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Hanau : Kulturtransfers mit schaurig-schönen Facetten

Kollege der Grimms: Der französische Märchensammler Charles Perrault. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Märchenwelt der Brüder Grimm hat auch französische Wurzeln. Warum, das erklärt eine Ausstellung im Hanauer Schloss Philippsruhe.

          Wie ist er doch schaurig, der Menschenfresser mit seinen irren Augen und dicken Backen. Im nächsten Moment wird das große Schlachtermesser des Ogers in die Kehle des kleinen Mädchens fahren und seinem Leben ein Ende setzen. Und genauso wird es den vier Schwestern im gleichen Bett ergehen. Drastisch erscheinen die Darstellungen, die der französische Illustrator Gustave Doré zu den Märchen von Charles Perrault im neunzehnten Jahrhundert erschuf. Doré war für die Märchenveröffentlichungen des französischen Schriftstellers Perrault das, was Ludwig Emil Grimm für die Märchenbücher seiner Brüder Jacob und Wilhelm Grimm war. Beide gaben mit ihren Zeichnungen den Helden der Märchen ein Gesicht und der Handlung eine sichtbare Atmosphäre.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Dem Unterschied zwischen den beiden führenden Märchenillustratoren können bis zum 28. Januar die Besucher der Kabinettausstellung „Charles Perrault und die Brüder Grimm“ nachspüren. Während Ludwig Emil Grimm die von seinen Brüdern aufgezeichneten Märchen vor allem mit schönen Bildern im Sinne der klassischen Romantik begleitete, vertrat der gut 40 Jahre jüngere Doré eine schwarze Romantik mit überwiegend unheimlichen und düsteren Facetten. Auch Perraults im Jahr 1697 erstmals erschienene Märchen waren noch ein Stück weit grausamer als die der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, deren Erstausgabe auf das Jahr 1812 datiert. So will bei Perrault der Menschenfresser seine Töchter in dem Märchen vom kleinen Däumling gnadenlos abschlachten, weil ihn in der Nacht der Hunger überkommt. Zwar ist er im Glauben, die Geschwister des Däumlings unter dem Messer zu haben, doch das macht die Sache nicht besser.

          Glaubensflüchtlinge bereicherten das kulturelle Leben der Stadt

          Schauder verursachen auch Darstellungen des bösen Wolfes aus dem Märchen Rotkäppchen, etwa wie er in das Bett der kranken Großmutter steigt. Anders als Perrault versuchten die Brüder Grimm in ihren Aufzeichnungen, übermäßige Grausamkeiten und erotische Aspekte der Märchen zu entschärfen. Die Vorgangsweisen waren aber recht ähnlich: Aufgeschrieben und an den Zeitgeist angepasst wurde das, was den Autoren aus der mündlich überlieferten Märchentradition zu Ohren gekommen war. Zuträger waren meist gebildete Damen und nicht die alte Bäuerin, wie sie sowohl Doré als auch Ludwig Emil Grimm romantisierend am Kaminfeuer sitzend und Märchen erzählend im Kreise ihrer Enkel häufig darstellten. Die Kabinettausstellung im Schloss Philippsruhe soll nach den Worten von Museumsleiterin Katharina Bechler eine der bedeutendsten, aber wenig bekannten Transferleistungen des neunzehnten Jahrhunderts zwischen Frankreich und Deutschland verdeutlichen: die Adaption der französischen Märchentradition in das deutsche Kulturleben.

          Eng damit verknüpft ist die Einwanderung der französischen Protestanten in die deutschen Fürstentümer, Neubürger, die häufig über einen hohen Bildungsgrad verfügten. In Hanau waren es vor allem die niederländisch-wallonischen Glaubensflüchtlinge und die Hugenotten, die das kulturelle und wirtschaftliche Leben der Stadt bereicherten und pflegten. Im Mittelpunkt dieses Kulturtransfers standen die Töchter der Familie Hassenpflug, Marie, Jeanette und Amalie, und ihre französischen Vorfahren, die Ende des achtzehnten Jahrhunderts am Neustädter Markt wohnten und die später in Kassel den Grimms Märchen ihrer hugenottischen Vorfahren erzählten. Die Ausstellung dokumentiert, wie die Märchen aus Frankreich und auch der Schweiz nach Hanau kamen.

          Beitrag zum Rahmenprogramm der Buchmesse

          So werden die Verbindungen der Grimms mit französischen und hugenottischen Familien anhand einer Genealogie aufgezeigt, illustriert mit den Porträtzeichnungen von Ludwig Emil Grimm. Aus dem Fundus von rund 650 Werken des malenden Grimm-Bruders im Besitz des Hanauer Geschichtsvereins, der Mitbetreiber des Historischen Museums ist, holte Museumsleiterin Bechler zahlreiche Originale aus ihrer klimageschützten Verwahrung. Außerdem sind historische und moderne Ausgaben sowie Illustrationen von Märchen der Brüder Grimm und von Charles Perrault zu sehen.

          Die Kabinettausstellung in der Beletage bildet nicht nur den Auftakt der Veranstaltungsreihe zum Museumsjubiläum, sie stellt als Kooperationsprojekt mit dem Institut Franco-Allemand der Frankfurter Universität auch erstmals einen Beitrag aus Hanau zum Rahmenprogramm der Frankfurter Buchmesse dar. Sie steht in diesem Jahr unter dem Motto „Frankfurt auf Französisch“. Im Herbst finden daher zahlreiche Vorträge und Veranstaltungen rund um den französisch-deutschen Kulturtransfers im Schloss Philippsruhe statt. Teile der Ausstellung sollen nach einer Ankündigung von Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) in das geplante Mitmachmuseum rund um die Brüder Grimm im Nordflügel des Schlosses einfließen.

          Informationen über Öffnungszeiten und das Begleitprogramm der Kabinettausstellung „Charles Perrault und die Brüder Grimm“ im Internet unter www.philippsruhe.hanau.de.

          Quelle: F.A.Z.

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