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Bad Orb : Salzwasser als Schatz einer Stadt

Würzige Luft: Am Gradierwerk verteilen sich feine Tröpfchen von Sole in der Atemluft. Bild: Rainer Wohlfahrt

Bad Orb lebt von den Solequellen. Erst dienten sie der Salzgewinnung, dann verhalfen sie der Kur zur Blüte. Doch die Zeiten ändern sich.

          Tropfen für Tropfen rinnt das mineralhaltige Salzwasser über das Reisiggeflecht. Das Nass verdunstet, ein feiner Nebel verteilt sich in der Luft, es riecht fast wie am Meer. In Bad Orb gehen Kurgäste entlang des Geflechts auf und ab, sie atmen tief ein, weil sie sich von der salzhaltigen Luft eine Linderung ihrer Lungenleiden erhoffen.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Gradierwerk in der Kurstadt im Spessart ist 200 Jahre alt und mit 155 Meter Länge, 18 Meter Höhe und zwölf Meter Breite das größte erhaltene in Hessen. Es bildet das Herzstück des acht Hektar großen Kurparks, der südlich an die Altstadt anschließt. Durch die langgestreckte Anlage fließt ein Bach, Bäume werfen Schatten auf die Wege, es lässt sich auch an heißen Tagen angenehm durch den weitläufigen Garten mit gepflegtem Rasen, einem Weiher und Kräutergarten schlendern. Wer hierher kommt, findet Ruhe. Rund um den Park verlaufen nur schmale Straßen mit wenig Verkehr.

          Von der Salzförderung zum Kurbetrieb

          Das Salz hat Bad Orb zu dem gemacht, was es ist. Ohne die mineralischen Quellen wäre der Ort nicht zum Kurort geworden. Die Sole wird wie vor 100 Jahren für therapeutische Anwendungen genutzt, die Stadt zieht damit Erholungsuchende an. Doch das Gradierwerk hatte ursprünglich einen anderen Zweck, denn es diente dazu, aus der natürlichen Sole Salz zu gewinnen. Schon im 11. Jahrhundert waren die Salzquellen bekannt, wie eine Urkunde belegt. Auf natürliche Weise steigt das Salzwasser durch Spalten und Klüfte an die Oberfläche. Wie in anderen Salinenortschaften wird es auch in Bad Orb durch Bohrungen gefördert. Zwei Quellen wurden im 18. Jahrhundert erschlossen, eine dritte 1874.

          Auf einem zwölf Hektar großen Areal wurde im 19. Jahrhundert eine Saline betrieben: Das Salzwasser wurde über Reisiggeflechte geleitet, um es mit Hilfe der Verdunstung zu konzentrieren, bevor es in Pfannen über offenem Feuer eingekocht wurde. Dabei lief die Sole über mehrere Gradierwerke hintereinander. Die Reisiggeflechte waren überdacht, damit kein Regenwasser die Flüssigkeit verdünnen konnte. Schon während des Salinenbetriebs war die gesundheitsfördernde Wirkung der Sole bekannt. Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert entschloss sich die Spessartstadt, ganz auf deren Heilkraft zu setzen. Eines der Gradierwerke blieb zum Inhalieren erhalten, sonst wurde die Saline abgerissen und an ihrer Stelle der Kurpark angelegt, eröffnet im Jahr 1900. Die Frankfurter Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbauten errichtete dazu ein Badehaus und ein Kurhaus-Hotel, ein Haus ersten Ranges mit modernster Ausstattung.

          Die alte Kurstadt pflegt ihr Erbe

          Im 20. Jahrhundert wurden die Kuranlagen immer wieder erweitert und dem Zeitgeschmack angepasst. Die zuerst nach den Seiten offene Wandelhalle neben dem Gradierwerk wurde geschlossen und zur Lesehalle umgebaut. 1958 baute die Stadt neben dem Kurhaus die Konzerthalle, ein rundherum verglaster Bau, dessen Saal 880 Gästen Platz bietet. Zur gleichen Zeit legte sie südlich des Kurparks, der ein Ort der Ruhe bleiben sollte, eine Grünanlage mit Freibad sowie mit Plätzen für Tennis, Boule und Minigolf an. 1980 ersetzte ein Neubau das Kurhaus-Hotel, die 2010 eröffnete „Toskana-Therme“ entstand an der Stelle eines vier Jahrzehnte vorher gebauten Thermalbads.

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