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Darmstadt : Sternenexplosionen im Kleinformat

Gigantisches Projekt: 20 Hektar ist das Areal groß, auf dem der Ringbeschleuniger gebaut wird. Bis zu 17 Meter tief werden die Bagger graben, der unterirdische Beschleuniger wird einen Umfang von etwas mehr als einen Kilometer haben. Bild: dpa

Wie ist unser Universum aufgebaut? Antworten auf diese Frage erhoffen sich Forscher von einem Projekt in Darmstadt. Gestern war Baubeginn für eine der größten wissenschaftlichen Investitionen weltweit.

          Das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung hat gestern mit einem symbolischen Spatenstich im Norden Darmstadts den Start für eines der größten wissenschaftlichen Bauvorhaben weltweit gegeben. Genau genommen, waren es 18 Spatenstiche, denn an der „Groundbreaking Ceremony“ für die Fair-Beschleunigeranlage nahmen neben Geschäftsführern, Staatssekretären und Vertretern wissenschaftlicher Einrichtungen auch die Repräsentanten der neun Projektpartner teil. Dazu zählen Frankreich ebenso wie Polen, Indien, Schweden oder Russland. Die Council-Mitglieder beförderten mit ihrem Werkzeug jeweils rund 300 Gramm Sand von der Stelle an einem Ort, der im Moment aussieht wie eine Pferderennbahn, die im Kreis um einen kleinen, mit Buchen bewachsenen Hügel herumführt.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Von September an werden hier schwere Baggerschaufeln bis zu 17 Meter tief ins Erdreich greifen für die Errichtung des wichtigsten Bauwerks der Fair-Großforschungsanlage, den zentralen unterirdischen Ringbeschleuniger, der einen Umfang von etwas mehr als einem Kilometer haben soll. Vom Jahr 2025 an wollen Physiker hier Ionenstrahlen von bislang unerreichter Intensität und Energie erzeugen. Sie werden in dem unterirdischen Ring bis annähernd Lichtgeschwindigkeit auf Fahrt gebracht und anschließend in Experimentierstationen gelenkt, wo es zu Crashs der speziellen Art kommt – Sternenexplosionen im Laborformat sozusagen, die das Auge nicht verfolgen kann, sondern die nur spezielle Detektoren aufzeichnen können. Bildlich gesprochen soll auf dem 20Hektar großen Areal also ein Großlabor entstehen mit ähnlichen Aufgaben wie ein Weltraumteleskop, nur dass es Wissenschaftlern hier erlaubt wird, tief in die Welt der atomaren und auf Quarks und Elektronen aufgebauten subatomaren Teilchen zu blicken.

          Finanzierungsfragen scheinen geklärt

          Der wissenschaftliche Geschäftsführer von Fair und GSI, Paolo Giubellino, erhofft sich „wegweisende neue Erkenntnisse über den Aufbau der Materie und des Universums“. Daneben rechnet man in Darmstadt mit praktischen Erkenntnissen für die Fortentwicklung der an der GSI entwickelten Krebstherapie oder neuen Hinweisen zur Weltraumstrahlung, die etwa für eine bemannte Marsmission der Weltraumorganisation Esa von Bedeutung sein könnten. Der technische Geschäftsführer Jörg Blaurock sprach am Dienstag von einem „Mega-Meilenstein“, der Staatssekretär Georg Schütte vom Bundesforschungsministerium von einem hochkomplexen Großforschungsprojekt, das sich an der „Grenze des wissenschaftlich und technisch Machbaren“ bewege und nun in eine „neue Phase“ eintrete. Tatsächlich scheinen inzwischen die Finanzierungsschwierigkeiten weitgehend ausgeräumt.

          Wie die administrative Geschäftsführerin Ursula Weyrich sagte, haben alle Partner die vor ein paar Jahren festgestellten Mehrkosten des Projekts – der Bundesrechnungshof sprach von 235 Millionen Euro – im Grundsatz akzeptiert, auch wenn zwei Länder noch nicht „final“ über ihre Beteiligung entschieden hätten.  Als aktuelle Plankosten für Fair nannte Weyrich die Gesamtsumme von 1,26 Milliarden Euro, gerechnet auf der Preisbasis von 2005. Wie ernst die Lage noch vor zwei Jahren war, hatte bei der Amtseinführung von Giubellino der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft deutlich gemacht, als er sagte, ohne die Bemühungen und das Verhandlungsgeschick Schüttes wäre „der Tanker Fair untergegangen“. Heute und morgen stehen die Finanzierungsfragen auf der Tagesordnung der Council-Sitzung. Die Bauarbeiten auf dem Areal im Stadtteil Wixhausen sind gigantisch.

          Genug Beton für acht Fußball-Stadien

          Auf der 20 Hektar großen Fläche im direkten Anschluss an das GSI-Forschungszentrum sollen in den nächsten sieben Jahren mehr als 20 Beschleuniger- und Experimentierbauwerke, Labore und sonstige Betriebs- und Versorgungswerkstätten mit rund 150.000 Quadratmeter Gesamtfläche errichtet werden. Zwei Millionen Kubikmeter Erde sind dafür zu bewegen, 600.000 Kubikmeter Beton zu verbauen (was etwa acht Frankfurter Fußball-Stadien entspräche) und 65.000 Tonnen Stahl zu verarbeiten (neun Eiffeltürme). Die einzelnen Bauphasen sind von Blaurocks Team inzwischen durchgeplant, vergeben werden nach und nach einzelne Lose, im ersten Schritt die für Aushub und Ausbau des Ringbeschleunigers.

          Der Bund hat vorerst 200 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Wie Blaurock gestern versicherte, laufen die Dinge jetzt so, „wie wir geplant haben“. Eine Herausforderung werde die Errichtung von Fair aber bis zum Schluss bleiben, schon wegen der Vielzahl technischer Komponenten, die erstmals und einmalig für das Großforschungszentrum entwickelt würden. Von 2025 an wollen im Vollbetrieb rund 3000 Wissenschaftler aus 50 Ländern die Experimentierstätten von Fair nutzen, das als Abkürzung für „Facility for Antiproton and Ion Research“ steht. Die Forschungsbedingungen gelten als einmalig, weil derzeit weder die Teilchenintensität noch deren Präzision und Vielfalt sich an einer der drei schon weltweit bestehenden Teilchenbeschleunigeranlagen erzeugen lassen.

          Quelle: F.A.Z.

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