18.04.2011 · Die Energiewende könnte der hessischen Wirtschaft schaden. Der Stromverbrauch steigt dessen ungeachtet auch durch neue Rechenzentren - und für diese Branche ist Frankfurt ein zentraler Standort.
Von Manfred KöhlerAn Donges Steeltec kommt niemand vorbei. Wer mit dem ICE in den Berliner Hauptbahnhof einrollt, fährt unter einer Stahlkonstruktion des Darmstädter Unternehmens hindurch. In Mainz stützen Stahlträger von Donges das Dach über den Tribünen des Bruchwegstadions. Und auf der Autobahn 45 ist das Unternehmen gerade am Neubau einer Brücke bei Herborn beteiligt. 400 Mitarbeiter beschäftigt der Stahlbauer in Darmstadt, wie Geschäftsführer Oliver Stein berichtet.
Im Moment kann er nur hoffen, dass es so bleibt. Denn Donges zählt zu den vielen Unternehmen, in denen man skeptisch die Diskussion über die künftige Energiepolitik Deutschlands verfolgt, die vor allem weg vom Atom führen soll, aber sehr wahrscheinlich auch höhere Strompreise mit sich bringen wird. Noch höhere. 600.000 Euro zahlt Donges schon jetzt Jahr für Jahr. „Die Gewinnmarge in der Branche liegt bei einem Prozent nach Steuern“, sagt Stein. „Da können Sie sich vorstellen, wie gravierend solche Einflüsse sind.“ Die Konkurrenz lauert vor allem in Osteuropa und Frankreich. Beim Nachbarn im Westen zahlen Unternehmen die Hälfte für Strom, wie die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände vorrechnet.
Privathaushalte sparen eben anderswo
Beachtliche Teile der Deutschen geben in Umfragen an, für den Atomausstieg seien sie bereit, mehr für Strom zu zahlen. Doch Privathaushalte sparen dann eben anderswo. Bei Unternehmen geht das nicht so einfach. Vor allem in der Chemie-Industrie sind die Energiekosten hoch. Deren Anteil an der Bruttowertschöpfung liegt nach Angaben des Branchenverbands bei einem Fünftel. Bei manchen Prozessen wie der Chlorproduktion sollen es 40 Prozent sein. In der hessischen Industrie ist die Chemie der größte Stromverbraucher überhaupt (siehe Grafik).
Folglich ist dort die Unruhe wegen der künftigen Energiepolitik groß. „Hohe Stromkosten alleine gefährden zwar keine Arbeitsplätze“, sagt Gregor Disson, Geschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie Hessen, „aber gemeinsam mit anderen Kostensteigerungen schon.“ Solche Kostentreiber fallen ihm genügend ein, zum Beispiel die Rohstoffpreise. Zugleich rief die Chemie-Industrie in Erinnerung, dass sie mit Innovationen wie der Entwicklung von Leuchtstoffen für stromsparende Leuchtdioden zum Klimaschutz beitrage.
„Industrieproduktion nur bei Sonnenschein?“
Noch größer als in Hessen ist die Nervosität dieser Tage im Nachbarland. „Industrieproduktion in Rheinland-Pfalz ab 2030 nur noch bei gutem Wetter?“ So überschrieb die Landesvereinigung der Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz am Freitag eine Stellungnahme zu den Plänen der künftigen rot-grünen Koalition in Mainz, den Strombedarf des Bundeslands allein aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Der Verband fürchtet nicht nur steigende Preise und damit den Verlust von Arbeitsplätzen, sondern auch Stromausfälle.
Die ersten Politiker haben inzwischen bemerkt, dass es in der Energiepolitik nicht allein um Umweltschutz geht. Vor einer Woche warf der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel der Bundesregierung vor, beim Atomausstieg die Interessen der Industrie nicht ausreichend zu berücksichtigen: „Wir müssen um jeden industriellen Arbeitsplatz kämpfen.“ Am Freitag forderte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) im Hessischen Rundfunk Vergünstigungen für die Industrie.
Tatsächlich sind die Strompreise nach dem Abschalten der ältesten Kernkraftwerke längst gestiegen. An der Strombörse wurden zuvor für eine Megawattstunde zur Lieferung im dritten Quartal 51 Euro gezahlt, am Freitag waren es 57 Euro. Nach neuen Prognosen dürfte der Atomausstieg einen Preisanstieg um ein Fünftel nach sich ziehen.
Stromverbrauch unbeeinflusst von Konjunktur
Zwar ist die Wirtschaft schon seit Jahren dabei, ihre Prozesse auf Energieeffizienz zu trimmen. Doch wegen der Produktionsausweitung ist der Stromverbrauch trotzdem gestiegen, auch in Hessen. Das ist nicht allein auf die Industrie beschränkt, wie sich am Beispiel Frankfurts zeigt. In der von Dienstleistungen geprägten Stadt erhöht sich der Stromverbrauch seit Jahren, praktisch unbeeinflusst von den konjunkturellen Wechsellagen – durch das Aufstellen immer weiterer Computer, durch Rechenzentren, durch Klimaanlagen (siehe Grafik).
Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände ruft unterdessen in Erinnerung, dass niedrigere und nicht höhere Strompreise Ziel sein sollten. „Ein niedriger Strompreis hilft unseren exportorientierten mittelständischen Industrieunternehmen“, sagt Clemens Christmann, Geschäftsführer für Wirtschaftspolitik. Die Subventionen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sollten gedeckelt, insbesondere die Überförderung des Solarstroms solle abgebaut werden. Und der Verband denkt auch an die Privathaushalte: „Die hessischen Unternehmen haben ein Interesse daran, dass ihre Kunden eine hohe Kaufkraft haben.“
Ein dramatischer Fehler der FDP den Kernausstieg zu supporten
Markus Peldeg (publicminx)
- 18.04.2011, 11:34 Uhr
Wie lange können wir uns diese Spitzenstellung im Strompreis noch Leisten
Hans-Ulrich Pietz (Ulrich2310)
- 18.04.2011, 11:40 Uhr
„Die hessischen Unternehmen haben ein Interesse daran,
Karl Theodor (karl.theodor)
- 18.04.2011, 14:11 Uhr