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Burg-Herzberg-Festival Vierzig Jahre Liebe und Schlamm

 ·  Hessisch Woodstock: In Breitenbach beginnt heute das Burg-Herzberg-Festival. Erwartet werden wieder rund 10.000 Besucher. Einige der Musikfans kommen schon seit 1968 immer wieder. Anders als damals bringt diesmal so mancher sogar eine Solardusche mit.

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Hört er „Burg-Herzberg-Festival“, muss Ernst Liebisch etwas schmunzeln. „Ob ich mich zu alt fühle dafür? Diese Frage meinen Sie doch nicht ernst.“ Der 54 Jahre alte Mann aus Breitenbach schaut verständnislos. „Wenn man etwas liebt, dann hört man doch nicht auf damit, nur weil man älter wird. Musik unter freiem Himmel ist immer gut.“ Wie vor 40 Jahren wird er auch in diesem Jahr wieder seinen Schlafsack schultern und zum Burg-Herzberg-Festival laufen. Eine gute Stunde ist er dorthin unterwegs. Ob er dort zeltet, weiß er noch nicht, das entscheide er spontan, vielleicht schlafe er mal ein Stündchen beim Hängemattenhändler.

Sei es in der Hängematte oder vor der Bühne, Ernst Liebisch kann in diesem Jahr ein kleines Jubiläum feiern, denn 1968 hat er in Breitenbach zum ersten Mal ein kleines Werbeschild entdeckt: Burg Beat Festival Eintritt 3,50 DM. In seinem kleinen hessischen Dorf sei Beat-Musik fast verboten gewesen, und auf dieses Festival seien ja nur Verrückte gegangen. Gerade deshalb habe es ihn noch mehr interessiert. Es habe eine solche Aufbruchsstimmung damals geherrscht, sie hätten nur einfach anders sein wollen, sagt er, auch heute spüre er noch dieses Knistern, wenn er vor der Bühne stehe.

Freak City mit Solardusche

Wie Ernst Liebisch sind rund 10.000 Menschen seit Wochenbeginn zum Herzbergfestival in Oberhessen unterwegs. Zwischen Alsfeld und Niederaula an der Bundesstraße 62 liegt das 250 Hektar große Veranstaltungsgelände. Die Ersten kämen schon am Montag und blieben dann eine ganze Woche, sagt Gunther Lorz vom Organisationsbüro in Fulda. Viele machten dort ihren Jahresurlaub und brächten im Wohnmobil die ganze Familie mit. Mittlerweile seien es mindestens drei Generationen, die das Festival besuchten. „Wir haben natürlich noch die Leute der ersten Stunde, aber die haben ja mittlerweile auch erwachsene Kinder oder sogar Enkelkinder, die mit dem Konzertwochenende einfach aufgewachsen sind und immer wiederkommen.“

Der Zeltplatz, der hier Freak City heißt, füllt sich nach und nach mit Tipis und umgebauten Bussen. Bei Regen verwandelt sich der Hauptweg schnell in eine knöcheltiefe Schlammpiste. „Das war mal ein altes Feuerwehrfahrzeug“, sagt Anke Ritter aus Fulda, die neben ihrem roten Ford Transit aus dem Jahr 1973 steht, heute habe sie vom Feuertopf bis zur Solardusche alles dabei. Ein paar Meter weiter steht ein Bekannter von ihr mit einem Bus, der früher einmal als Jugendverkehrsschule genutzt wurde. Beide freuen sich auf ein paar entspannte Tage, die Menschen hier seien so achtsam und freundlich, das gebe ihr positive Energie für die nächsten Wochen, sagt Anke und fügt an: „Mit Liebe geht halt doch alles leichter.“ Ganz in der Nähe hängt ein Mitarbeiter des Kaffeestands gerade sein Werbeschild für „Bio-Kaffee mit frischer Ziegenmilch“ heraus. Wie zum Beweis steht die kleine Ziege direkt hinter dem Tresen und blickt jeden Kunden schelmisch an. Links daneben preist ein Besucher mit Indienerfahrung Schröpfmassagen zur Reinigung von Körper und Geist sowie bunte Batiktücher an.

Alle wollten wie Hendrix spielen

In den nächsten Tagen spielen mehr als 40 Bands auf zwei verschiedenen Bühnen. Die musikalische Bandbreite reicht dabei von Rockklassikern wie Birth Control über Folkmusik bis hin zu jungen Gruppen aus der Region wie den Mighty Vibez, einer Reggae-Formation aus Fulda. „Wir sind offen für viele Einflüsse, aber wir haben dennoch eine Vorgabe: Die Musik muss handgemacht sein“, sagt Festivalmanager Lorz.

