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Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arzt operiert im Mutterleib Durch Bauchdecke und Fruchtblase in die Speiseröhre

23.07.2010 ·  Thomas Kohl operiert Embryonen im Mutterleib. Seine jüngsten "Patienten" sind erst in der 13. Woche. Im August wechselt er aus Bonn an das Universitäts-Klinikum in Gießen.

Von Thorsten Winter, Gießen
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Seine Kollegen trauern ihm schon nach, obwohl Thomas Kohl gerade erst gegangen ist. Denn was der Hüne mit der Millimeterfrisur und der Zehnkämpferstatur kann, vermag bisher kein anderer in Deutschland und auch nicht in Europa: Kohl operiert Kinder mit Herzfehlern, offenem Rücken und anderen schweren Erkrankungen – und zwar im Mutterleib.

Die jüngsten Embryonen sind erst in der 13. Woche, die ältesten „Patienten“ stehen kurz vor der Geburt, wenn Kohl ihnen mit einem millimeterdünnen Endoskop durch Bauchdecke und Fruchtblase der Mutter hindurch einen Ultraschallkatheter in der Speiseröhre platziert. Oder wenn er eine Art Pflaster auf die offene Stelle über dem Rückenmark legt und mit der Haut vernäht. Kohl ist immer darauf bedacht, mit der gebogenen Nadel nicht in die dicht danebenliegende Placenta zu stechen – andernfalls würde die endoskopische Kamera von Blut umspült und ihm die Sicht genommen. Bisher hat der Vater zweier Kinder an der Universität Bonn operiert, zum 1. August wechselt er an das Universitätsklinikum in Gießen.

Der Spezialist will sich einfügen

Die mittelhessische Tochter der börsennotierten Rhön-Klinikum AG hat ihm ein „sehr interessantes Stellenangebot unterbreitet“, wie er sagt. Das bisher einzige privatisierte Uni-Klinikum in Deutschland will ihm vorgeburtliche Operationen in großem Stil ermöglichen, mit einem besseren Umfeld und einem größeren Team als in Bonn, wo er seit Anfang 2004 an der Frauenklinik das Deutsche Zentrum für Fetalchirurgie und minimal-invasive Therapie leitet. „Für uns ist es sehr schade, dass er geht, ein sehr großer Verlust“, sagt Ulrich Gembruch, der an der Spitze der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin in Bonn steht und zehn Jahre mit Kohl zusammengearbeitet hat. Der Pionier der Fetalchirurgie hierzulande hat nach den Worten seines bisherigen Chefs in der Verwaltung nicht die Unterstützung genossen, die ihm an der Lahn zugesagt worden sei.

Für das mittelhessische Klinikum ist die Fetalchirurgie einschließlich der begleitenden Betreuung eine Möglichkeit, sich als Stätte der Hochleistungsmedizin zu profilieren – gerade in der Kindermedizin. Genießen doch die Kinderkardiologie und Kinderherzchirurgie ebenso einen sehr guten Ruf wie die Kinderkrebsabteilung, für die jeden Sommer mit der „Tour der Hoffnung“ seit 1983 bundesweit Spendengelder eingeworben werden; bisher mehr als 24 Millionen Euro. So sagt Kohl, der die Grundlagen seines medizinischen Könnens Mitte der neunziger Jahre an der University of California in San Francisco erlernt hat, auch bescheiden: „Ich will mich einfügen.“ Sein Zentrum, das in eine Abteilung für Pränatalmedizin und -chirurgie münden soll, „passt sich in die Gießener Uni-Klinik wie ein Zahnrädchen ein“, fügt er hinzu.

Bei fünf Prozent der Schwangeren gibt es Vorfälle

Etwa 320 Kinder hat der Medizinprofessor bisher im Mutterleib operiert. Seine Patienten kommen nicht mehr nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen europäischen Ländern – denn er bietet „das größte Spektrum endoskopischer Operationen an Ungeborenen“ an, und er kann Erfolge vorweisen. „Die Eingriffe sind inzwischen sicher für fast alle Schwangeren“, sagt Kohl über die von ihm entwickelten Methoden. Das größte Risiko bestehe darin, eine Frühgeburt vor der 30. Schwangerschaftswoche auszulösen. Diese Gefahr sei durch neue Techniken zum Verschluss der Gebärmutter nach dem Eingriff aber deutlich geringer worden. Nur noch eines von 14 Kindern, die am offenen Rücken (Spina bifida) operiert wurden, sind zuletzt als „frühes Frühchen“ zur Welt gekommen, wie Kohl sagt.

