20.10.2009 · Der von der hessischen Landesregierung eingekaufte Impfstoff Pandemrix hat zwar „etwas mehr Nebenwirkungen“ als die vom Bundesinnenministerium für die Politiker in Berlin bestellte Substanz. Aber er bietet Vorteile, wie ein Virologe meint.
Von Ewald Hetrodt, WiesbadenDer von der hessischen Landesregierung eingekaufte Impfstoff Pandemrix habe zwar „etwas mehr Nebenwirkungen“ als die vom Bundesinnenministerium für die Politiker in Berlin bestellte Substanz. Aber er biete im Kampf gegen die Schweinegrippe auch Vorteile. Dies hat der Virologe Stephan Becker von der Universität Marburg bei einer Pressekonferenz des Gesundheitsministers Jürgen Banzer (CDU) erklärt.
Die möglichen Nebenwirkungen bestehen nach den Worten des Wissenschaftlers beispielsweise in Rötungen an der Einstichstelle oder Schmerzen im Arm, die nach spätestens zwei Tagen wieder abgeklungen seien. Hervorgerufen würden sie durch bestimmte Wirkverstärker. Dieser erfasse aber nicht nur die derzeit grassierende Variante des H1N1-Virus, sondern auch Mutanten, die in der nächsten Zeit noch entstehen könnten. Von daher sei Pandemrix für die Bekämpfung einer Pandemie „sicherlich besser geeignet“.
Nebenwirkungen „massiv hochgespielt“
Die durch Presseberichte ausgelöste Diskussion über die für Bundespolitiker, hohe Berliner Beamte und Soldaten vorgesehene Substanz ohne Nebenwirkungen nannte Banzer „massiv hochgespielt“. Den Ausschlag für die unterschiedlichen Aufträge hätten die seit langem bestehenden Geschäftsgrundlagen gegeben: Der Bund habe einen Liefervertrag mit dem Hersteller Baxter. Hessen habe, wie auch die anderen Länder, Verträge mit der Firma Glaxo Smith Kline und dem Unternehmen Novartis.
Hessen hat nach Banzers Angaben 3,7 Millionen Dosen gekauft. Damit könnten bei einer einmaligen Impfung zirka 60 Prozent der Bevölkerung versorgt werden. Sollte eine zweite notwendig sein, reiche der vorhandene Stoff für 30 Prozent aus. Nach den vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen genüge für Menschen im Alter von zehn bis 60 Jahren eine einmalige Dosis.
Kasse zahlt 15,30 Euro je Dosis
Der Impfstoff wird von der Herstellerfirma an einen Großhändler in Hessen geliefert. Von dort wird er an die Gesundheitsämter weitergegeben. Die erste Lieferung hat das Frankfurter Gesundheitsamt entgegengenommen. Die Ärzte bestellen den Impfstoff für ihre Praxen bei 100 Apotheken, die dem Ministerium von den Vertretern der Branche genannt wurden. Die Krankenkassen zahlten 15,30 Euro für jede verabreichte Dosis, sagte Banzer.
Die freiwillige Impfung ist nach seinen Worten in Deutschland ohne Beispiel. Grundsätzliche Pläne für die Vorgehensweise gebe es aber schon seit langem. Die Aktion beginnt am nächsten Montag. Als Erste sind die Personen an der Reihe, die im Gesundheitsdienst und der Wohlfahrtspflege Kontakt zu Patienten und infektiösem Material hätten. Die Impfung kann beispielsweise in Krankenhäusern stattfinden.
Es folgen Angehörige von Polizei und Feuerwehr. Danach werden Menschen mit chronischen Krankheiten und Schwangere immunisiert. Sie werden von ihren Hausärzten oder Gynäkologen geimpft, Polizei und Feuerwehr werden vom Gesundheitsamt oder Betriebsärzten versorgt.
Für Schwangere ohne Wirkstoff-Verstärker
„Diese Bevölkerungsgruppen sollten in jedem Fall über eine Impfung nachdenken“, sagte Banzer. Grundsätzlich könnten sich aber alle Bürger unentgeltlich impfen lassen. Auch wer nicht zu einer Risikogruppe gehöre, könne sich unverzüglich an seinen Hausarzt wenden. Schwangeren werde die Impfung mit einer Substanz ohne Wirkverstärker empfohlen. Sie werde aber erst in einigen Wochen zur Verfügung stehen. Werdende Mütter sollten sich in jedem Fall an die sie behandelnden Gynäkologen wenden.
Der Impfstoff wird in Mehrwegverpackungen geliefert und muss rasch zum Einsatz kommen. Banzer rechnet nach eigenem Bekunden damit, dass die georderte Gesamtmenge völlig ausreiche und die Aufregung sich schon nach wenigen Wochen wieder lege.
„Als Minister habe ich nicht das Recht, auf einen milden Verlauf der Pandemie zu setzen“, meint er. Hessens Standortvorteile, der Flughafen und die Knotenpunkte von Autobahnen und Zugstrecken erwiesen sich in diesem Fall als Risiken. Eine weitere Gefahr könne entstehen, wenn sich das H1N1-Virus mit dem saisonalen Grippevirus vermische. Darum sei jede einzelne Impfung vernünftig. Denn sie nehme der Pandemie Angriffsfelder und helfe, „eine Schneise in das Infektionsgeschehen zu schlagen“.