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Hauptschulen „Die sie nicht wollen, verteidigen sie“

15.06.2008 ·  Die Hauptschule ist zum Sterben verurteilt, sagt Helmut Deckert: Der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung im Interview zu dem Themenschwerpunkt im zweiten nationalen Bildungsbericht.

Von Jacqueline Vogt
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Herr Deckert, wie fühlt sich wohl ein Lehrer an einer Hauptschule, wenn er in dem am Freitag veröffentlichten nationalen Bildungsbericht liest?

Er kann sich nur schlecht fühlen, weil er bestätigt bekommt, dass die Hauptschule eine Schule ist, die am Aussterben ist. Andererseits weiß er, dass gerade die Hauptschulen Einrichtungen sind, an denen das Personal pädagogisch Hervorragendes leistet.

Man denkt es sich ohnehin, nun ist es auch amtlich: Klientel der Hauptschulen sind vor allem junge Männer aus Einwandererfamilien. Wie kann wieder eine heterogene Mischung erreicht werden?

Überhaupt nicht, auch in Hessen nicht. Wer – wie zum Beispiel die Bundes-SPD jetzt mit der Forderung nach einem Recht auf den Hauptschulabschluss – von dieser Schulform spricht, geht meistens von falschen Voraussetzungen aus. Die erste heißt, dass die Hauptschule nur Unterstützung brauche, dann sei sie noch haltbar. Das mag bis vor ein paar Jahren gegolten haben, als Programme wie die hessischen Schub-Klassen noch einen gewissen Stabilisierungsfaktor hatten. Heute sehen wir, dass in den Klassen fünf und sechs die Akzeptanz der Hauptschule überhaupt nicht mehr vorhanden ist. Und die zweite ganz falsche Annahme ist, dass es irgendwann wieder genügend Eltern geben könnte, die ihr Kind nach Klasse vier in der Hauptschule anmelden.

Warum soll das nicht möglich sein?

Weil es nicht genügend Eltern gibt die glauben, dass die Wirtschaft Hauptschülern Perspektiven bietet. Und das ist ja auch schlicht und einfach nicht so. Von 420 Ausbildungsberufen in Deutschland sind gerade noch zehn Prozent überhaupt für Hauptschüler offen.

Nur gut 40 Prozent der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss, so steht es im Bildungsbericht, finden in den ersten sechs Monaten nach Verlassen der Schule einen regulären Ausbildungsplatz; Realschüler schaffen es schneller. Auch das ein Argument für die Abschaffung der Hauptschule?

Es ist ein Argument dafür, dass man sich recht schnell überlegen muss, wie man für diese Klientel eine Perspektive schafft. Denn wie immer man Schulen nennt, bleibt doch das Problem, dass ein großer Teil von Jugendlichen heute nicht vermittelbar ist.

Verlangen Sie also von der Wirtschaft, sie solle sich verpflichten, Hauptschüler einzustellen?

Ich verlange von der Wirtschaft, dass sie den Jugendlichen mit Hauptschulabschluss einen Zugang zu Ausbildungsberufen ermöglicht. Das ist zu wenig der Fall.

In Hessen war die ehemalige Kultusministerin Karin Wolff stolz darauf, dass die Zahl der Schüler ohne Abschluss in ihrer Amtszeit gesunken sei. Was hat sie richtig gemacht?

Richtig gemacht hat sie, dass sie die Probleme der Schüler erkannt und zum Beispiel das Schub-Modell ins Leben gerufen hat, bei dem Hauptschulklassen eng mit Firmen zusammenarbeiten. Die Schüler werden dadurch hervorragend gefördert, das muss man sagen, aber die Probleme der Schulform insgesamt werden dadurch nicht gelöst. Und das Schub-Modell auf ganze Schulen, auf alle Hauptschulen auszuweiten, wie Wolff das wollte, ist nicht finanzierbar.

Dass sie bei diesem Plan nicht im Boot wäre, hatte ja auch die Wirtschaft bald gesagt.

Ja, und dafür wird es mit Sicherheit auch in Zukunft keine Unterstützung geben.

