Der demoskopische Höhenflug der Grünen und der eklatante Ansehensverlust der FDP scheinen sich auch in der Entwicklung der Mitgliederzahlen widerzuspiegeln. So haben die hessischen Grünen sich im Lauf des vergangenen Jahres nach eigenen Angaben um 12,7 Prozent vermehrt. Dieser Zuwachs entspricht in etwa den von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im November erhobenen Umfragedaten. Danach verbesserte sich die Ökopartei im Laufe des Jahres um knapp zehn Punkte.
Exakt 4616 Mitglieder verzeichneten die hessischen Grünen an Silvester. So viele hatten sie nicht einmal in der euphorischen Phase zu Beginn der rot-grünen Ära in Berlin im Jahr 1998. Die Landesvorsitzende Kordula Schulz-Asche rechnet vor, dass die Hessen heute beinahe jeden zehnten aller deutschen Grünen stellten. Dies sei die „Belohnung für unsere Gradlinigkeit und die Konzentration auf Inhalte“. Ihren Landesverband sieht Schulz-Asche „an der Spitze der grünen Bewegung“.
Grüne profitieren vom mangelhaften Eindruck der Regierung
Doch spricht vieles dagegen, dass die hessischen Grünen den geradezu atemberaubenden Aufwind tatsächlich ihrer eigenen, eher unauffälligen Alltagsarbeit verdanken. Denn er lässt sich nicht nur in Wiesbaden, sondern deutschlandweit beobachten. Auch die Bundesgeschäftsstelle in Berlin meldet dieser Tage einen historischen Höchststand von mehr als 52.608 Mitgliedern. Das entspricht einem Anstieg um gut neun Prozent.
Das Hoch der Grünen hat mehrere Gründe. Da ist zum einen der mangelhafte Gesamteindruck der Bundesregierung. Hinzu kommen zwei große Themen von nationaler Ausstrahlung, die die sogenannten Alternativen traditionell besonders mobilisieren: die von der Regierungskoalition angekündigte Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken und der heftig umkämpfte Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs.
Schwächen bei Arbeit und Wirtschaft
Dass die hessischen Grünen ihren gefühlten Höhenflug nicht überbewerten sollten, legen im Übrigen auch die relativ niedrigen Kompetenzwerte nahe, die sie in der Umfrage vom November bekamen. Diese vermögen nämlich den bei der Sonntagsfrage ermittelten Wert bei weitem nicht zu rechtfertigen.
So erhielt die Ökopartei bei der Frage, wer die unterschiedlichen Probleme am besten lösen kann, in Bildungs-Angelegenheiten nur 14 und in der Familienpolitik nur 16 Prozent. Bei Themen wie Arbeit und Wirtschaft mussten sie sich gar mit sieben beziehungsweise fünf Prozent begnügen.
Nationale Megatrends
Dass trotz dieser relativ niedrigen Kompetenzwerte stolze 23 Prozent der Befragten angaben, die Grünen wählen zu wollen, spricht dafür, dass dieser Absicht keine fundierten landespolitischen Erwägungen, sondern nationale Megatrends zugrunde lagen. Sie machen sich auch in der FDP bemerkbar – allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Zahl der eingeschriebenen Liberalen ist im Lauf des vergangenen Jahres nach den Angaben der Landesgeschäftsstelle von 7206 auf 6936 gesunken. Auch dieser Rückgang von 3,7 Prozent folgt einem deutschlandweiten Trend. Er ist ohne Zweifel weniger auf den hessischen Landeschef Jörg-Uwe Hahn, sondern vor allem auf den umstrittenen Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle zurückzuführen.
Anders als Grüne und FDP sehen Linke, CDU und SPD in Wiesbaden sich zu Anfang des Jahres noch nicht in der Lage, die Entwicklung ihrer Mitgliederzahl über das vergangene Jahr hinweg exakt zu dokumentieren. Der Landesverband der Linken hat nach eigenen Angaben ungefähr 2800 Mitglieder. Wie viele von ihnen nennenswerte Beiträge zahlen, lässt sich in dieser Partei bekanntlich nicht immer zweifelsfrei klären.
In Hessen liegt die Opposition vor
Bei SPD und CDU laufen vorsichtige Schätzungen auf einen leichten Rückgang in der Größenordnung von einem Prozent hinaus. Dabei spielen anscheinend nicht etwa Austritte enttäuschter Mitglieder die größte Rolle, sondern die demographische Entwicklung: Es sterben mehr Beitragszahler als neue eintreten.
Dem Landesverband der Union gehören derzeit rund 46.500 Mitglieder an. Ihnen stehen 62.045 Sozialdemokraten gegenüber. Während also im Bund die Union mit CDU und CSU bei weitem über die meisten Mitglieder verfügt, liegt in Hessen die sozialdemokratische Oppositionspartei vorn.
Nicht übermütig werden
Union und SPD sind also mindestens zehnmal so stark wie die Grünen. Dieses Kräfteverhältnis relativiert die verbreitete These vom Niedergang der beiden Großen und dem gleichzeitigen Aufstieg der Alternativen zur Volkspartei. Dazu bedürfte es einer großen Zahl an Mitgliedern, die nicht nur Beiträge zahlen, sondern sich auch in den Gremien der Partei und in den Parlamenten für das Gemeinwohl einsetzen. Eine empirische Studie, die in diesem Jahr im Wiesbadener Verlag für Sozialwissenschaft erscheint, kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass der Anteil der sogenannten Karteileichen mit 55 Prozent bei den Grünen viel höher sei als bei allen anderen Parteien.
Vor diesem Hintergrund tun die Grünen gut daran, nicht übermütig zu werden. Sie verfügen nur über einen Bruchteil der Mitglieder, auf die CDU und SPD sich stützen können. Und die grünen Parteigänger lehnen es zum überwiegenden Teil ab, sich persönlich zu engagieren. Volksparteien sehen anders aus.
Die Grünen...
Daniel Mietke (FocusTurnier)
- 06.01.2011, 11:01 Uhr

