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Frühstückstreff Ein Ort für mutige Männer

04.07.2010 ·  Wer sonntags morgens nicht gerne alleine ist, findet beim „Frühstückstreff“ Gesellschaft. In 50 deutschen Städten treffen sich fremde Menschen zum Essen und Reden. Ein Darmstädter hatte die Idee dazu.

Von Mona Jaeger, Darmstadt
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Ein Mann, der sich hier hertraut, ist besonders mutig. An dem L-förmigen Tisch sitzen zwölf Frauen, die einen um die 30, die anderen um die 50. Noch blickt er, nennen wir ihn Stefan, etwas verlegen in die Runde. In der rechten Hand hält er ein Wurstbrötchen, in das er beißt, als Ruth, die Dame zu seiner Linken, ihm davon erzählt, wie sie sich beim ersten Besuch eines Frühstückstreffs gefühlt habe. Es ist ein Sonntag im Juni, draußen ist es kühl und das Strandcafé an der Lauteschlägerstraße in Darmstadt ist gut besucht. An diesem Tisch sitzen Menschen nebeneinander, von denen sich manche noch nie vorher gesehen oder gesprochen haben, die aber jetzt gemeinsam frühstücken.

Beim Brunchen neue Kontakte knüpfen – das ist die Idee des Frühstückstreffs. Hausfrau, Ingenieur, Bäcker und Kassiererin sollen sich hier näherkommen, egal ob man neu in einer Stadt ist oder seinen Freundeskreis erweitern möchte. Und, es sei gleich zu Anfang gesagt, baggern ist erlaubt, aber nicht ausdrücklich erwünscht. „Wir sind schließlich keine Singlebörse“, sagt Klaus Schultheis. Der Darmstädter hatte vor neun Jahren die Idee zum Frühstückstreff. Geboren wurde sie aus seiner Befürchtung, er werde irgendwann nur noch Arbeitskollegen als Freunde und Bekannte haben. Schultheis brachte als ersten Schritt seinen Freundeskreis mit dem seiner Cousine zusammen. Doch das waren auch nur Arbeitskollegen. So fassten beide den Entschluss, woanders nach Freunden zu suchen. Das war im Jahre 2001, da war noch nicht jeder im Internet unterwegs und die sozialen Netzwerke von Facebook und Co. mussten erst noch erfunden werden.

„Frühstückstreff-Tourismus“ in ganz Deutschland

Die beiden luden jeden ein, der Lust und Zeit hatte, an einem bestimmten Sonntag in ein bestimmtes Café in Darmstadt-Eberstadt zu kommen. Es kamen fünf. Und beim nächsten Mal zehn. Und dann 20. Bald wurde auch in Köln, Berlin und 50 weiteren deutschen Städten gemeinsam gefrühstückt.

An dem Tisch im Strandcafé wird derweil eifrig erzählt. Wer sich zu einem solchen Treffen traut, ist offenbar sehr kommunikativ und kein Mauerblümchen. So wie Ruth. Sie hat ihrem noch etwas zurückhaltenden Tischnachbar Stefan nach ein paar Minuten das Du angeboten. Hier gibt es keine Vorstellungsrunde, man tastet sich vorsichtig aneinander heran. Ruth erzählt bei einem Milchkaffee, dass sie alleine und immer auf der Suche nach netten Kontakten sei. Ein paarmal war sie schon in Griesheim frühstücken, heute besucht sie Darmstadt. Schultheis nennt das „Frühstückstreff-Tourismus“. Auch Stefan taut langsam etwas auf und erzählt, dass er im Internet (www. fruehstueckstreff.de) von der Aktion gelesen und sich spontan dazu entschieden habe, vorbeizukommen. „Und kommst du wieder?“, fragt ihn Ruth mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ich denke schon. Ist angenehm hier.“

Ein leerer Kühlschrank stellt einen vor die Wahl: Tankstelle oder Frühstückstreff

Während der neun Jahre ist Schultheis zu einem Hobbysoziologen geworden. Frauen, so habe er festgestellt, hätten vielleicht Angst vor dem ersten Treffen, nähmen dann aber eine Freundin mit. Bei Männern hingegen, sagt er lachend, sei das nicht so einfach. Die könnten nicht sagen, dass sie Angst hätten. „Und deswegen ist jeder Mann, der hier her kommt, schon ziemlich mutig.“ Die Frühstückszeit habe man extra an diese mutigen Exemplare angepasst, es geht erst um 11 Uhr los. Da seien die Männer ausgeschlafen und hätten festgestellt, dass der Kühlschrank leer ist. Dann stünden sie vor der Wahl: Tankstelle oder Frühstückstreff.

