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Veröffentlicht: 15.05.2011, 16:46 Uhr

Gail´scher Park Sorge um die Gartenbaukunst

Der Gail’sche Park in Biebertal bei Gießen ist im Stil englischer Landschaftsparks angelegt. Nach dem Rückzug des Pächters überlegt die Gemeinde, wie das Anwesen genutzt werden könnte.

von , Biebertal
© Cornelia Sick Still: Bisher kann der Gail’sche Park in Biebertal nur an den Wochenenden besichtigt werden.

Als eine Art Manifest einer großen Liebe ist das Areal einst angelegt worden. Der Park war ein Hochzeitsgeschenk des Gießener Fabrikanten Wilhelm Gail an seine aus Amerika stammende Frau Minna. Dafür ließ er den Sommersitz der Familie in Rodheim-Bieber vor den Toren Gießens neu gestalten. Genießen konnte das Paar das Schmuckstück der Gartenbaukunst nur für kurze Zeit: Zwei Jahre nach der Fertigstellung 1896 starb Minna.

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Was Gail einst vor allem mit einer innigen Beziehung verband, gilt Kennern von Garten- und Landschaftsarchitektur heute als gelungenes Beispiel historischer Parkanlagen in Hessen. Das unter Mitwirkung der Frankfurter Gartenbaukoryphäen Heinrich Siesmayer und Andreas Weber gestaltete Areal ist eine der wenigen Grünanlagen in Mittelhessen nach dem Vorbild englischer Landschaftsparks. Raumaufteilung, Modellierung des Geländes, die Wegeführung auf der vergleichsweise kleinen Fläche von rund drei Hektar und nicht zuletzt die Vielfalt mit mehr als 100 Gehölzarten heimischer Gewächse wie exotischer Zierpflanzen machen den Reiz des Gail’schen Parks aus.

Neuer Pächter für das Kulturdenkmal gesucht

Nachdem das Anwesen rund ein Jahrhundert für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war, ist der Gail’sche Park seit Übernahme durch die Gemeinde Biebertal und Verpachtung an die mittelhessische Unternehmensgruppe Schunk vor acht Jahren an Wochenenden für Besucher geöffnet. Das Engagement der Firmengruppe mit Sitz im benachbarten Heuchelheim bezeichnet Bürgermeister Thomas Bender (parteilos) als Glücksfall, denn das Unternehmen, das die Villa seit 2003 als Bürogebäude und für Treffen mit Geschäftspartnern nutzt, hat in den vergangenen Jahren aus eigener Kasse viel zur Pflege der Anlage beigesteuert. Damit ist es allerdings bald vorbei, denn Schunk gibt seine Biebertaler Dependance Ende nächsten Jahres auf. Nun sucht der Gemeindevorstand einen neuen Pächter für dieses Kulturdenkmal.

Pläne, das Anwesen selbst zu nutzen, hat die Gemeinde nach Angaben ihres Bürgermeisters Thomas Bender (parteilos) aus finanziellen Gründen wieder verworfen. In Anbetracht eines Millionendefizits sei die Kommune auf Pachteinnahmen angewiesen, um Pflege und Unterhalt des Parks und der Gebäude zu bestreiten. Gegen den Verkauf der Liegenschaft sprachen sich die politischen Gremien aus, weil das Risiko, dass der Park nicht mehr zugänglich sein könnte, zu groß sei.

Anwesen könnte unter verschiedenen Pächtern aufgeteilt werden

Eine Arbeitsgruppe soll nun Vermarktungsstrategien entwickeln. Das Anwesen könnte unter verschiedenen Pächtern aufgeteilt werden, sagt Bender. Denkbar wäre beispielsweise, die Gründerzeitvilla als Büroraum an Anwaltskanzleien oder Dienstleistungsunternehmen zu vermieten. Kulturinitiativen oder Veranstaltungsagenturen könnten Park und Gebäude als Bühne für Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen nutzen.

Der Biebertaler Park verdankt seine Entstehung der Prosperität der Firma Gail. Zunächst als Kaufmann tätig, gründete Georg Philipp Gail in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gießen eine Tabakmanufaktur, die zu einem der größten Betriebe der Stadt avancierte. Um weiter expandieren zu können, entschloss sich der Unternehmer, im nahegelegenen Rodheim eine Dependance zu eröffnen. Wie am Gießener Stammsitz legte die Familie auch dort neben der Fabrik einen Park an, 1880 begannen die Arbeiten. Wilhelm Gail baute das Unternehmen mit dem Erwerb einer Ziegelei und Tonwarenfabrik um die Keramikproduktion aus, eine Sparte, mit der sich das Unternehmen später internationalen Ruf erwarb.

Freundeskreis mit mehr als 600 Mitgliedern

Wie sich der Park heute präsentiert, ist er im Wesentlichen von Wilhelm und Minna Gail zwischen 1882 und 1896 im englischen Stil umgestaltet worden. Die Villa diente der Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Sommersitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie Hauptwohnsitz der Nachfahren. Als die Familie ihr Anwesen vor rund acht Jahren zum Verkauf anbot, zeichnete sich ab, dass das Areal in mehrere Parzellen aufgeteilt werden sollte. Die Gemeinde entschloss sich zum Erwerb, um den Park und das Ensemble von Bauten als Gesamtkunstwerk zu erhalten. Möglich wurde das, weil die Kommune von Anfang an mit der Schunk-Unternehmensgruppe als Pächter zusammenarbeitete.

Schon zuvor hatte sich der Freundeskreis Gail’sche Villa und Park gebildet und in Zusammenarbeit mit den Nachkommen der Parkgründer begonnen, die Anlage instand zu halten. Der als Verein geführte Freundeskreis hat nach Angaben seines Vorsitzenden Norbert Kerl heute mehr als 600 Mitglieder aus ganz Deutschland.

Wegenetz anhand früherer Pläne angelegt

Die Villa wurde nach altem Vorbild renoviert. Anhand früherer Pläne entstand im Park das nach der Schule von Lenné-Meyer konzipierte Wegenetz mit Bögen und Kreuzen neu. Der Teich vor dem Aussichtshügel mit der Villa erhielt seine alte Stahlbetonwanne wieder; der Bach sein früheres Bett. Nach Skizzen und Fotografien aus vergangenen Tagen rekonstruierten Mitglieder des Freundeskreises die Terrassen des Weinbergs. Mehr als eine halbe Million Euro sind für all das bislang aufgebracht worden.

Zu den Schwerpunkten weiterer Restaurierungen, die Freundeskreis und Gemeinde in den nächsten Jahren mit Unterstützung von Denkmalpflege und Sponsoren in Angriff nehmen wollen, zählt die Instandsetzung des Tennisplatzes am Rande der Parkwiese, einer der wenigen in Deutschland noch erhaltenden aus dem 19. Jahrhundert. Das 1880 errichtete Schweizer Haus, auf einer mit Felsen künstlich aufgeschichteten Anhöhe errichtet, harrt ebenfalls der Renovierung.

Der Gail´sche Park, Gießener Straße in Rodheim-Bieber, ist samstags von 14 bis 18 Uhr, sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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