Mit dabei sind auch die Petards, die das Festival vor vierzig Jahren gründeten: „Das war alles noch sehr rustikal, die haben im alten Burghof gefeiert, die Bühne war eine bessere Bretterbude, und die Künstler bekamen selbstgeschmierte Schmalzbrote“, sagt Lorz amüsiert. Spaß hat es wohl trotzdem gemacht, denn von 1968 bis 1973 trafen sich auf der Burg Herzberg viele der damals hochrangigen deutschen Rockbands; darunter unter anderem Can und Embryo. Bis 1990 lag das Festival im Dornröschenschlaf. Ein Reporter der „Frankfurter Rundschau“ berichtete 1971 aufgewühlt über das Burg Beat Festival: „Die Szene auf Schloss Herzberg nahe der oberhessischen Kleinstadt war gespenstisch anachronistisch: Von der Zinne her wehten Phon-Winde weit ins Land und lockten die Dörfler zum sonntäglichen Marsch auf die Bilderbuchruine. Es gab Hippies zu sehen und einen Krach, von dem sich nicht mal ein abgehärteter Traktorist eine Vorstellung machen konnte.“

Ein guter Teil dieses Krachs kam damals von Mani Neumeier und seiner Band Guru Guru. Sie hätten damals alle wie Hendrix spielen wollen, aber so ganz habe das nicht geklappt, erinnert sich der Schlagzeuger, also hätten sie ein bisschen Stockhausen ausprobiert, ein bisschen Indien. Hauptsache, schräg. Auch in diesem Jahr wird der 67 Jahre alte Musiker wieder auf der Bühne stehen, es sei ein Heimspiel für ihn, denn er habe sich vor 40 Jahren seine Freiheiten erkämpft, und die wolle er auch heute nicht aufgeben. Er fühle sich „weder zu alt noch zu verkalkt für das Festival, im Gegenteil, ich habe damals meine Frau hier getroffen, und wenn ich die Burg Herzberg sehe, spannt sich ein riesiger Zeitbogen.“ Für ihn sei das Festival wie ein altes Familienalbum.

Duschvorhang aus Batiktüchern

Ähnlich geht es auch Peter Bursch, der in diesem Jahr mit der Band Bröselmaschine auftritt. Beim letzten Auftritt vor zwei Jahren habe er hinter der Bühne einige Leute getroffen, die er seit den Siebzigern nicht mehr gesehen habe. Für ihn sei es ein merkwürdiges Gefühl zu sehen, wie alle gemeinsam alterten. Für das Jubiläumsjahr des Burg-Herzberg-Festivals hat Bursch etwas Besonderes vorbereitet, denn er bietet am Samstagnachmittag einen Gitarren-Workshop an. Vor zwei Jahren hat er schon einmal Hunderte mit ihren Instrumenten vor der Hauptbühne versammelt. „Damit ich meinem Ruf als Gitarrenlehrer der Nation auch mal gerecht werde“, sagt er mit einem Lachen. Sein gelbes Büchlein mit einem Gitarrenkursus wurde in Deutschland über eine Million Mal verkauft und hat Generationen von Musikschülern begleitet. Seinen Worten zufolge kamen auch schon Bandmitglieder auf dem Festival auf ihn zu und sagten, sie hätten durch ihn Gitarrespielen gelernt.

Anke hat mittlerweile ihre Solardusche aufgehängt und einen Duschvorhang aus Batiktüchern gebastelt. Gleich wird sie auf dem Feuer einen großen Topf mit indischem Gewürztee aufsetzen. Der brauche Stunden, bis er fertig sei. Genauso wie hier vieles länger dauere als im sogenannten normalen Leben. Es bleibe ihr die Zeit, einmal zu verweilen. Heute gehe ihr das alles viel zu schnell. Genau dieses Innehalten sei der freundliche Anachronismus, der heute noch das Festival ausmache, äußert Festivalmanager Lorz und blickt auf die wachsende Zeltstadt.

Für einen kurzen Moment schweigt auch sein Handy: „Was das Festival für mich ausmacht, ist das konventionslose Miteinander. Ich bin mir sicher, dass einige Leute noch die Krawatte im Auto haben, weil sie direkt aus dem Büro gekommen sind. Aber für diese vier Tage stehen sie barfuß im Herzberger Matsch und lächeln dich an.“

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Von Matthias Alexander

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