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Ausstellung zu Napoleons Bruder : Das Reich mit „König Lustik“

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Wie ein Ei dem anderen? Büsten von Jérôme Bonaparte in Kassel Bild: dpa

Zwischen 1807 und 1813 regierte in Kassel Napoleons Bruder Jérôme Bonaparte über das Königreich Westphalen. Er soll nur drei Worte Deutsch gesprochen haben: „Morgen wieder lustig.“ Eine Ausstellung zeigt, wie modern er war.

          Jérôme Bonaparte ist nach Kassel zurückgekehrt. Die Wilhelmshöhe samt Schloss heißt wieder Napoléonshöhe, und am Königsplatz, dem Napoléonsplatz, steht eine Statue des Herrschers des Königreiches Westphalen. Von der Residenzstadt Kassel aus herrschte der kleine Bruder Napoleons zwischen 1807 und 1813 über die Westphälinge, die zur Zeit der größten Ausdehnung des Königreiches zwischen Schmalkalden im Thüringer Wald und der Nordseeküste lebten. In Kassel wurde Jérôme nach dem Ende seiner Regentschaft als „König Lustik“ verspottet. Er soll nur drei Worte Deutsch gesprochen haben: „Morgen wieder lustig.“

          Aber die Landesausstellung, die von nun an bis zum 29. Juni im Museum Fridericianum unter dem Titel „König Lustik!?“ zu sehen sein wird, zeigt den König in einem anderen Licht. Freilich war Jérôme kein lupenreiner Demokrat im heutigen Sinne, und sein Bruder hatte vor allem mit militärischer Macht einen ganzen Kontinent unterworfen, wie Ministerpräsident Roland Koch (CDU) als Schirmherr der Ausstellung zu deren Eröffnung erinnerte. Aber dennoch, sagte Koch, sei das Königreich Westphalen einer der ersten Vorläufer des modernen Verfassungsstaates gewesen. Denn das Königreich mit der Hauptstadt Kassel sei der erste Staat auf deutschem Boden mit einer geschriebenen Verfassung gewesen.

          Rationalität des neuen Staates

          Mit Jérôme kam der Code Civil nach Kassel. Gewerbe- und Religionsfreiheit wurden gewährt. Kassel blühte wirtschaftlich auf. Es wurde eine Stadt der Mode und der Cafés. Der Stil Empire kam aus Paris nach Kassel und verbreitete sich von dort aus in ganz Norddeutschland. „Mit seiner Formenstrenge verkörperte er die Rationalität des neuen Staates und befriedigte zugleich das Bedürfnis nach repräsentativem Prunk“, urteilen die Kuratoren der Ausstellung, Thorsten Smidt und Arnulf Siebeneicker. Der Stil Empire sei zum „Corporate Design“ des neuen Staates geworden.

          Mit Jérôme endete nicht nur die Diskriminierung der Juden, sondern auch die der Katholiken. Letztere erhielten eine für sie in Hessen-Cassel ungekannte Freiheit. Die Unabhängigkeit der Rechtsprechung wurde begründet. Vor allem aber wurde das Museum Fridericianum durch den Anbau einer Rotunde zum ersten Parlamentsgebäude Deutschlands. Die Tatsache freilich, dass das Parlament nur zweimal tagte und es der König nicht mehr einberief, nachdem die Abgeordneten die Zustimmung zu Steuererhöhungen zweimal verweigert hatten, darf ebenso wenig unerwähnt bleiben wie das Faktum, dass die „Hohe Polizei“ die Bürger ausschnüffelte, um die Herrschaft zu stabilisieren. Dennoch steht für Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in Hessen die „Wiege der deutschen Demokratie“. In direkter Linie abgeleitet aus der französischen Verfassung, führe der Weg zur ausgesprochen liberalen kurhessischen Verfassung von 1831 bis hin zur Paulskirchenverfassung.

