Home
http://www.faz.net/-gzm-y5gx
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hessen Ringen um die Lehrerausbildung

15.02.2010 ·  Leise, aber beharrlich wird über die geplanten Änderungen des Lehrerbildungsgesetzes gestritten. Die traditionell links geprägte Organisation GEW ist auf Seiten der Kultusministerin Henzler.

Von Jacqueline Vogt, Wiesbaden
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Schöne Zeiten für die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP). Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), eine mitgliederstarke, mächtige und traditionell links geprägte Organisation, steht auf ihrer Seite. Ein Entwurf zur Novellierung des Hessischen Lehrerbildungsgesetzes, in Henzlers Ministerium formuliert, hat die fast einhellige Unterstützung der Organisation, könnte also nahezu unverändert durch alle Gremien gebracht werden. Gegen die GEW etwas durchsetzen zu wollen, das haben Kultusminister von SPD bis CDU erfahren, ist sehr schwer. Schöne Zeiten also für Henzler. Theoretisch. Denn da ist noch der Koalitionspartner CDU, und da ist ein Konflikt, den beide Parteien nicht offiziell als solchen bezeichnen, auch wenn sie das hinter verschlossenen Türen sehr wohl tun.

Leise, aber beharrlich wird über die geplanten Änderungen des Lehrerbildungsgesetzes gestritten. Unter anderem soll die Dauer des Vorbereitungsdienstes für angehende Lehrer (früher Referendariat genannt) verringert werden. Die FDP will eine Verkürzung von derzeit 24 auf 21 Monate und folgt damit der GEW.

„Mehr Praxisbezug“

Dass der Vorbereitungsdienst, während dem die Lehrer in spe unterrichten und gleichzeitig an den hessischen Studienseminaren theoretisch ausgebildet werden, kürzer werden soll, ist bei allen politischen Parteien unstrittig. Dies schon deshalb, weil die Studienseminare überfüllt sind, die Ausbilder dort wie auch die Referendare unter den Belastungen ächzen, die sie seit der grundlegenden Reform der hessischen Lehrerausbildung im Jahr 2005 schultern müssen. Zudem herrscht Lehrermangel, und jeder Betreuer eines angehenden Lehrers fehlt im regulären System, wie es auch der tut, der in einem Teil seiner Zeit selbst noch lernt. Etliche Länder haben deshalb die Ausbildung schon verkürzt.

In Hessen, hatte die Kultusministerin kurz nach ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr gesagt, werde es spätestens im Sommer 2009 so weit sein. Dass es dazu bisher nicht gekommen ist, liegt an einer Diskussion, von der niemand sagt, dass es unvernünftig sei, sie zu führen. „Mehr Praxisbezug“ heißt die Devise, und der engagierteste Redner in dieser Debatte ist der CDU-Schulpolitiker Hans-Jürgen Irmer. Er will, grob zusammengefasst, die gesamte Lehrerausbildung, also die universitäre und die nachuniversitäre, neu ordnen. Lehramtsstudenten, so Irmer im Gespräch mit dieser Zeitung, sollten das dritte Semester ihres Studiums an einer Schule verbringen müssen und dort den Unterricht, die Gremienarbeit und die Arbeit mit Eltern kennenlernen. Das sei, meint Irmer, „eine gute Möglichkeit zu überprüfen, ob der Beruf das Richtige für einen ist“. Als Kronzeugen dafür, dass das Praxissemester richtig und notwendig sei, benennt Irmer den Erziehungswissenschaftler der Frankfurter Universität Udo Rauin – jenen Mann, der mit einer Studie zur inneren Motivation von Lehrkräften viel Aufsehen erregt hat („Die meisten haben nie für den Beruf gebrannt“).

