02.06.2008 · Im Streit um höhere Milchpreise blockieren aufgebrachte Landwirte mehrere Molkereien in Hessen. Betroffen von den Aktionen sind die Hochwald Nahrungsmittel-Werke in Hungen und Betriebe der Schwälbchen Molkerei, während die Upländer Bauernmolkerei nicht blockiert wird.
Von Oliver Bock und Thorsten WinterKnapp 100 Landwirte aus dem südhessischen Raum haben bei einer Kundgebung vor der Schwälbchen Molkerei in Bad Schwalbach einen Mindestpreis von 43 Cent je Kilogramm Milch gefordert und mit einer Blockade des Werks begonnen. Mit etwa 20 tonnenschweren Traktoren verstellten sie die Zufahrten zur Molkerei. Betroffen von den Aktionen waren auch die Hochwald Nahrungsmittel-Werke GmbH in Hungen und Hünfeld sowie ein Zweigbetrieb von Schwälbchen in Marburg. Die Upländer Bauernmolkerei in Willingen konnte dagegen wie üblich Milch verarbeiten. Das auf Bioprodukte spezialisierte Unternehmen zahlt aber in Abstimmung mit Naturkosthändlern auch deutlich höhere Literpreise als der Durchschnitt der Molkereien.
Die Polizei beobachtete die Aktion in Bad Schwalbach, verhielt sich aber abwartend. Empörte Bauern hielten Schwälbchen vor, unter den ersten verarbeitenden Betrieben gewesen zu sein, die den Milchpreis wieder auf den aktuellen Wert von 30 Cent je Kilogramm gesenkt hätten. „Kosten rauf und Preise runter - wir Milchviehhalter sterben drunter“ hieß es auf Transparenten und Plakaten, mit denen auch „Raus aus der Sklaverei“ und „realistische Preise“ gefordert wurden.
„Parken, bis die Milch sauer ist“
Der Sprecher der Milchbauern, der Odenwälder Landwirt Gerd Arras, kündigte eine unbefristete Blockade der Molkerei an. Die Landwirte würden sich mit ihren Traktoren vor der Werkseinfahrt solange am Boykott beteiligen, bis höhere Preise im Einzelhandel und damit auch für die Erzeuger durchgesetzt seien. Die Blockade solle auch über Nacht fortgeführt werden, weil dann Milchlieferungen aus Osteuropa in Bad Schwalbach erwartet würden: „Diese Lastwagen müssen solange vor dem Werk parken, bis die Milch sauer ist“, kündigte Arras ein kompromissloses Vorgehen an. Die Milchbauern hätten sich auf eine längere Aktion eingerichtet. Erfreulich sei die zunehmende Solidarität der Milcherzeuger auch in sechs europäischen Ländern, was die Durchschlagskraft der Aktion erhöhen werde.
Der Boykott aller hessischen und deutschen Molkereien solle den Druck verstärken und zu einer schnellen Lösung führen. Die Molkereien müssten endlich zu „ihren Bauern“ stehen und diese als gleichberechtigte Partner akzeptieren. Die Bauern wünschten sich nichts weniger, als die Regale nach einer Einigung möglichst schnell wieder mit Milch auffüllen zu können. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter rechnet seinen Mitgliedern unterdessen vor, bei einem Tag Lieferstopp und einem Ausgangspreis von 30 Cent und einer durchgesetzten Preiserhöhung um 13 Cent werde der Verlust in 2,3 Tagen „zurückverdient“. Das bedeute, dass selbst bei zehn Tagen Lieferstopp das investierte Geld noch in diesem Monat wieder in der Kasse sei.
Der Kreisbauernverband Rheingau-Taunus startet aufgrund der schwierigen Situation der Milchbauern morgen eine Aufkaufaktion von Milchprodukten im Aldi-Markt Bad Schwalbach. Damit wollen die Landwirte aus dem Rheingau-Taunus-Kreis nach Angaben von Kreislandwirt Thomas Kund den Versorgungsengpass bei Milchprodukten beschleunigen und ihre Solidarität mit den milchviehhaltenden Betrieben im Landkreis und auch bundesweit bekunden. Die aufgekaufte Milch soll aber nicht weggeschüttet, sondern den „Tafeln“ zur Versorgung Hilfsbedürftiger gespendet werden.
Butter für Tafeln - Milchpulver für Afrika
Nicht von der Blockadeaktion betroffen ist die Upländer Bauernmolkerei GmbH. Der Grund dürfte sein, dass die Lieferanten der auf Biomilch spezialisierten Molkerei relativ besser dastehen als ihre Kollegen, die konventionelle Tierhaltung betreiben. Die Bauernmolkerei, die den Naturkosthändler Alnatura, Tegut und Bioläden beliefert, zahlt seit dem vergangenen Herbst 50 Cent je Liter. Zwar hatte sie erst im Sommer 2007 den Preis auf 40 Cent angehoben, aber wenige Monate später wegen gestiegener Futtermittel- und Energiekosten draufgesattelt, wie eine Sprecherin sagte. Zum Vergleich: Die Milchbauern fordern 43 Cent für den Liter - Molkereien zahlen dagegen lediglich 27 bis 35 Cent hierzulande.
Wie die Sprecherin weiter sagte, kommt die Bauernmolkerei mit den 50 Cent je Liter gut zurecht, „weil der Handel entsprechend zahlt“. In der Folge müssen Käufer für Biomilch und verwandte Produkte mehr zahlen als für konventionelle. Die Leitung des Upländer Unternehmens habe auch Verständnis für die Blockadeaktionen der Landwirte: „Wir finden das richtig.“ Angesichts dessen belieferte die Molkerei in der vergangenen Woche den Handel schon an zwei Tagen nicht wie sonst, sondern stellte aus 170.000 Litern Milch Butter und Milchpulver her.
„Die Butter verteilen wir gerade an Tafeln für Bedürftige“, sagte die Sprecherin. Das Milchpulver gehe an Ärzte ohne Grenzen und werde zu therapeutischen Produkten für unterernährte Kinder in Nordafrika verarbeitet. Diese Aktion werde das Unternehmen in dieser Woche wiederholen, kündigte die Sprecherin an. Hinter der Bauernmolkerei stehen mehrheitlich Milchbauern, die in einer Erzeugergemeinschaft organisiert sind.