Es ist einer der wenigen Sonntage, an denen Schultheis auch mal wieder an einem Frühstück teilnimmt. Alle kennen und duzen ihn, freuen sich über seine Anwesenheit. Er schnappt sich einen Stuhl und erzählt von dem Treff in einer anderen Stadt, wo man mit dem Restaurant nicht zufrieden sei. Zu Anfang suchte sich Schultheis noch freiwillige Helfer, die in den diversen Städten die Treffen organisierten. Doch die sprangen schnell ab, und so entschied er sich, mit den Gastronomen zusammenzuarbeiten. Die haben schließlich auch ein Interesse daran, dass die Treffen gut besucht werden.

Für den Erfinder sind die Treffen eher Job als Entspannung

Schultheis macht einen Witz, fast der ganze Tisch lacht. Er kam noch nicht dazu, sich selbst ein Frühstück an dem kleinen Buffet zusammenzustellen. Andere beladen sich ihren Teller schon zum zweiten Mal. Es gibt arabische und deutsche Buffetklassiker, im Hintergrund läuft orientalische Musik, über dem Tresen liegt eine Deutschlandflagge.

„Für mich sind die Treffen eher ein Job als Entspannung“, sagt Schultheis, nachdem er sich erkundigt hat, ob alle mit dem Essen und der Bedienung zufrieden sind. In vielen Nachtschichten werden mögliche Cafés heraus gesucht. Am nächsten Morgen, noch bevor er in seine Firma fährt, telefoniert er mit den Cafés und fragt an, ob bei ihnen ein Frühstückstreff möglich sei.

Fünf „Frühstücks-Kinder“ gibt es schon

Inzwischen sind die meisten Treffen ein Selbstläufer. Deswegen kann Schultheis die folgenden Sätze neun Jahre nach Start auch gelassen aussprechen: „Das ist wie beim Kinder kriegen. Am Anfang weiß man gar nicht, wie viel Arbeit da auf einen zukommt. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich es gelassen.“

Wer denkt bei so viel Aufwand an die Liebe? Schultheis tat es nach eigener Aussage nicht – und fand sie trotzdem. Vier Jahre hat es gedauert, dann saß seine heutige Lebensgefährtin an einem Sonntagmorgen neben ihm am Tisch. So sei es mehrfach geschehen und auch fünf „Frühstückstreff-Kinder“ gebe es inzwischen.

Auch nach dem Frühstück ist noch Zeit für gemeinsame Unternehmungen

Die einen bleiben zusammen, die anderen gehen wieder. Die Gruppen verändern sich ständig, sodass es sich lohnt, immer mal wieder zu einem Treffen zu kommen. Die Zeit, die jeder bis zu dem Entschluss, einmal mit zu frühstücken, braucht, sei sehr unterschiedlich. Manche überlegten mehrere Monate, sagt Schultheis, und würden sich dann nach dem ersten Sonntag ärgern, dass sie sich nicht schon früher getraut haben. „Doch die Angst vor der Cliquenbildung ist sehr groß“, weiß der Initiator. Nach seiner Erfahrung verabschiedeten sich die Cliquen nach kurzer Zeit sowieso und zurück bleibe eine lockere und offene Gruppe. Immer wieder sei der Wunsch an ihn herangetragen worden, auch nach dem zweistündigen Frühstück etwas gemeinsam zu unternehmen. Manchmal wird gewandert, ein andermal eine Fahrradtour unternommen. Sogar Ausflüge zur Mandelblüte nach Mallorca gab es schon. Dabei seien echte Freundschaften entstanden.

Dass Schultheis in Zukunft häufiger bei den Treffen dabei sein kann, ist nicht anzunehmen. Denn er hat seit kurzer Zeit einen neuen Freund. Joschi ist 13 Wochen alt, ist ein Foxterrier und findet es überhaupt nicht toll, lange im Lokal still unter dem Tisch zu sitzen. Aber die neuen Bekanntschaften werden seinem Herrchen trotzdem nicht ausgehen. Ein Hund, sagt Schultheis, biete fast eine noch bessere Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen, als der Frühstückstreff.

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