Der Specht ist der kleinste Feind des Passivhauses. Angeblich klopft der Vogel besonders gerne auf die dicken Dämmplatten, um sein Revier abzugrenzen. Die Löcher in der Fassade ärgern Hausbesitzer so sehr, dass ein Immobilien-Verband schon ein Faltblatt mit dem Titel „Wärmedämmverbundsysteme: Was tun bei Spechtangriffen?“ herausgegeben hat. Doch Spechte machen dem Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft ABG, Frank Junker, wenig Sorgen. Ihn ärgern jene, die „alte Vorurteile“ gegen die Passivhaus-Technologie bedienen. Viele Architekten und Ingenieure lassen sich nämlich nur schwer überzeugen.
Der Siegeszug des Passivhauses beeindruckt. Es gibt Passivhaus-Tagungen und ein Passivhaus-Institut. Zurzeit steht in Frankfurt auf dem Roßmarkt sogar das Modell eines „Plus-Energie-Hauses“. Dieses Aktivhaus deckt nicht nur wie das Passivhaus seinen Heizbedarf „passiv“ über die Körperwärme oder Sonnenstrahlen, sondern produziert selbst Energie. Bei der Präsentation ergriff Umweltdezernentin Manuela Rottmann (Die Grünen) die Gelegenheit, das Passivhaus gegen seine Kritiker zu verteidigen: „Zum Teil wurde das Ende der Architektur verkündet, weil dicke Mauern hässlich seien. Über diesen Stand sind wir hinaus.“
Fünf bis sieben Prozent kostet das Passivhaus beim Bau mehr
In Frankfurt dürfen nach einem Stadtverordnetenbeschluss öffentliche Bauten nur noch im Passivhaus-Standard errichtet werden. Die erste Passivhaus-Grundschule Deutschlands steht seit sechs Jahren auf dem Riedberg, einige Kitas sind hinzugekommen. Das städtische Wohnungsbauunternehmen ABG hat in den vergangenen zehn Jahren 800 Wohnungen in energiesparender Bauweise errichtet, 800 weitere sind in Planung. Die Zahlen machten Frankfurt zur „Passivhaus-Hauptstadt Deutschlands“, sagt Junker. Wenn er die Vorzüge der Passivhaus-Technologie erläutert, klingt das überzeugend: „Fünfzig Prozent des gesamten Energiverbrauchs in Deutschland gehen für das Heizen und Kühlen von Gebäuden drauf.“ Ein Passivhaus verbrauche ein Zehntel der Heizenergie eines konventionellen Gebäudes, proportional sinke der Ausstoß von Kohlendioxid. Junkers Zahlen beeindrucken: Durch die Passivhausbauweise spare die ABG 847. 000 Liter Heizöl und mehr als 2000Tonnen Kohlendioxid im Jahr.
Der Bau eines Passivhauses ist zwar fünf bis sieben Prozent teurer als ein normaler Neubau, der die Anforderungen der Energie-Einsparverordnung erfüllt. Mieter und Eigentümer profitieren dafür von den geringen Nebenkosten. Eine dicke Styroporschicht sorgt dafür, dass die Wärme im Haus bleibt. Durch die Dämmung und eine ausgeklügelte Belüftung verringert sich der Heizbedarf derart, dass die ABG in einzelnen Objekten die Heizkosten nicht mehr abrechnet.
