25.05.2008 · Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet setzt erfolgreich auf Bio-Lebensmittel. Trotzdem ist der Macher aus Fulda bescheiden geblieben. Bei der Weltausscheidung in Monaco könnte Gutberlet zum Entrepreneur des Jahres gewählt werden.
Von Jacqueline VogtHinter der gläsernen Tür ein Fußboden aus Stein und linker Hand die Kantine, die hier Bistro heißt. Drinnen einfache Holzstühle, Tagesangebot Schweinerückensteak mit Bio-Röstkartoffeln. Vor dem Bistro ein Stehtisch, gegenüber eine Sitzecke. Rund um den Fuß der Treppe, die in die oberen Stockwerke führt, ein blau eingefasster Wasserlauf, an einer ockerfarben getünchten Wand hängt ein schmuckloses Holzkreuz. In den Büroetagen sind keine Wände. „Kein Arbeitsplatz ist abgeschlossen, alle sind gleich, sie könnten nicht unterscheiden, welcher dem Azubi ist und welcher dem Chef“, sagt Wolfgang Gutberlet.
Entrepreneur des Jahres: Von Fulda nach Monaco
Dass der Vorstandvorsitzende des Lebensmittel-Handelsunternehmens Tegut als Einziger seinen Computer auf einem Stehpult hat, schmälert die Botschaft nicht. Heute sitzt Gutberlet in einem Besprechungsraum mit einem runden, rot gebeizten Tisch. In das Fenster ist ein Glasbild eingelassen, dahinter liegen die Hügel der grünen Rhön mit den gelben Rapsflecken. Wer mag, bekommt ein Wasser in schlichten Gläsern mit Werbeaufdruck. Gutberlet trinkt Kaffee aus einer Tasse ohne Unterteller, für Prätention wird hier keine Energie vertan.
Nutze deine Zeit: Wie ein ungeschriebenes Motto steht das über dem Lebenswerk des Vierundsechzigjährigen, der im vergangenen Oktober zu einem der Entrepreneure des Jahres gewählt und in der Alten Oper in Frankfurt dafür gefeiert wurde. Ende dieses Monats fährt er nach Monaco, um dort Deutschland bei der Weltausscheidung für 2008 dieses renommierten Preises für Mittelständler zu vertreten. Die Auszeichnung freue ihn, sagt Gutberlet, allzu wichtig nimmt er sie wohl trotzdem nicht, eher schon als Bestätigung für das, was er ohnehin wusste: Er ist auf dem richtigen Weg, seit vielen Jahren, aus tiefer Überzeugung.
Der Erfolg der Bio-Bewegung in Deutschland und der Absatz, den Bio-Lebensmittel heute im Handel haben, wären nicht denkbar, wenn es Tegut nicht gäbe. Lange bevor Landwirten von der Wetterau bis Andalusien mit der Einführung des EU-Biosiegels und mit Förderprämien für den Umstieg neue Geschäftsfelder eröffnet wurden, hat Gutberlet nichtkonventionell erzeugte Waren zu den herkömmlichen in die Regale genommen. Vor 25 Jahren war das, als Öko-Läden gerne als Sammelstelle für lustfeindliche Körneresser angesehen wurden und gleichzeitig viele Öko-Produzenten davon träumten, ihre Produkte auch über den Lebensmitteleinzelhandel zu vertreiben, damit der Kreislauf von Angebot und Nachfrage richtig ins Fließen komme. Tegut hat an dem Rad kräftig mitgedreht. Die Geschichte „Bio im Supermarkt“ hat bei dem Fuldaer Unternehmen begonnen.
Kein „ideologisches Sortiment“
Gut fünf Milliarden Euro haben Verbraucher in Deutschland im vergangenen Jahr für Bio-Lebensmittel ausgegeben, nur rund ein Drittel davon im Naturkostfachhandel. Zum Vergleich: 2001 betrug der Gesamtumsatz in diesem Segment vier Milliarden Mark, der Großteil war in Bio-Läden ausgegeben worden. Der Anteil von Nudeln und Fleisch, Früchten und Gemüsen aus kontrolliert ökologischer Erzeugung am Angebot der Handelsketten war gering, der Umsatz mit ihnen war es auch. 80 Bio-Produkte hatte Tengelmann im Jahr 2001 gelistet, Edeka 130, Rewe 200. Bei Tegut waren es 1000, heute sind es 3000.
