeordnete Rolle. Stattdessen zählen Industrieprodukte zu den wichtigsten Warenuntergruppen.

So belebt das Werk des französischen Pharmaherstellers Sanofi-Aventis in Frankfurt-Höchst die hessische Handelsbilanz. Wenn ein dort hergestelltes Medikament nach Frankreich geliefert wird, stellt dies die deutsche Tochtergesellschaft der französischen Mutter in Rechnung. Und wenn die für die Produktion notwendigen Wirkstoffe aus Frankreich nach Frankfurt-Höchst geliefert werden, muss der hessische Standort dafür zahlen. Insgesamt wurden 2008 pharmazeutische Erzeugnisse im Wert von 374 Millionen Euro aus Hessen nach Frankreich exportiert und im Wert von 436 Millionen Euro importiert. Bei den Ausfuhren erreicht keine andere Warengruppe eine höhere Summe. Bei den Einfuhren hingegen kamen Flugzeuge mit einem Wert von 1,34 Milliarden Euro auf einen höheren Betrag, womöglich Airbus-Lieferungen an die Lufthansa.

Auf Medikamente folgten Autoteile und -zubehör wie Fahrgestelle, Karosserien und Motoren mit einem Importwert von 406 Millionen Euro und einem Exportbetrag von 262 Millionen Euro. Zu den Ausfuhren trägt zum Beispiel Peiker Acustic aus Friedrichsdorf bei. Das Unternehmen produziert unter anderem Freisprechmikrofone für Autos und exportiert die hessischen Produkte über eine Tochtergesellschaft nach Frankreich. 2008 hat Peiker Acustic damit 5,7 Milliarden Euro umgesetzt. Die nächsten Warengruppen waren chemische Produkte (261 Millionen Euro) bei den Ausfuhren sowie Duftstoffe und Körperpflegemittel (284 Millionen Euro) bei den Einfuhren. (jch.)

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Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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