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Veröffentlicht: 27.07.2011, 07:12 Uhr

Hessen Hunde-Führerschein soll Rassenliste ersetzen

Hessens Tierschutzbeauftragte will einen Eignungstest für alle Halter – viele könnten sich damit anfreunden.

von Andreas Groth, Frankfurt
© Maria Irl Vor dem Gesetz sollten sie alle gleich sein, auch der Mops.

Meistens geht Podenco-Mischling Zoe mit ihrem Frauchen an die Nidda. An diesem feucht-milden Sommerabend sind die beiden jedoch im Frankfurter Grüneburgpark unterwegs. Zoe gilt offiziell als ungefährlich. Sie steht nicht auf der umstrittenen Rassenliste. Anders als der Pitbull, der Bullterrier und acht weitere Kaltschnäuzer, die die Hessische Hundeverordnung per se als gefährlich einstuft, muss sie keinen Wesenstest absolvieren, ihre Halterin, Christine Carbone, keine Sachkunde nachweisen.

Im Tierschutzbericht 2010 äußerte die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin Zweifel an jener Liste. Selten seien sich die Fachleute so einig wie in diesem Fall: Es gebe keine von Geburt an gefährlichen Rassen. Völlig unbescholtene Bürger, deren Hunde sich auf der Liste fänden, seien mit der „geballten Gewalt des Gesetzes“ verfolgt worden, schreibt die Tierärztin im Staatsdienst. Deshalb schlägt Martin etwas anderes vor: einen verpflichtenden Führerschein für alle Hundehalter.

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Eingriff in die Freiheit des Einzelnen zugunsten der öffentlichen Sicherheit

Sabine Stärkl, Hunde-Oberpflegerin im Tierheim Frankfurt, findet die Idee gut. Die Rassenliste sei das Ergebnis von staatlichem Aktionismus. Man solle sie fallenlassen und einen „ordentlichen Hundeführerschein“ einführen. Käme es so, müssten laut Tierschutzbericht sämtliche Halter zunächst eine Sachkundeprüfung absolvieren und danach eine Mensch-Tier-Team-Prüfung meistern. Die Halter beschäftigten sich viel zu wenig mit ihren Vierbeinern, meint Stärkl: „Wenn ein Hund knurrt, denken viele, der ist aggressiv. Das kann aber vieles heißen.“

Wenn alle Hundebesitzer ihre Eignung nachweisen müssten, wäre das ein Eingriff in die Freiheit des Einzelnen zugunsten der öffentlichen Sicherheit. Das geht Zoes Halterin Christina Carbone zu weit: „Für einen Ersthund würde ich es empfehlen, aber das ist mein sechster, und ich weiß mittlerweile, wie es geht.“ Vielmehr solle man eine Hunde-Haftpflichtversicherung vorschreiben, meint sie. Dadurch würden auch zahlungsunfähige Halter für Schäden aufkommen können, die ihre Hunde verursachten.

211 Hunde gelten in Frankfurt als gefährlich

Für die Bankerin, die dreimal in der Woche mit ihrem rhodesischen Ridgeback Thola im Grüneburgpark Gassi geht, ist der Hundeführerschein hingegen ein „absolutes Muss“. Thola ist ein großer, gepflegter Hund, sein braunes Fell glänzt. Von den Joggern, die an ihm vorbeilaufen, nimmt er kaum Notiz. Man merkt ihm seine gute Erziehung an. Für ein Foto posiert er artig. Sie habe früher hier im Park gegen Leinenzwang demonstriert, sagt seine Besitzerin. Wenn ein Hund gut erzogen sei, müsse er nicht an die Leine. „Jeder Hund entwickelt sich wie sein Halter“, ist sie überzeugt.

Nach Angaben des Frankfurter Ordnungsamtes sind rund 14.300 Hunde in der Stadt gemeldet. Darunter seien 211, die laut Rassenliste als gefährlich gälten. Durchschnittlich würden in Frankfurt jährlich zehn Beißattacken registriert, sagt der stellvertretende Sprecher des Ordnungsamtes Michael Jenisch. Dass bestimmte Rassen besonders aggressiv seien, könne er nicht bestätigen. Recht oft seien die Beißer Mischlinge. Den Hundeführerschein sieht Jenisch skeptisch. Sei das Dokument einmal ausgestellt, müsse es auch regelmäßige Kontrollen geben. Das würde großen Aufwand erfordern, meint er.

„Listenhunde“ können auch ganz liebe Familientiere sein

Auch der kleine Mops August wäre künftig führerscheinpflichtig. Und obwohl der grau-braune Vierbeiner harmlos daherkommt, findet seine Halterin Lara Holst den Vorschlag richtig: Wer sich einen Hund zulege, könne anfangs nicht wissen, wie er agiere und reagiere. Deswegen sei eine Mensch-Tier-Team-Prüfung sinnvoll. Das dürfe dann aber nicht teuer sein, meint Christina Bäcker, die den fünf Jahre alten Mischling Baileys ausführt.

„Wer benötigt überhaupt diesen Schein? Reicht da ein Familienmitglied?“, fragt die Frankfurter Amtstierärztin Kerstin Wilke. Prinzipiell könne sie das Vorhaben, die Rassenliste durch einen Führerschein zu ersetzen, unterstützen. Sie kenne genug „Listenhunde“, die ganz liebe Familientiere seien.

FDP-Abgeordneter setzt auf freiwillige Lösungen

Ob der obligatorische Hundeführerschein wie in Niedersachsen Gesetz wird, ist noch ungewiss. Jedenfalls stehe die Hundeverordnung zur Diskussion, stellte unlängst Innenminister Boris Rhein (CDU) klar. So haben auch die Parteien im Wiesbadener Landtag das Thema wiederentdeckt. Die SPD-Landtagsabgeordnete Judith Pauly-Bender sieht in Hunden, die auffällig werden, „beklagenswerte Opfer eines mit der Führung überforderten oder gar zur ordentlichen Führung nicht bereiten Halters“. Der FDP-Abgeordnete Leif Blum vertritt dagegen liberale Hundepolitik: Der verpflichtende Führerschein sei eine „pauschale Stigmatisierung der vielen verantwortungsbewussten Hundehalter“. Er setzt auf freiwillige Lösungen.

Nicht nur für die Umwelt, auch für den Hund ist es besser, wenn er einen Besitzer hat, der mit ihm umgehen kann. Überforderte, unwissende Halter gäben ihre Hunde oft in Tierheimen ab, schreibt die Tierschutzbeauftragte Martin. Die Schuld für die Trennung wiesen die Halter in der Regel dem Hund zu.

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