02.02.2010 · Fünf Kreise unterzeichnen eine Vereinbarung für den Geopark Westerwald-Lahn-Taunus und stellen Geld für die Anschubfinanzierung bereit. Entstehen soll ein Verbund von zehn Informationszentren.
Von Wolfram AhlersWenn von der Region Lahn, Westerwald und Taunus die Rede ist, sprechen die Menschen dort gern von einem steinreichen Landstrich. Tatsächlich verhalfen Bodenschätze wie Marmor, Eisenerze, Schiefer oder Basalt den Bewohnern dieser Region zu Lohn und Brot – insbesondere im 19. Jahrhundert, als Montanreviere und Steinbrüche in den Mittelgebirgen zu beiden Seiten der Lahn florierten. Heute sind es neben Wissenschaftlern viele Ausflügler, die sich von der geologischen Vielfalt und Zeugnissen der Industriegeschichte locken lassen. Aus diesem Potential wollen Kreise, Kommunen, Tourismusverbänden, Wirtschaftsinitiativen und Denkmalpfleger noch mehr Kapital schlagen. In einer länderübergreifenden Initiative haben sich fünf Kreise aus Hessen und Rheinland-Pfalz zusammengetan und die Gründung eines Geoparks Westerwald-Lahn-Taunus in die Wege geleitet. Davon versprechen sich die Initiatoren Impulse für Fremdenverkehr und Wirtschaftsförderung. Es geht aber auch darum, ein bedeutendes Naturerbe zu erhalten.
Dieser Tage ist eine Kooperationsvereinbarung geschlossen worden. Damit stellen die Kreise Lahn-Dill, Limburg-Weilburg, Rhein-Lahn, Westerwald und Altenkirchen die Anschubfinanzierung sicher. Insgesamt 100.000 Euro pro Jahr wollen die Kreise für die nächsten drei Jahre in den Aufbau des Geoparks investieren. Als erster Schritt wird zum 1. April eine Geschäftsstelle eröffnet. Dort werden die verschiedenen Projekte, die den Geopark bilden sollen, koordiniert. Auch die Verwendung des Geldes soll von dieser Stelle aus gesteuert werden. Um den Geopark langfristig auf ein sicheres finanzielles Fundament zu stellen, setzen die Initiatoren zudem auf Zuschüsse von Städten und Gemeinden, Institutionen und privaten Sponsoren.
Verbund deutscher und europäischer Geoparks
Die beiden Bundesländer haben zudem Geld für eine Studie zur Verfügung gestellt, auf deren Grundlage der Geopark entstehen soll. Ziel ist es nach Auskunft der Beteiligten auch, den Geopark Westerwald-Lahn-Taunus innerhalb der nächsten Jahre in den Verbund deutscher und europäischer Geoparks zu integrieren, womit sich dann zusätzliche Geldquellen bei der Europäischen Union erschließen ließen. Auf längere Sicht soll der Geopark Westerwald-Lahn-Dill sogar zu einem Unesco-Natur- und Kulturpark avancieren, schwebt Landrat Wolfgang Schuster (SPD) vom Lahn-Dill-Kreis vor. Die Voraussetzungen dafür, meint er, seien vorhanden.
Nur in wenigen Regionen in der Mitte Europas lassen sich so vielseitige Einblicke in die Geschichte unseres Planeten nehmen wie in der Landschaft von Westerwald und nördlichem Taunus entlang der Lahn. Bis ins frühe Erdmittelalter konnten dort Spuren vom Wandel auf der Oberfläche des Himmelskörpers zurückverfolgt werden. So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass in diesem Teil Deutschlands vor fast 400 Millionen Jahren eine Art Südseelandschaft mit Riffen und Atollen in einem Meeresbecken existierte, an dessen Rändern sich Vulkane erhoben.
Gleichwohl sind es nicht nur geologische Relikte, die diesen Landstrich interessant machen. In Tälern und auch auf Hochebenen finden sich Zeugnisse einer langen Siedlungsgeschichte. So sind dort unter anderem Funde gemacht worden, die aus der Steinzeit stammen. Später errichteten die Kelten dort erste befestigte Siedlungen. Bis dorthin erstreckte sich der Limes, der zum Weltkulturerbe zählt. Baudenkmäler aus Mittelalter und Neuzeit prägen historische Stadt- und Ortskerne.
Fossilien aus verschiedenen Epochen
Mehr als ein Dutzend beachtlicher Schauplätze gibt es schon, um Besucher mit den Besonderheiten dieser Mittelgebirgsregion bekannt zu machen. Geplant ist, zehn davon als Geopark-Infozentren herzurichten. Dazu zählen beispielsweise die Karsthöhlen von Breitscheid, eines der umfangreichsten Höhlensysteme in Deutschland, wo ungewöhnliche Tropfsteinformationen zu sehen sind und Forscher Fossilien aus verschiedenen Epochen entdeckten. Im Unica-Bruch bei Villmar wurde in den beiden vergangenen Jahrhunderten der Lahn-Marmor abgebaut, der weltweit geschätzt wurde. Den Grundstoff für dieses Material bildeten vor Jahrmillionen Korallen- und Schwammriffe. Am Rande des Lahntals bei Weilburg befindet sich eine Kristallhöhle, die mit 30 Meter Höhe als größte aller unterirdisch zugänglichen Hallen in Deutschland gilt.
Auf einem Höhenrücken unweit von Solms ist eine ehemalige Grube zu einem Besucherbergwerk umgestaltet worden, das als Industriedenkmal mit alten Arbeitsgeräten in wieder frei gelegten Stollen die Techniken des Abbaus von Roteisenerz in früheren Tagen demonstriert. Dem Bergwerk angegliedert ist ein Geotop mit einem Lehrpfad, der Wissenswertes zur Gesteinskunde vermittelt. Zu den bedeutenden Denkmälern alter Kulturen zählen die Überbleibsel einer ehemaligen Keltenfestung auf dem Plateau bei Dornburg. Von Brauchtum und Handwerk früherer Jahrhunderte erzählt das Landschafts- und Keramikmuseum Westerwald, das in den Verbund dezentraler Besucherzentren einbezogen wird.
Spuren von untergegangenen Kulturen
Dem Konzept zufolge sollen für die Geopark-Infozentren neben den bestehenden Angeboten weitere Programme zusammengestellt werden, die Besucher aller Altersgruppen gleichermaßen ansprechen. Mit Ausstellungen zu bestimmten Themen etwa ließe sich Anschauungsunterricht gestalten, heißt es. Erlebnisaktionen in Bergwerk, Steinbruch oder entlang von Lehrpfaden könnten Touristen ebenso locken wie Landschaftsexkursionen, Wanderungen auf den Spuren von Erdgeschichte und untergegangenen Kulturen. Gedacht ist nicht zuletzt an sogenannte Geotage, die sich an Familien und Jugendliche wenden, bei denen die Teilnehmer ihr neues Wissen beispielsweise bei der Bestimmung von Gesteinen und Fossilien selbst testen können.
Wolfram Ahlers Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
Jüngste Beiträge