Ihr Verband schlägt vor, nach der Grundschule zweigleisig zu trennen und die Kinder ohne Gymnasialempfehlung erst einmal gemeinsam weiterzubetreuen. Was würde das für die Zukunft der Realschulen bedeuten?

Die Realschule hat nicht mehr die Klientel, für die sie einmal geschaffen worden ist. In Klasse fünf und sechs nimmt sie die Kinder auf, die den Sprung aufs Gymnasium nicht geschafft haben, und die, die nicht die Hauptschule wählen. In Klasse sieben tauschen Realschulen in hohem Maße ihre Schülerschaft aus, weil sie Kinder an die Hauptschule verlieren und andererseits die aufnehmen, die am Gymnasium gescheitert sind. Das ist aber nicht der originäre Bildungsauftrag der Realschule. Unser Modell sagt, wenn schon am gegliederten Schulwesen festgehalten werden soll, muss man für die Schulformen wenigstens eine gesicherte Klientel schaffen. Es gibt gymnasialfähige Kinder, das kann man nicht wegdiskutieren, und es gibt die, die nicht gymnasialfähig sind. Und die müssen länger als bisher gemeinsam unterrichtet werden, um sie so gut wie möglich zu fördern.

Würden in Ihrem Modell nicht realschulfähige Jungen und Mädchen unterfordert? Es gibt ja Studien, die nachweisen, dass dort, wo Kinder sechs Jahre eine gemeinsame Grundschule besuchen können oder nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium wechseln, die Leistungen auf den Gymnasien deutlich höher sind.

Ich erwarte diese Unterforderung überhaupt nicht. Die Studien, von denen Sie sprechen, greifen sowieso nicht. In Berlin zum Beispiel besteht die Möglichkeit, trotz sechsjähriger Grundschule dennoch nach Klasse vier aufs Gymnasium zu wechseln. Da ist so eine Studie doch eine Mogelpackung: Wenn man das leistungsfähige Drittel, das direkt aufs Gymnasium geht, mit den nicht so leistungsfähigen Kindern vergleicht, ist klar, wie das Ergebnis ist. Es sähe mit Sicherheit dort anders aus, wo es eine echte sechsjährige Grundschule gibt, zum Beispiel in Brandenburg.

Wie soll es in Hessen weitergehen?

Wir leiden in Hessen generell darunter, dass wir nicht auseinanderhalten, dass die Themen im Rhein-Main-Gebiet völlig andere sind als auf dem flachen Land, in Waldeck-Frankenberg, im Odenwald.

Wie heißen sie dort?

Es sind zum Beispiel die Wege. Bereits in der Klasse fünf haben Kinder, die eine Hauptschule besuchen, einfache Schulbusfahrten von bis zu einer Stunde. Das kann nicht so bleiben, auch deshalb ist unser Modell so wichtig, denn die Schüler würden ja zusammenbleiben können.

Schaut die Politik nicht genug auf das flache Land?

Die Politik tut im Moment alles, um die Eltern an den Gymnasien zufriedenzustellen. Und um den Bogen zur Hauptschule zu schlagen: Die hat ihre Lobby ausgerechnet bei denen, die für das Gymnasium kämpfen, weil sie bei einer gemeinsamen Beschulung Nachteile für ihre Kinder sähen. Deshalb verteidigen sie die Hauptschulen mit Klauen und Zähnen, obwohl sie sie eigentlich gar nicht wollen. Eine echte eigene Lobby haben die Hauptschulen nicht, denn ihre Zahlen stimmen nicht mehr. Als lupenreine Form ist die Hauptschule zum Sterben verurteilt, auch wenn man das noch ein paar Jahre hinauszögert.

Ist da nicht ein Widerspruch bei Ihnen?

Nein, denn wir sagen ja, es muss der Fehler aufgehoben werden, dass Hauptschulen in Klasse fünf und sechs praktisch nicht mehr existieren, die Jahrgangsstufen sieben und aufwärts aber sehr wohl gebraucht werden. Und nach Klasse sechs, das ist bewiesen, ist die Prognosesicherheit darüber, wie es mit einem Kind weitergehen kann, viel größer als nach der Grundschule.

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Jahrgang 1962, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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