Komplett umzusatteln, habe er aber nie erwogen, sagt Gutberlet. „Ich will kein ideologisches Sortiment machen und keines, das die ausgrenzt, die sparen müssen“. Imagebildend sind die Bio-Waren, gespreizt ist das Angebot bin hin zu Discount-Ware. „Das entspricht auch dem, wie Menschen heute leben“, sagt Gutberlet, und sei nicht Gutes zu essen wichtiger, als Markenbewusstsein beim Einkauf von Toilettenpapier zu zeigen?
Vom Bewusstsein für das Richtige spricht der fünffache Vater und mehrfache Großvater oft und gerne. Mit seiner Frau lebt er auf einem Bauernhof, bis vor kurzem hielten die beiden dort Rinder, heute ist es nur noch Kleinvieh, sind es Hühner und Gänse. „Ein leuchtendes Beispiel für die Agrarwende“ nannte einst der hessische Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir das Unternehmen, das heute 6000 Mitarbeiter und mehr als 300 Filialen in einem Radius von 150 Kilometern rund um Fulda hat, etliche im Rhein-Main-Gebiet, eine am Frankfurter Flughafen. Tegut ist als Stiftung verfasst, zu der Gruppe gehören neben den Lebensmittelmärkten auch die Produktion von Fleisch- und Wurstwaren (Kurhessische Fleischwaren), die Herstellung von Brot- und Backwaren (Herzberger Bäckerei). Gutberlet hat einst mit seinem Freund Götz Rehn Alnatura erdacht, das war zuerst eine Handels- und Vertriebsmarke, seit den späten Achtzigern gibt es die Bio-Supermarktkette gleichen Namens.
Entschlossenes Handeln und ein Herz für die Mitarbeiter
Gutberlet, der schlichte Anzüge von exquisitem Schnitt und gerne eine Fliege trägt, ist Stifter eines Forschungsinstituts für analytische und ganzheitliche Qualität, Mitglied in verschiedenen Aufsichtsräten, Vorstand unter anderem im Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Er ruft öffentlich dazu auf, die Rhön gentechnikfrei zu halten, und hat mit seiner Gruppe 2007 einen Gesamtumsatz von knapp 1,1 Milliarden Euro gemacht. In der Geschäftsleitung seines Unternehmens sind 21 Leute. Wenn sie zusammenkommen, liest immer einer zuerst einen Text vor, „und das ist nicht der Geschäftsbericht der Konkurrenz“, dann wird darüber gesprochen.
Innehalten, nachdenken über das Wesentliche – wer das nicht könne, verschwende seine Chancen, seine Kraft, sein Leben. Das sagt der anthroposophisch denkende Händler, der das nach dem Krieg als Krämerlädchen gegründete Unternehmen von seinem Vater übernommen und vergrößert hat, stetig und ohne falsche Sentimentalität, wenn er falsch entschieden hatte. Als einst vor allem in Thüringen der Umsatz einbrach, ließ er 100 Geschäfte schließen, gliederte kleine Läden aus. Heute ist die Krise überwunden.
Als Jugendlicher hatte Gutberlet mit einem Studium der Psychologie oder der Musik geliebäugelt, nach dem Abitur Praktika in verschiedenen Handelsunternehmen im In- und Ausland gemacht und sich dann doch für die Betriebswirtschaftslehre entschieden „mit dem Ziel, den Laden zu übernehmen“. Aus einem bargeldgeführten Unternehmen hat er dann sehr schnell ein IT-gestütztes gemacht. 1973, da gab es 53 Tegut-Geschäfte und 1000 Mitarbeiter, ließ der Vater ihm die Zügel ganz zu Händen.
Der Sohn sagt, er lasse seinen Mitarbeitern Freiheit, wo es gehe, lange galt bei Tegut zudem der Grundsatz, dass kein Manager mehr als das Siebenfache einer einfachen Verkäuferin verdiene. Heute stimme das im Prinzip noch immer, bloß liege der Faktor inzwischen ein wenig höher, hat er unlängst in einem Interview mit der „Lebensmittelzeitung“ gesagt und auch, dass viele Unternehmen heute ihren Mitarbeitern zum Einkommen eine Art Schadensersatz zahlten. Das nötig zu haben, soll man ihm nicht nachsagen.
Jacqueline Vogt Jahrgang 1962, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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