15.07.2010 · Bei Straftaten wie Mord, Körperverletzung, Vergewaltigung oder Wohnungseinbruch ist die DNS, der an den Tatorten gefundene genetische Code, oft die wichtigste Spur für die weiteren Ermittlungen.
Von Katharina Iskandar, FrankfurtBei Straftaten wie Mord, Körperverletzung, Vergewaltigung oder Wohnungseinbruch ist die DNS, der an den Tatorten gefundene genetische Code, oft die wichtigste Spur für die weiteren Ermittlungen. Erst vor kurzem wurde in Frankfurt mit diesem Verfahren ein Tötungsdelikt an einer älteren Dame aufgeklärt, das ansonsten wahrscheinlich ungelöst geblieben wäre.
Aus Sicht von Kriminalisten war es angesichts dieser Entwicklung nur eine Frage der Zeit, bis eine „künstliche DNS“ auf den Markt kommt. Diese hat zwar mit der Desoxyribonukleinsäure im chemischen Sinne nichts zu tun, ist aber ähnlich wie das Erbgut von Lebewesen höchst individuell und könnte somit bei polizeilichen Ermittlungen helfen.
Nur unter UV-Licht zu erkennen
Geeignet ist die „künstliche DNS“, die seit mehreren Jahren schon in Großbritannien und den Niederlanden eingesetzt wird, vor allem zur Diebstahlsprävention: Der durchsichtige Lack, den ein niederländisches Unternehmen herstellt, wird auf Wertgegenstände gepinselt und „codiert“ diese somit. Werden sie etwa bei einem Einbruch gestohlen und tauchen später als Hehlerware wieder auf, können sie anhand der Codierung identifiziert und dem Eigentümer eindeutig zugewiesen werden.
Zu erkennen ist die Codierung nur unter UV-Licht. Außer der künstlichen DNS sind in dem aufgetragenen Lack sogenannte Mikropunkte mit einer speziellen Nummerkombination enthalten; darüber ist der rechtmäßige Besitzer in der Datenbank der Herstellerfirma registriert.
Auch in Hessen lohnenwert
Bisher wird künstliche DNS in Deutschland nur in Bremen und Bremerhaven eingesetzt. Im Rahmen eines Modellprojekts haben dort rund 1000 Privathaushalte und 160 Schulen ihr Mobiliar und ihre Wertsachen codiert. Eine erste Tendenz zeigt, dass zumindest der präventive Ansatz zu wirken scheint: In jenen Haushalten und öffentlichen Einrichtungen, die an dem Modellprojekt teilnehmen und dies auch mit Warnschildern („Dieses Gebäude ist mit künstlicher DNS codiert“) nach außen hin sichtbar machen, wurden seit Projektbeginn weitaus weniger Einbrüche verzeichnet als in Vergleichszeiträumen der Vorjahre, wie ein Sprecher der Bremer Polizei mitteilte.
Frank Goldberg, Geschäftsführer des Frankfurter Präventionsrats, kann sich ein solches Projekt auch in Hessen vorstellen. Gerade in Frankfurt werde sehr oft in Schulen und Kindertagesstätten eingebrochen, sagt er. Der Schaden sei jedes Mal enorm. „Indem man potentielles Diebesgut codiert, und dies auch von außen mit einem Aufkleber deutlich macht, verunsichert man die Täter oder schreckt sie sogar ab.“ Auch bei Fahrrädern würde sich nach Ansicht Goldbergs die DNS-Codierung lohnen. Polizei und Ordnungsamt könnten bei ihren Streifgängen auf Flohmärkten die angebotenen Räder ableuchten „und auf einen Blick erkennen, ob es sich um gestohlene Räder handelt oder nicht“.
Land Bremen will Ergebnisse vorstellen
Die Vorteile, die die DNS-Codierung als Abschreckung bietet, sieht auch die Polizei. Allerdings sind die Fachleute skeptisch, da der Verkauf und auch die Registrierung der Kunden in der Datenbank ausschließlich über ein Privatunternehmen läuft, die Firma „Selecta DNA“. Die verlangt für den Lack, der ihren Angaben zufolge etwa für 50 bis 70 Gegenstände reicht, rund hundert Euro – ein Vielfaches des Produktionspreises. Außerdem, gibt die Polizei zu bedenken, könne der Datenschutz bei Privatunternehmen generell nur schwer kontrolliert werden. In einer Stellungnahme von DNS-Experten wird zudem vor einer „schleichenden Kommerzialisierung hoheitlicher Aufgaben“ gewarnt, wie sie etwa in Großbritannien schon zu finden sei. Das „Diktat der Gewinnmaximierung“ habe dort zu erheblichen Qualitätsverlusten der Polizeiarbeit geführt.
In der Diskussion bleiben wird die künstliche DNS wohl dennoch. Demnächst will das Land Bremen die Ergebnisse ihres Projekts vorstellen. Sollten sie positiv ausfallen, wird das Modell möglicherweise auch in Hessen neu überdacht.
"Das Vielfache des Produktionspreises"
Julius Schäffer (jschaeffer)
- 15.07.2010, 15:08 Uhr