10.03.2009 · Windkraftanlagen sind umstritten. Besonders CDU-Politiker machen Front gegen die „Verspargelung“ der Landschaft. Doch ohne Windenergie geht es nicht, sagt Jürgen Schmid, Energieexperte der Universität Kassel.
Windkraftanlagen sind umstritten. Besonders CDU-Politiker machen Front gegen die „Verspargelung“ der Landschaft. Doch ohne Windenergie geht es nicht, sagt Jürgen Schmid, Energieexperte der Universität Kassel. Warum, das erläutert er im folgenden Interview.
Die Landesregierung will den Anteil der regenerativen Energien bis 2020 auf 20 Prozent steigern. Braucht sie dazu Windenergie?
Obwohl Hessen ja kein ausgesprochener Windstandort ist, kann man klar sagen: Ohne Windenergie geht es nicht, wird man das Ziel unter gar keinen Umständen schaffen. Es gibt nur zwei Quellen, aus denen man schöpfen kann: Biomasse und Windenergie.
Was ist mit der Sonne?
Theoretisch geht es auch über die Sonnenenergie. Aber die Photovoltaik braucht noch einige Zeit. Die Erzeugungskosten sind noch sehr, sehr hoch. Bei gleichem Einsatz der Mittel erreicht man fünfmal so viel Strom mit Wind als mit Sonne. Das können wir uns in Hessen nicht leisten. Wir sind ja auch kein ausgesprochenes Sonnenland. Sehr langfristig kann sich die Geschichte umdrehen. Aber wenn bis 2020, also in zehn Jahren, ein Anteil von 20 Prozent erreicht werden soll, gibt es nur Wind und Biomasse.
Im Rhein-Main-Gebiet wird gerade mit Vehemenz um mögliche Standorte für Windräder gestritten. Die CDU will möglichst keine zulassen, die FDP nur gerade so viele, dass sie sich juristisch nicht angreifbar macht. Ist es überhaupt sinnvoll, im Rhein-Main-Gebiet Standorte auszuweisen?
Ich bin nicht sicher, ob das Rhein-Main-Gebiet ideal ist für Windenergie. Wir haben in Hessen sehr gute Standorte, mehr im Norden, im Vogelsberg, im Knüllgebirge. Diese Potentiale müsste man zunächst ausschöpfen, bevor man dann ins Rhein-Main-Gebiet geht. In der Tiefebene ist es sehr schwierig, gute Standorte zu finden. Man muss die Höhen nutzen, um anständige Erträge zu erzielen.
In Rhein-Main gibt es Höhen, den Odenwald, den Taunus. Dort sollen aber keine Windräder stehen, aus ästhetischen Gründen. Kennen Sie dieses Argument?
Aber natürlich. Gerade in Verbindung mit Windenergie sind ja ästhetische Kriterien immer ganz wichtig. Die Frage ist nur, was sind die Alternativen? Wenn man erneuerbare Energien haben möchte, muss man fragen, wo können sie herkommen? Was wird uns das kosten? Und dann gibt es natürlich auch die ästhetischen Gesichtspunkte. Ich möchte ein Beispiel geben: Wir haben an der norddeutschen Küste eine sehr hohe Windraddichte, obwohl es dort ausgesprochene Tourismuszentren gibt. Dort ist offensichtlich die Akzeptanz für Windräder sehr, sehr hoch. Man hat im Rhein-Main-Gebiet einfach auch sehr wenig Erfahrung mit dem Erscheinungsbild dieser Maschinen. Vielleicht zur Erinnerung: Vor 100 Jahren hatten wir in Deutschland etwa doppelt so viele Windmühlen wie heute.
Ist das also eine Frage der Gewohnheit?
Da bin ich ganz sicher. Man hat sich an die Hochspannungsleitungen gewöhnt, die in meinen Augen bei weitem nicht so hübsch sein können wie Windräder. Das zeigt, man kann sich an vieles gewöhnen.
Wie viele Standorte bräuchte man, um beim Strom den Anteil aus Windkraft auf 20 Prozent zu steigern?
Mit 1,5 Prozent der Fläche von ganz Hessen würde man hinkommen.
Hessenweit sind es derzeit 0,15 Prozent. Da muss man also noch kräftig zulegen. Hessen bildet übrigens im Ländervergleich eines der Schlusslichter.
Die Landesregierung will offenbar hauptsächlich auf Biomasse setzen. Ist das möglich?
Wir brauchen die Biomasse auch bei der Stromerzeugung, um einen Ausgleich zu schaffen. Der Wind bläst ja nicht immer. Und da braucht man etwas, was die Lücken füllt. Das kann man ganz ideal mit der Biomasse machen. Und sie ist außerordentlich geeignet, wenn es um Wärme geht. Da ist Biomasse die erste Wahl. Beim Strom ist es die Windenergie.
Sie selbst sagen doch auch, Hessen sei kein ausgesprochen geeigneter Windstandort.
Es gibt geeignetere Standorte, aber es gibt auch neue Entwicklungen. Wir haben inzwischen sehr viel höhere Windmühlen. Das bedeutet, wir können jetzt in Gebiete hinein, an die wir früher gar nicht gedacht haben, speziell in die Wälder. Wenn wir die sehr hohen Windmühlen einsetzen, wie wir sie in Nordhessen schon teilweise haben, dann bekommen wir Verhältnisse wie an der norddeutschen Küstenebene. Dann ist auch die Ausbeute sehr viel größer als bisher. Die Neuentwicklung der Technik kommt uns sehr entgegen.
CDU und FDP in Südhessen haben Windräder in Naturparks und Geoparks ausgeschlossen, alle Anhöhen sind ausgeschlossen.
Natürlich müssen die Windräder auf die Kuppen, auf die Berge. Dort haben wir die höchsten Windgeschwindigkeiten.
Gibt es die Diskussion auch in anderen Bundesländern?
Ja, in Baden-Württemberg etwa. Dort wurde sehr viel diskutiert, etwa um den heiligen Berg der Freiburger, den Schauinsland. Dort ist die Diskussion nur viel früher geführt worden und hat sich inzwischen wieder beruhigt.
Gibt es dort heute Windräder?
Ja, aber auch noch viel zu wenige. Auch auf dem Hausberg der Freiburger, dem Rossberg, stehen mittlerweile Windräder in Sichtweite vom Freiburger Marktplatz. Da kann Hessen noch viel tun, ehe es so weit ist.
Erneuerbare Energien
Klaus D. Wolf (LaoK)
- 11.03.2009, 12:35 Uhr