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Gemeinsamer Schulunterricht Grüne fordern Normalität für Behinderte

Die Grünen im Hessischen Landtag wollen den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern von der Ausnahme zur Regel machen.

© Linda Dreisen Vergrößern Gemeinsam lernen: Ein Vorschlag sieht vor, dass behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen lernen.

Die Grünen im Hessischen Landtag wollen den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern von der Ausnahme zur Regel machen. Nach dem Willen der Landtagsfraktion sollen Kinder nur noch dann auf spezielle Förderschulen geschickt werden, wenn die Eltern dies ausdrücklich verlangen. Das sieht ein Änderungsantrag zu dem von der Landesregierung geplanten neuen Schulgesetz vor.

„Eltern können wählen, ob sie für ein Kind mit Behinderung einen Platz an einer allgemeinen Schule wünschen oder aber an der Förderschule“, sagte der bildungspolitische Sprecher der Grünen, Mathias Wagner, am Mittwoch in Wiesbaden. Voraussetzung für eine solche Lösung sei, dass die Förderschullehrer den behinderten Schülern an die allgemeine Schule folgten. Auch solle es die Möglichkeit geben, einzelne allgemeine Schulen zu „Schwerpunktschulen“ für gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten zu erklären. Somit müsse nicht an jeder Schule jedes Förderangebot gemacht werden.

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Die Grünen schlagen in ihrem Inklusionskonzept einen Zeitplan vor

„Wir fordern Normalität endlich auch für Kinder mit Behinderungen“, äußerte Wagner. Die Pläne der Landesregierung zur sogenannten Inklusion seien unzureichend. Die in der UN-Behindertenrechtskonvention enthaltene Forderung, Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im allgemeinen Schulsystem zu unterrichten, werde damit nicht umgesetzt. Das Recht auf gemeinsamen Schulbesuch werde zwar in dem von Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) vorgelegten Schulgesetzentwurf proklamiert, räumte Wagner ein. Dies sei jedoch nur „Wortgeklingel“, denn die Umsetzung dieses Anspruchs werde davon abhängig gemacht, ob an den Schulen die räumlichen und personellen Voraussetzungen für gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten bestünden. Letztlich ändere sich damit kaum etwas, denn auch bisher schon hätten fehlende Lehrerstellen, Mittel und Räume in vielen Fällen dazu geführt, dass Behinderte an Regelschulen keinen Platz fänden.

Die Grünen schlagen in ihrem Inklusionskonzept einen Zeitplan vor: Ihm zufolge soll der Anspruch auf gemeinsamen Schulunterricht in mehreren Stufen – beginnend mit einer Mindestquote von 20 Prozent im Schuljahr 2012/2013 – realisiert und bis zum Schuljahr 2017/2018 vollständig erfüllt sein. Die mit einer solchen Vorgabe verbundenen Kosten halten sich nach Ansicht Wagners in Grenzen, weil mit den zusätzlichen Angeboten an Regelschulen ein Abbau der Leistungen an Förderschulen einhergehe.

Die Schaffung von „Schwerpunktschulen“ sei eine halbherzige Lösung

In Hessen besuchen nach Angaben des Statistischen Landesamts derzeit mehr als 25.000 Kinder und Jugendliche Förderschulen, die meisten davon (rund 11.400) eine für Lernhilfe. Nur etwa jeder zehnte Behinderte habe in Hessen derzeit die Chance, eine Regelschule zu besuchen, sagte Wagner; in Bremen liege die Quote bei mehr als 40 Prozent. Die SPD wies darauf hin, dass in ihrem eigenen, seit Herbst 2010 vorliegenden Entwurf für ein neues Schulgesetz bereits ein Anspruch auf Inklusion vorgesehen sei. „Wenn Eltern die Beschulung eines Kindes in der Regelschule wollen, dann müssen die Voraussetzungen geschaffen werden“, sagte die schulpolitische Sprecherin der SPD im Landtag, Heike Habermann.

Die Linkspartei lobte den von den Grünen vorgesehenen Zeitplan. Allerdings, so die Abgeordnete Barbara Cárdenas, sei ein wahrhaft inklusives Schulsystem nur zu erreichen, wenn alle Schulen die Voraussetzungen für den Besuch behinderter Schüler böten. Die Schaffung von „Schwerpunktschulen“ sei eine halbherzige Lösung. Die CDU-Fraktion lehnte die Forderungen der Grünen ab. Die überwiegende Zahl der Eltern sei mit der Arbeit der Regel- und Förderschulen sehr zufrieden, sagte der Abgeordnete Hans-Jürgen Irmer. Er plädierte für ein langsameres Vorgehen bei der Inklusion: Ein gemeinsamer Unterricht als Regelfall sei frühestens in 15 bis 20 Jahren erreichbar.

Quelle: F.A.Z.

 
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