26.06.2009 · Die hessische Regierung will Integrierten Gesamtschulen die Dreizügigkeit vorschreiben, das heißt, die Schulen müssten drei Parallelklassen pro Jahrgang anbieten. Gewerkschaft und Verbände lehnen das ab.
Von Jacqueline Vogt, WiesbadenKnapp fünf Monate nach der Regierungsbildung von CDU und FDP in Hessen haben sich Fachleute in einer öffentlichen Anhörung im Landtag mit schul- und bildungspolitischen Vorhaben befasst. Auf dem Tisch liegen gemeinsame Entwürfe der Koalitionsfraktionen zu Änderungen des Schulgesetzes und des Lehrerbildungsgesetzes. Festgelegt werden soll unter anderem, dass Integrierte Gesamtschulen in Zukunft mindestens dreizügig sein müssen, um genehmigt zu werden. An diesem Vorhaben entzündet sich offenbar ein heftiger Streit. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Elternbund Hessen, der Ganztagsschulverband und der Gesamtschulverband lehnen das ab, ebenso die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU).
Die bildungs- und schulpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen von CDU und FDP, Hans-Jürgen Irmer und Mario Döweling, verteidigten die Pläne, die Hürden für die Gründung von Integrierten Gesamtschulen zu erhöhen. Die Änderung würde „dem Anspruch an Schwerpunktbildung und stärkere pädagogische Differenzierung besser gerecht“, äußerten sie gemeinsam. „Sachlich falsch“ nannte das hingegen die Vorsitzende der gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule in Hessen, Gabi Zimmerer: „Individualisiertes und differenziertes Lernen auf der Basis der Kompetenzorientierung“ sei nicht an Zügigkeit gebunden. Nicht einzusehen sei auch, warum Hauptschulen, Realschulen und verbundene Haupt- und Realschulen weiterhin zweizügig bleiben dürften.
Leiser Protest gegen Neuerung des Lehrerbildungsgesetzes
Ähnlich argumentierte der für Bildungspolitik zuständige Geschäftsführer der VhU, Jörg Feuchthofen, der zudem einen Bogen zum Projekt der selbständigen Schule schlug. Der Gesetzentwurf schränke den Gestaltungsspielraum der Schulen ein, was den Grundprinzipien der angekündigten Eigenverantwortung widerspreche. Land und Schulträger müssten gemeinsam mit den Schulen lediglich sicherstellen, dass in der Region „ein ausgewogenes Angebot“ existiere, das bei den Abschlüssen den Wünschen von Schülern und Eltern entspreche. Die Zügigkeit für Integrierte Gesamtschulen von zwei auf drei Klassen zu erhöhen, schränke „ohne Rücksicht auf die regionale Nachfrage den Entscheidungsspielraum für Erhalt und Neuerrichtung von Schulangeboten unvertretbar ein“, sagte Feuchthofen. Er nannte es unlogisch, gegen eine einzelne Schulform eine Barriere zu errichten.
Gesetzlich festzulegen, dass sinnvolle curriculare, pädagogische und organisatorische Arbeit von der Anzahl der Parallelklassen abhänge, führe „das neue Paradigma der eigenständigen Schule ad absurdum“, kommentierte Sven Bade, Vorsitzender des Elternbunds Hessen, das Vorhaben. Die schulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Heike Habermann bezeichnete es in einer Mitteilung als ausschließlich ideologisch motivierten, völlig falschen Schritt. Zu der geplanten Schulgesetznovelle gehört auch die künftige Vorverlegung der Schulanmeldung auf die Monate März und April vor dem ebenfalls geplanten Schulvorbereitungsjahr in Kindergärten, das jeweils im August beginnen soll. Außerdem sollen Vorlaufkurse vom Schuljahr 2010/2011 an zwölf Monate dauern.
Vergleichsweise leiser Protest hingegen wird gegen die Neuerung des Lehrerbildungsgesetzes vorgebracht, zu deren Kern die Neuregelung der Qualifizierung sogenannter Quereinsteiger gehört. Der Tenor zu diesem Teilaspekt ist verhalten positiv – bei gleichzeitiger Klage über grundlegende politische Fehler. So wies etwa der GEW-Landesvorsitzende Jochen Nagel darauf hin, dass trotz Lehrermangels eine hohe Zahl von Bewerbern um Referendariatsstellen abgelehnt werde; er forderte, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen. Lehramtsstudenten nahmen gestern an einer von der GEW organisierten Kundgebung teil, die zur Zeit der Landtagsanhörung in Wiesbaden stattfand.
\Einfach Gewurstel
Michael Miller (Bildungswirt)
- 30.06.2009, 16:35 Uhr
Jacqueline Vogt Jahrgang 1962, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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