„Eine Riesensache“

Rauin sagt, er halte „eine Praxisphase für vernünftig“, allerdings müsse sie „gut begleitet werden“. Gegen ein Praxissemester hat sich schon mehrfach der hessische Philologenverband ausgesprochen; er befürchtet eine zu hohe Arbeitsbelastung an den Schulen. Für ein oder auch mehrere Praxissemester ist hingegen der schulpolitische Sprecher der Grünen im Hessischen Landtag, Matthias Wagner. So ergibt sich in dieser Frage eine politische Grenzziehung mit FDP und GEW auf der einen und CDU und Grünen auf der anderen Seite. Denn scheinbar haben Praxissemester und Verkürzung des Vorbereitungsdienstes nichts miteinander zu tun, hängen aber zusammen. Das Referendariat, sagt Irmer, könnte, wenn das Praxissemester verpflichtend sei, um sechs Monate gekürzt werden, damit die Ausbildung nicht insgesamt länger werde.

Die Themen nicht zu verknüpfen fordert Joachim Euler, Leiter des Studienseminars für berufliche Schulen in Frankfurt und bei der GEW Hessen zuständig für Fragen der Lehrerausbildung. Das gesamte Lehramtsstudium umzubauen, sagt er, sei „eine Riesensache“, schon weil dafür nicht nur das Kultusministerium, sondern auch das für Wissenschaft und Kunst zuständig ist. Überdies wären die Universitätspräsidenten einzubinden. Anhörungen, Entscheidungen in den Parteien, parlamentarische Initiativen – eine Aufgabe für Jahre, meint Euler. Der Vorbereitungsdienst aber müsse jetzt verkürzt werden, um die Mentoren, also die Betreuer der Referendare, zu entlasten. Die Rechnung der Gewerkschaft: Was die dreimonatige Verkürzung an Mitteln freisetzt, kann aufgewendet werden, um die Mentoren um eine Stunde je Woche zu entlasten. Bisher sind Fortbildungspunkte der Lohn für die Betreuungsarbeit.

Der Druck soll rausgenommen werden

Einen schnellen Erfolg möchte die GEW, Henzler will ihn auch – kein Wunder, dass der Gewerkschafter die Ministerin lobt („Sie hat sich bewegt“). Die Motive Irmers hält Euler für keine altruistischen, sondern vermutet „einen Machtkampf“ zwischen einem Mann, der gern Kultusminister geworden wäre, und der Frau, die das Amt bekommen hat. Machtkämpfe gebe es nicht, sondern nur freundschaftliches Ringen um die besten Konzepte, heißt es in der FDP-Fraktion. „Von den Grundprinzipien her sind wir uns einig“, sagt der schulpolitische Sprecher Mario Döweling, „entscheidende Fragen“ seien aber noch zu klären.

„Praxissemester sind im Grundsatz eine gute Sache.“ Das sagt Frank Sauerland, Leiter des Amtes für Lehrerbildung. Sie zu installieren und damit Veränderungen, die das gesamte Ausbildungssystem beträfen, dauere allerdings länger als eine Legislaturperiode. „Entweder wird um drei Monate verkürzt, oder es bleibt alles, wie es ist“: So schätzt Sauerland die Verhandlungslage ein. „Ich kann mit beidem leben, aber es sollte entschieden werden“, fügt er hinzu und spricht von einer Hängepartie, die es zu beenden gelte.

In der CDU sollen die Vorschläge von Hans-Jürgen Irmer nicht unumstritten sein. Wie es heißt, gibt es eine leichte Tendenz, die Frage des Studienumbaus nach hinten zu verlegen und den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun, also erst einmal über den Vorbereitungsdienst zu entscheiden. Irmer sagt dazu, es gebe einen „Kompromissvorschlag“: Das Referendariat bleibt 24 Monate lang, wird aber inhaltlich entschlackt, „um den Druck rauszunehmen“. Die Koalitionspartner FDP und CDU indes sind noch weit davon entfernt, sich so zu einigen. Heute finden wieder Gespräche zum Thema statt.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Karlsruher Konzern unter Druck

Von Manfred Köhler

Der Energieversorger ENBW im Rhein-Main-Gebiet? Neu wäre das nicht. Der Karlsruher Konzern ist mit 15,1 der Mannheimer MVV Energie beteiligt, die wiederum 48,6 Prozent am Offenbacher Energieversorger EVO hält. Mehr