30.10.2009 · Etwa 850.000 Kinder und Jugendliche wuchsen zwischen 1945 und 1975 in Deutschland in Waisen- und Erziehungsheimen auf. Bei einer Anhörung berichteten zahlreiche ehemalige Heimzöglinge von ihren tragischen Schicksalen in hessischen Einrichtungen.
Von Ralf Euler, WiesbadenDie Straftaten liegen dreißig, vierzig, fünfzig Jahre zurück, aber die Opfer können nicht vergessen, leiden noch heute psychische Qualen. Etwa 850.000 Kinder und Jugendliche wuchsen zwischen 1945 und 1975 in Deutschland in Waisen- und Erziehungsheimen auf. Viele von ihnen mussten brutale Erziehungsmethoden, Arbeitszwang, Prügel und sexuelle Übergriffe über sich ergehen lassen. Albträume, Depressionen, mangelndes Selbstwertgefühl, Kontaktschwierigkeiten sind die Spätfolgen. Bei einer Anhörung des Landtagsausschusses für Arbeit, Familie und Gesundheit berichteten zahlreiche ehemalige Heimzöglinge von ihren tragischen Schicksalen in hessischen Einrichtungen.
Viele der Opfer wissen bis heute nicht einmal, warum sie als Kinder ins Heim mussten. Angeborene Schwachsinnigkeit, Idiotie, schwer erziehbar – so lauten Erklärungen, die sich heute in den Akten finden. Manche, von überforderten Eltern abgeschoben („Ich war von Geburt an nicht erwünscht“), erhofften sich nach den Worten des Ausschussvorsitzenden Andreas Jürgens (Die Grünen) in einer vielversprechend „Heim“ genannten Einrichtung sogar eine Verbesserung ihrer Situation. „Aber statt Geborgenheit und Schutz erwartete sie oft die Hölle auf Erden.“
Badewanne mit kaltem Wasser
Tatsächlich sind die im Landtag vorgebrachten Erfahrungen erschütternd: Mauern, Stacheldraht, Schläge mit Rohrstöcken und Gürteln, Erniedrigungen, sexueller Missbrauch bis zur Vergewaltigung, stundenlanges Stehen im Nachthemd im zugigen Flur, Kinder, denen Erbrochenes wieder in den Mund geschoben wurde. „Nach einem halben Jahr war ich nicht mehr fähig zu weinen“, heißt es in der Erinnerung eines der Opfer, aus dessen schriftlichem Bericht Jürgens zitierte.
Einsperren, verwahren, quälen, foltern, im staatlichen oder im kirchlichen Auftrag. Der Wiesbadener Alexander Markus Homes, Autor der Heimbiographie „Prügel vom lieben Gott“, erzählt von Priestern und Nonnen, die sich nach Kräften bemüht hätten, „das Christentum in Kinderseelen hineinzuprügeln“. Wer erwischt worden sei, wenn er sich selbst befriedigt habe, sei in einer mit kaltem Wasser gefüllten Badewanne untergetaucht worden.
„Staatliche Aufsichtsbehörden haben versagt“
„Im Heim lernte ich, dass es besser ist, sich Schmerz selbst zuzufügen, damit man den Schmerz von außen nicht mehr so spürte“, erinnert sich die aus Kassel stammende Renate Schmidt, die in den sechziger Jahren im Erziehungsheim für junge Mädchen in Guxhagen-Breitenau in Nordhessen eingesperrt worden war. Freundschaften unter den Heimbewohnerinnen waren nicht geduldet, jeder Brief wurde gelesen, es gab nur bestimmte Bücher als Lektüre, keine Zeitungen, kein Radio und kein Fernsehen. Um 6.30 Uhr wurde aufgestanden, von acht bis zwölf und von 13 bis 17 Uhr gearbeitet, um 21 Uhr ging das Licht aus. „Wer in Breitenau die Pforten hinter sich geschlossen hatte, hatte keine Menschenrechte mehr.“ Dass das keine Einzelfälle waren, stellt der ehemalige Professor für Sozialpädagogik an der Technischen Universität Berlin, Manfred Kappeler, klar. Er spricht von einem „System struktureller Gewalt“. Erniedrigungen, Degradierungen, Entwürdigungen, Drill – die „klassische autoritäre Anstaltserziehung“ sei bis weit in die siebziger Jahre hinein die Regel, nicht die Ausnahme gewesen. Die Vertreter dieser Form von „Dressur“ hätten Unterordnung, blinden Gehorsam und das gewaltsame Unterdrücken von „Trieben“ als Erziehungserfolg angesehen.
Nahezu unerklärlich sei für ihn, so Kappeler, dass dieses System von Wissenschaftlern zwar bereits Anfang der fünfziger Jahre angeprangert worden sei, aber dennoch vielerorts jahrzehntelang weiter Bestand gehabt habe. 1971 seien sechs hessische Kinder- und Jugendheime von Fachleuten in Augenschein genommen worden. In keinem einzigen habe die Kommission eine an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientierte Betreuung erlebt, ein pädagogisches Konzept habe es meist nicht einmal ansatzweise gegeben. Erst in den achtziger Jahren habe sich die Praxis der Heimerziehung flächendeckend verbessert. Die staatlichen Aufsichtsbehörden hätten kläglich versagt, meint ein Opfer und erhält dafür den Beifall seiner Leidensgenossen.
„Das waren Sadisten“
Der Landtag hatte ehemalige Heimkinder aufgerufen, sich zu melden und von ihrem Schicksal zu erzählen. Die Parlamentarier wollen sich auf diese Weise ein Bild machen von den offenbar einst alltäglichen Menschenrechtsverletzungen in der Heimerziehung. Der Ausschussvorsitzende Jürgens nannte die Schilderungen „bedrückende Zeugnisse dafür, was Menschen anderen Menschen zuzufügen in der Lage sind“. Die Anhörung solle die Diskussion nicht abschließen, sondern einleiten; Ziel sei es, den Opfern „ein bisschen Genugtuung“ zu verschaffen. „Ich möchte, dass bekannt wird, wie wir gelitten haben“, sagt ein Anwesender.
Eine Frau, die in den fünfziger Jahren neun Jahre lang von „barmherzigen Schwestern“ drangsaliert wurde, fordert, die Ausrede „Es war damals so üblich“ dürfe nicht länger akzeptiert werden; ebenso wenig die Ausflucht, die Übergriffe seien lediglich von überlasteten sogenannten Erziehern begangen worden. „Das waren Sadisten – es war nicht Überforderung.“ Die Schuldigen seien nur in ganz wenigen Ausnahmefällen zur Rechenschaft gezogen worden, beklagen Jürgens und Kappeler. Als er im Erwachsenenalter versucht habe, seine Peiniger vor Gericht zu bringen, habe man ihm mitgeteilt, dass deren Schuld bereits verjährt sei, bestätigt jemand, der als „Sohn eines gefallenen Mädchens“ zehn Jahre in Heimen verbracht hat. „Das darf nicht passieren.“