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Der neue Hessische Landtag Öffnung zum Volk

02.04.2008 ·  Noch ist das Gebäude eine Baustelle, doch schon jetzt wird der moderne Plenarsaal in Wiesbaden feierlich eröffnet. In Kürze wird sich hier der neue Landtag konstituieren.

Von Ralf Euler
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„Unter aller Sau“ – so hat ein CDU-Abgeordneter die Zustände im Landtag vor einigen Jahren einmal kurz und bündig zusammengefasst. Wenn die 110 Parlamentarier am Samstag zur konstituierenden Sitzung nach der Landtagswahl zusammenkommen, dürfte ihr Urteil wesentlich freundlicher ausfallen. Nach einer Bauzeit von fast drei Jahren – rund 16 Monate länger als vorgesehen – ist der neue Plenarsaal gerade noch rechtzeitig fertiggestellt worden.

Uneingeschränkt kann die Freude der Volksvertreter aber nicht sein, haben sich die Kosten doch von ursprünglich „maximal 27,5 Millionen Euro“ auf bis zu 41 Millionen erhöht – die genaue Abrechnung steht noch aus. So mancher langjährige Parlamentarier mäkelt zudem hinter vorgehaltener Hand, dass der neue Sitzungssaal kaum mehr Platz biete als der alte, dass die Bewegungsfreiheit auf den auf Schienen installierten Stühlen sogar geringer sei. Offen wagen das allerdings die wenigsten zu sagen, denn eine großzügigere Lösung hätte die Steuerzahler ja vermutlich noch mehr Geld gekostet.

Ehemals neun Quadratmeter Raum für einen Abgeordneten

An der Notwendigkeit, die Arbeitsbedingungen der Abgeordneten zu verbessern, hegte schon bei Beginn der Debatte über Neu- oder Umbau des Landtags niemand ernsthaft Zweifel. So manche Abgeordnetenbüros waren nur neun bis zwölf Quadratmeter groß, befanden sich unter dem Dach und wurden wegen der fehlenden Isolierung im Sommer brütend heiß und im Winter erbärmlich kalt. Der fensterlose Plenarsaal mit seiner dröhnenden Klimaanlage wurde von seinen Nutzern nicht ganz zu Unrecht als „Bunker“ verunglimpft, und weil Licht und Luft fehlten, klagten Volksvertreter bei Sitzungen über Kopfschmerzen. Die Lautsprecheranlage war veraltet und störungsanfällig, die Stühle waren durchgesessen und eines Landesparlaments nicht mehr würdig. Für die jährlich rund 40.000 Landtagsbesucher gab es keine Vortragsräume, vor der Sicherheitsschleuse im Foyer bildeten sich oft lange Schlangen.

Künftig ist nicht alles, wohl aber das meiste besser. Der nach einem Konzept des Darmstädter Architekturbüros Waechter & Waechter entstandene Neubau bezieht das frühere Verwaltungsgericht Wiesbaden mit ein, wodurch der Landtag 2700 Quadratmeter Nutzfläche und etwa 40 Tiefgaragenplätze hinzugewinnt. Der Plenarsaal ist mit rund 400 Quadratmetern etwas größer, vor allem aber transparenter und heller als sein Vorgänger; zur Innenstadt und zum Innenhof hin öffnet er sich durch breite Glasfronten. Statt eines Dachstuhls verfügt er über ein flaches Betondach mit Oberlichtern. Ein typisches Gestaltungselement sind die schmalen Schlitze in den Außenwänden, die bei Tag Licht ins Innere hinein- und bei Nacht – wenn das Gebäude erleuchtet ist – herausstrahlen lassen.

Energietechnisch werden neue Maßstäbe gesetzt: Für die Fußboden- und die Wandheizungen nutzten die Techniker heiße Quellen im Untergrund der Landeshauptstadt, bei großer Hitze kann das Gebäude über die Wände gekühlt werden.

Mehr als 50.000 Besucher im Jahr erwartet

Architekt Felix Waechter betrachtet seinen Bau als ein „Stück gebaute Demokratie“. Die Parlamentarier debattieren künftig vor den Augen der Bürger. „Der Landtag will sich öffnen“, sagt Parlamentspräsident Norbert Kartmann (CDU). Er habe ein offenes, die Kommunikation förderndes Gebäude bauen wollen und sich dabei vom Buleuterion in Milet, dem dortigen theaterähnlichen Schauplatz griechischer Ratsversammlungen, inspirieren lassen, berichtet Waechter. Der runde Plenarsaal mit seiner hufeisenförmigen Sitzanordnung entspreche dem Bild des Runden Tisches und sei von der Form her mehr als der alte „Vortragssaal“, in dem sich Regierung und Abgeordnete frontal gegenübersaßen, ein Ort der Begegnung und des Gesprächs.

Im Landtagskomplex arbeiten neben den 110 Abgeordneten rund 160 Beschäftigte. Er bietet zudem Büros für ein knappes Dutzend Journalisten und beherbergt Studios des Hessischen Rundfunks. Das neue Sitzungssaalgebäude passt sich dem Grundriss einer hölzernen Reithalle der Herzöge von Hessen-Nassau an, die früher an dieser Stelle stand. Dadurch, dass es um fast zehn Meter zurückversetzt wurde, ist an der Grabenstraße, dort wo künftig auch der Besuchereingang des Landtags sein wird, ein kleiner Platz entstanden, der das gesamte Areal aufwertet.

Im Inneren gibt es eine Lobby für Ausstellungen und den Empfang von Besuchergruppen. Wurden im alten Landtag jährlich 40.000 bis 50.000 Besucher gezählt, sollen es künftig deutlich mehr sein. Sicherheitsaspekte standen bei den Planungen denn auch nicht an erster Stelle. Anders als früher wollen sich die Abgeordneten nicht mehr abschotten und nehmen dafür in Kauf, dass sie nicht in einem Hochsicherheitstrakt sitzen.

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Jahrgang 1960, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

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