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Gefahren für Archive Nur das Staatsarchiv macht Sicherheitskopien

12.03.2009 ·  Nach der Katastrophe in Köln stellt sich für die bedeutenden Archive in Hessen, das Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden und das Stadtarchiv in Frankfurt, die Frage, welche ungeahnten Gefahren den dort gelagerten Dokumenten drohen.

Von Hans Riebsamen
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Mit dem Einsturz des Stadtarchivs hat Köln auf einen Schlag große Teile seines kulturellen Gedächtnisses verloren. Dem Haus wurde der Boden gewissermaßen unter den Fundamenten weggezogen. Nun stellt sich auch für bedeutende Archive in Hessen, das Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden etwa oder das Stadtarchiv in Frankfurt, die Frage, welche ungeahnten Gefahren den dort gelagerten Dokumenten drohen. Zumindest gegen die beiden Hauptfeinde der Archive, gegen Feuer und Wasser, sind die hessischen Staatsarchive wie auch viele Stadtarchive im Bundesland nach bestem Wissen abgesichert.

Das 1985 bezogene Hauptstaatsarchiv an der Moosbacher Straße in Wiesbaden etwa wurde mit modernen Sicherheitseinrichtungen ausgestattet. Keine Wasser- und keine Heizungsleitung führt durch den Archivturm, um den sich die Büros der Behörde gruppieren. Die Gefahr eines Wasserrohrbruchs ist damit ausgeschaltet. Das Archivgebäude hat eine moderne Brandlöschanlage, die nicht mit Wasser, sondern mit Kohlendioxid arbeitet. Eine aufwendige Klimatisierung verhindert schnelle Temperaturschwankungen.

Staat sorgt mit „Sicherheitskopien“ vor

Auch die Frankfurter Archivare brauchen keine große Angst vor Feuer und Wasser zu haben. Das 2006 bezogene, mehr als sechs Millionen Euro teure Magazin an der Borsigallee zählt zu den modernsten Archivbauten in Deutschland, alle Sicherheitswünsche wurden beim Bau erfüllt. Ein zweites Magazin befindet sich drei Stockwerke tief unter dem Institut für Stadtgeschichte im Karmeliterkloster. Es wurde 1972 gleichzeitig mit der U-Bahn-Linie zum Römer gebaut. Weil die Erde damals ohnehin aufgerissen werden musste, ließ die Stadtregierung gleich noch ein großes unterirdisches Depot bauen. U-Bahn-Arbeiten können dieses Bauwerk also nicht mehr gefährden.

Kein Mensch habe sich vorstellen können, dass das Kölner Stadtarchiv einstürzen würde, sagt Klaus Eiler, der Leitende Archivdirektor des hessischen Hauptstaatsarchivs. Er warnt davor, sich in Sicherheit zu wiegen. In Dresden habe man es vor dem Jahrhunderthochwasser für undenkbar gehalten, dass die Elbe die Archive unter Wasser setzen könnte. Niemand habe sich ausgemalt, dass die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ausbrennen würde. Wider jede Wahrscheinlichkeit sei das Stadtarchiv in Herborn vor einigen Jahren überschwemmt worden.

Es geschehen Unglücke, die man sich vorher nicht vorstellen kann. Deshalb muss man vorsorgen. Die Vorsorge des deutschen Staates heißt „Sicherheitskopien“. Seit 1961 läuft das Programm „Bundessicherungsverfilmung“: Aktenbestände wichtiger Archive werden auf 35-Millimeter-Silberhalogenid-Rollen mikroverfilmt, im „Zentralen Bergungsort“ der Bundesrepublik, einem ehemaligen Salzstollen bei Oberried im Schwarzwald, sollen die Schwarzweißfilme mindestens 500 Jahre lang überdauern. Die Schwarzweißfotografie ist Eilert zufolge die bisher zuverlässigste Methode, Archivdokumente langfristig zu sichern. Farbfilme zerfallen relativ schnell, von digitalen Kopien kann noch niemand sagen, ob sie die nächsten 30 Jahre überdauern.

„Wir sind gebrannte Kinder“

Blatt für Blatt fotografiert Christa Böttcher im Hauptstaatsarchiv acht Stunden am Tag Aktenbestände ab, ein mühseliges Geschäft für sie und ihre fünf Kollegen. Die Details der Arbeit sind in einer technischen Anweisung des Bundes festgelegt, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe übernimmt auch die Kosten des Verfilmungsprogramms der drei hessischen Staatsarchive – rund 300.000 Euro im Jahr.

Als 1961 mit der Verfilmung begonnen wurde, herrschte der Kalte Krieg, ein heißer lag in der Luft. Und Krieg, das war bekannt, macht vor Archiven nicht halt. Ein Drittel seiner Bestände habe zum Beispiel das Frankfurter Stadtarchiv bei den Luftangriffen Ende Januar 1944 verloren, berichtet Konrad Schneider, der stellvertretende Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, wie das Stadtarchiv seit einigen Jahren heißt: „Wir sind gebrannte Kinder.“ Im Staatsarchiv Darmstadt wurden 1944 sogar zwei Drittel der Bestände bei Fliegerangriffen zerstört. Solche Erfahrungen haben die Politiker in den sechziger Jahren bewogen, das deutsche Kulturgut in den Archiven durch Mikroverfilmung zu schützen. Denn gerade die Archivalien sind besonders sensibel, weil sie in der Regel Unikate darstellen.

Verfilmt wurde und wird freilich nur der Akten- und Urkundenbestand in den Staatsarchiven der Länder, nicht der in den Archiven der Kommunen. Nur ein verschwindend geringer Teil der auch überregional bedeutsamen Kölner Akten ist in Form von Mikrofilmen im Schwarzwälder Stollen gesichert. Auch die Städte im Rhein-Main-Gebiet bekommen aus dem Verfilmungsprogramm des Bundes kein Geld – und haben daher nie mit der Sicherungsverfilmung angefangen.

Aber auch die drei hessischen Staatsarchive, die die Unterlagen der hessischen Dienststellen verwahren, konnten bisher lediglich 22 Prozent ihrer Bestände verfilmen. Vor allem Kopien von Dokumenten aus dem Alten Reich bis 1803, aus Nassau und Preußen lagern im Stollen in Oberried. Kopien dieser Filme können Nutzer der Staatsarchive in Form von Mikrofiches im Lesesaal für eine erste Orientierung nutzen, so werden die Originale geschont. Archivdirektor Eiler ist aber fest davon überzeugt: „Die Investitionen lohnen sich.“

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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