Handbuch mit Tipps zum richtigen Lüften und Heizen
Viele Architekten und Ingenieure stehen der Passivhaus-Technik aber weiterhin kritisch gegenüber. Der auf das Thema „Green Building“ spezialisierte Rechtsanwalt Werner Dorß kritisiert, dass die Vorgaben des Darmstädter Passivhaus-Instituts willkürlich zum Standard und „fast zur Religion“ erhoben worden seien. Es gebe auch andere Richtwerte und Methoden für eine ressourcenschonende Bauweise. Er empfiehlt, lediglich Ziele für den Energieverbrauch von Neubauten vorzugeben. „Wie die erreicht werden, würde ich dem Wettbewerb überlassen.“ Dorß wirbt dafür, sich den wahren Energieschleudern zu widmen: „Der erste Zentimeter Dämmung hilft am meisten. Man sollte lieber in der Breite Bestandsbauten sanieren, statt einige Leuchtturmprojekte zu schaffen.“
Häufig wird auch die Handhabbarkeit der Passivhaus-Technologie in Frage gestellt. Bewohner solcher Häuser bekommen ein Benutzerhandbuch mit Hinweisen zum richtigen Lüften und Heizen. Wer sich nicht daran hält und die Fenster nach Gutdünken öffnet, kann die Energiebilanz seines Hauses durcheinanderbringen. „Die Gebäude werden techniklastiger und die Nutzer bevormundet. Das führt zu Verhaltensweisen, die unserem Lebensstil nicht entsprechen“, sagt Dorß. Und er fügt hinzu: „Der Mensch möchte sich manchmal auch unvernünftig verhalten können.“
Die Architektur macht Fortschritte
Dazu gehört für den Architekten Jürgen Engel, Fenster auch im Winter nach Belieben öffnen zu dürfen: „Ich kann ohne ein offenes Fenster nicht schlafen. Ich liebe Altbau-Wohnungen mit einer normalen Belüftung und bin bereit, dafür höhere Energiekosten zu zahlen.“ Engel ist die Passivhaus-Methode als Lösung „zu einfach“: „Es gibt auch andere Wege, umweltbewusst zu bauen. Durch die Fassade lässt sich zum Beispiel Energie gewinnen.“ Auch aus ästhetischen Gründen hat er Vorbehalte. Zwar könne ein Architekt gut mit dicken Wänden arbeiten. „Aber ich habe gerne mehr Freiheiten und bin gegen die Bevormundung.“
Optisch haben sich die Passivhäuser von den ersten Experimenten am Sophienhof in Bockenheim bis zu den jüngsten Projekten am Campo Bornheim oder an der Hansaallee deutlich verbessert. Einige Architekten haben ihre ablehnende Haltung aufgegeben. Jo Franzke, dessen erstes Passivhaus an der Hansaallee fertig ist, schätzt die Passivhaus-Bauweise, da er ohnehin eine reduzierte Formensprache bevorzugt. „Verspielt arbeiten kann man allerdings nicht mehr“, gibt er zu bedenken.
Hat sich die Stadt mit der Vorgabe „alles passiv“ einem Dogma unterworfen?
Stefan Forster, der schon einige Passivhäuser für die ABG entworfen hat, behauptet, man sehe seinen Gebäuden diese Technologie nicht an: „Man kann damit auch normale städtische Architektur machen.“ Forster klagt über „viele unberechtigte Vorbehalte“. Die Einschränkungen hält er für nebensächlich: „Mit einem Gebäude ändert man seine Gewohnheiten.“ Es sei zudem „ein Riesenvorurteil, dass man die Fenster nicht öffnen darf“. Für ihn steht die Energieeinsparung im Vordergrund. Auf welche Weise dies geschieht, ob im Passivhaus-Standard oder in Niedrigenergiebauweise, sei nebensächlich.
Hat sich die Stadt mit der Vorgabe „alles passiv“ einem Dogma unterworfen? Forster ist dafür, die Diskussion offen zu gestalten. Frank Junker kämpft für eine Befreiung von alten Vorurteilen. „Wir wollen nicht, dass man die Häuser anhand von dicken Mauern und kleinen Fenstern von außen als Passivhäueser erkennt.“ Am Beispiel des Campo Bornheim, wo die ABG das größte Passivhaus-Quartier Deutschlands errichtet hat, führt er dies vor Augen. „Man erkennt nicht, welche Technologie sich hinter den Fassaden verbirgt.“