          Konfrontiert mit diesen Fakten und ihrer Einordnung in den nationalen und internationalen Zusammenhang, kommen die Besucher der Ausstellung beinahe schon schamhaft ins Staunen, denn das Wissen lag verschüttet unter dem Hohn, mit dem die Hessen den Franzosen überzogen hatten. Allerdings fällt der Hohn auf die Hessen selbst zurück, denn die Ausstellung hält ihnen den Spiegel vor. Der zum Kurfürst erhobene Wilhelm, der wie die vorhergehenden Landgrafen von Hessen-Cassel zwar zu den reichsten Männern Europas gezählt haben soll, fuhr nur zweispännig. Er war insofern ein echter Kasseläner, denn die Bescheidenheit wird im lange Zeit calvinistischen Hessen-Cassel bis zur Schrulligkeit gepflegt und herausgestellt. Jérôme dagegen repräsentierte, schließlich musste der 23 Jahre alte Herrscher von seines Bruders Gnaden zeigen, dass er ein König war. Für die Kasseler gänzlich ungewohnt muss es aber gewesen sein, dass sich das Staatsoberhaupt mit hohen Würdenträgern der katholischen Kirche öffentlich zeigte. Die Lebenslust und Leichtigkeit der katholischen Welt war und ist den Kasselern völlig fremd.

          Die Ausstellung im Museum Fridericianum beginnt mit der Französischen Revolution und führt zum Frieden von Tilsit, mit dem die Existenz des Königreiches Westphalen, eines Kunstgebildes, begann. Mit dem eigentlichen Westfalen hatte das Königreich nichts gemein, außer der Tatsache, dass Teile Westfalens darin einverleibt worden waren. Der Name war Ausdruck des Modellstaates, in dem so vieles anders sein sollte. Modernität und Rationalität, zum Beispiel einheitliche Münzen und Maße auf Basis des Dezimalsystems in einem bis dahin ungewöhnlich großen Territorium, sollten von oben her durchgesetzt werden.

          Neu war den „Westphälingern“ auch die vom Staatsoberhaupt versprochene Aussicht auf Glück, die typisch war für freiheitsliebende Revolutionäre dieser Epoche. Jérôme unterstand laut Verfassung dem kaiserlichen Familienstatut und damit Napoleon selbst. Die ständischen Privilegien wurden abgeschafft, aber Minister, Staatsrat und Parlament eingeführt. Der Staatsrat sollte den König beraten und ihn von den Ministern unabhängig machen. Dem Parlament gehörten hundert Abgeordnete an. Sie wurden von Wahlkollegien gewählt. Um diese Kollegien zusammenzuführen, erstellten die Präfekten für ihr Departement drei getrennte Listen von Grundeigentümern, von Kaufleuten und Fabrikanten sowie von Gelehrten, Künstlern und Männern, die sich um den Staat verdient gemacht hatten.

          Aus diesen Listen wählend, ernannte der König die Wahlkollegien, die schließlich ohne Einfluss des Königs die Abgeordneten wählten. Voraussetzung für das passive Wahlrecht war Grundbesitz. Somit hatte nicht jeder Mann und schon gar nicht eine jede Frau das Wahlrecht. Aber das Wahlrecht war an Besitz und Bildung gebunden. Beides konnte man erwerben. Das Wahlrecht war kein Recht, das von der Geburt her gegeben war.

          Allgemeine Wehrpflicht

          Jérôme brachte Gleichheit, die auch als Geißel empfunden wurde. Die allgemeine Wehrpflicht war neu. Sie führte Tausende junge Männer in den Tod, denn Napoleon warf die Westphälinger in verheerende Schlachten. In Spanien kamen 5500 Soldaten der 7000 Mann zählenden westphälischen Truppe zu Tode, und aus Russland kehrten weniger als 1000 von einst 21.000 Soldaten zurück. Napoleon verlangte den Westphälingern nicht nur einen hohen Blutzoll ab, sondern auch Geld und Bodenschätze, nachdem er sich schon zu Beginn seiner Herrschaft in den hessischen Kunstsammlungen bedient hatte. Der Generaldirektor des Musée Napoléon, des vormaligen Louvre, Dominique-Vivant Denon, requirierte auch in Kassel Spitzenwerke für sein Haus. Man soll ihn auch „Prenons“ (wir nehmen) genannt haben. Bis zu 600 Werke aus den Kasseler Sammlungen sollen in dieser Zeit nach Paris und St. Petersburg gelangt sein. Für die Ausstellung kehren einige Werke zum ersten Mal nach 200 Jahren nach Kassel zurück.

          600 Exponate sind im Fridericianum zu sehen. Sie stammen zu einem Drittel aus den Beständen der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Die übrigen kommen von 180 Leihgebern aus zwölf Nationen. Die Exponate fordern zur Auseinandersetzung heraus. Den Etat der Ausstellung beziffert der Direktor der MHK, Michael Eissenhauer, auf „mindestens 2,2 Millionen Euro“.

          Quelle: F.A.Z., 20.03.2008, Nr. 68 / Seite 72

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