19.03.2009 · Studenten der Archivschule Marburg haben vier Tage bei den Bergungsarbeiten des Kölner Stadtarchivs geholfen. Unter den geborgenen Schriftstücken fanden sich unter anderem mittelalterliche Urkunden und Fotos von Mitgliedern der Gruppe 47.
Von Janine Richter, Marburg„Es war ein wichtiger Beitrag zur Rettung eines einzigartigen kulturellen Erbes“, dankte Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) auf einer Pressekonferenz den Helfern der Archivschule Marburg für ihren Einsatz bei der Bergung wichtiger Dokumente des eingestürzten Kölner Stadtarchivs.
Vier Tage lang hatten sich 48 Studenten, sechs Dozenten und Mitarbeiter der Archivschule in Köln an der Sicherstellung, Sichtung und Klassifizierung von Schriftstücken, aber auch persönlicher Gegenstände der Anwohner beteiligt. „Wir haben viel vernichtetes Archivgut gesehen, aber konnten auch viel retten“, sagte der Leiter der Archivschule, Frank Bischoff. In Marburg werden die Archivare von Bund, Ländern, Kirchen und Kommunen ausgebildet.
Nasse Schriftstücke werden gefriergetrocknet
Anhand von Fotos erklärten Dozent Karsten Uhde und drei Studenten, wie deren Arbeit in einer Lagerhalle im Süden Kölns aussah. Zuerst habe ein Bagger die Archivalien an der Unglücksstelle geborgen, und Feuerwehrmänner und ein Archivar der Stadt Köln hätten sichtbare Archivbestände gesichert. Danach seien die Fundstücke in Containern von der Feuerwehr zu der Halle gebracht worden, wo die Studenten die Archivalien gereinigt und in Schadensklassen eingeteilt hätten. Je nach Kategorie seien diese entsprechend verpackt, die Signaturen, also die Standortsbezeichnung der Dokumente im Kölner Stadtarchiv erfasst und die Zugehörigkeit zu Beständen festgehalten worden.
Besondere Eile sei bei nassen Schriftstücken geboten gewesen, um Schäden durch Schimmel zu vermeiden. Diese Dokumente seien mit Folie umwickelt und anschließend zur Gefriertrocknung abgeholt worden. Trockenes oder leicht klammes Material hätten sie zum Trocknen auseinandergefächert. „In seltenen Fällen enthielten die Container nahezu unbeschädigte Archivkartons, zum Beispiel mit Teilen des Nachlasses von Konrad Adenauer“, berichtet Uhde. In anderen Fällen dagegen hätte man sich nur großen, unübersichtlichen Papierhaufen gegenübergesehen – und einzelnen Fetzen.
Die habe man so gut es ging zusammengefügt und den Restauratoren übergeben. Akribisch hätten Studenten und Bauarbeiter dann den von den Lastwagen gelieferten Schutt durchsucht, um Unterlagen des Archivs von den persönlichen Papieren und dem Hausrat der Anwohner zu trennen. Dabei habe man von Teekannen bis hin zu Golfbällen alles mögliche gefunden, sagten die Beteiligten. „Wenn wir Fotoalben der Anwohner fast unbeschadet sichern konnten, waren wir glücklich, diesen ein Stück Vergangenheit wiedergeben zu können“, sagte Student Mario Schäfer.
Restauration wird Jahrzehnte dauern
Unter den geborgenen Schriftstücken fanden sich unter anderem mittelalterliche Urkunden und liturgische Handschriften, alte Ratsprotokolle, Siegel und Orden, wie ein Bundesverdienstkreuz und Akten des Reichskammergerichts. Doch sie haben auch Unterlagen aus Nachlässen retten können, wie zum Beispiel des französischen Komponisten Jacques Offenbach und bekannter Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – beispielsweise Teile der Korrespondenzen von Dieter Wellershoff, Manuskripte von Hans-Werner Richter oder Fotos von Mitgliedern der Gruppe 47.
Der Aufwand zur Bergung der Archivalien sei zwar groß gewesen, doch sei es ein „Herzensanliegen“ der Studenten, noch einmal in Köln zu helfen, sagt Susanne Reick. Deswegen wollen sich sie und einige ihrer Kommilitonen auch an diesem Wochenende wieder auf den Weg nach Köln machen. Schließlich sind aktuell nur zehn bis 20 Prozent des Bestands des Stadtarchivs geborgen. Nach Angaben Kühne-Hörmanns wird es noch sechs bis sieben Monate dauern, die Archivbestände zu sichern. Viel mehr Zeit wird gebraucht, um die Dokumente wieder zu restaurieren: Bis zu 30 Jahre werden über dieser Aufgabe vergehen.