Bei etwa fünf Prozent der Schwangeren treten nach seinen Worten während der Operationen „relevante“ Vorfälle wie Narkoseprobleme, Blutungen oder Infektionen auf. Die Hälfte dieser Frauen verliert ihr Kind dadurch auch. Bei den Müttern treten keine bleibenden Schäden auf.

Mehr als 80 Prozent der operierten Kinder überleben

Die Schwangeren fahren meistens eine Woche nach dem Eingriff wieder nach Hause und kommen erst zur Entbindung wieder, wie Kohl erläutert.

Bislang hat Kohl 32 Feten mit offenem Rücken operiert, mehr as 80 Prozent überlebten den Eingriff – beinahe so viele wie ohne vorgeburtliche Behandlung. Die von ihm operierten Kinder könnten als Folge des Eingriffs ihre Beine allerdings gut nutzen, was ein großer Gewinn sei. Die Quote der Schwangerschaftsabbrüche bei Spina bifida beträgt nach Angaben von Gembruch und Kohl bei nicht operierten Feten zwischen 60 und 80 Prozent. Bei etwa einem von 1000 Kindern wird in Deutschland ein offener Rücken diagnostiziert.

„Ich bin sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben“

Monika Schmidt (Name geändert) trägt ihr Kind noch im Bauch. Anfang Juni hat Kohl es operiert, in der 25. Schwangerschaftswoche. Bei dem Ungeborenen war das Rückenmark über dem ersten Lendenwirbel unbedeckt. „Wenn in dieser Höhe das Rückenmark freiliegt, sind nach der Geburt meistens keine guten Beinbewegungen mehr möglich“, erläutert der Mediziner. Ein offener Rücken kann auch eine Querschnittslähmung nach sich ziehen und zu einer mangelnden Kontrolle über Darm und Harnblase führen. Wie es für Monika Schmidt und ihr Kind ausgehen wird, ist offen. „Es kann einem doch niemand sagen, was auf einen zukommen wird“, meint sie.

Dessen ungeachtet lobt sie die „sehr gute“ Betreuung durch Kohl und sein Team, ähnliches Lob habe sie auch schon von anderen Frauen gehört. Sie hebt hervor, durch die Operation, vor der Kohl kein Risiko verschwiegen habe, ruhiger und optimistischer geworden zu sein. „Ich bin sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.“ Dabei haben sie und ihr Mann vor dem Entschluss für den Eingriff nicht nur Zuspruch in diesem Sinne erfahren. Vielmehr haben ihr Neurochirurgen ausdrücklich von der Operation abgeraten, wie sie berichtet. Und zuvor habe zwar konkret niemand zu einem Schwangerschaftsabbruch geraten – „aber bei jeder Untersuchung und Beratung klang es an“. Abzutreiben kam für sie jedoch nicht in Frage: „Mir war klar, dass ich das Kind behalte.“

Trockenübungen, um Kraft zu sammeln

Vorbehalte gegen die Operationen werden Kohl beispielsweise von Neurochirurgen entgegengebracht – und das war auch schon vor dem allerersten Eingriff im Juli 2002 so. „Er ist von allen Seiten kritisch beäugt worden“, sagt sein bisheriger Chef. Kinderärzte hätten besorgt gefragt, ob vorgeburtliche Operationen tatsächlich sein müssten, sagt Gembruch. Zweifel seien auch von Kinderchirurgen gestreut worden – mitunter auch neidvoll, „weil sie es selber nicht können“.

Dabei habe Kohl nach der Rückkehr aus den Vereinigten Staaten penibel an seiner Methode gearbeitet, zahlreiche Tierversuche eingeschlossen. „Ich weiß noch, wie er Trockenübungen gemacht hat“ – also mit den Geräten für die einige Stunden dauernden Eingriffe geübt, um die notwendige Kondition und Kraft zu sammeln. Es sei sehr schwierig, stundenlang freihändig zu operieren. Zumal das Operationsgebiet laut Kohl nicht größer ist als der „kleine Teil eines Frühstückseis, das nach alter Väter Sitte geköpft wird – „das ist etwa hundert Mal kleiner als in der Gynäkologie“.

Anderthalb Tage rasende Kopfschmerzen

Wie schafft es der Operateur, eine ruhige Hand zu bewahren? Kohl, dessen muskulösen Unterarme auffallen, macht Fitnesstraining und beherrscht eine besondere Atemtechnik. Trotz aller Kniffe schlaucht ihn eine mehrstündige Operation sehr: „Irgendwann fängt es da oben an zu kochen“, sagt er und deutet auf den Schultergürtel, der bei freihändigen Eingriffen stark beansprucht wird.

Die Anspannung wirkt auch lange nach der Operation nach. Vor allem nach Eingriffen am offenen Rücken habe er anderthalb Tage lang rasende Kopfschmerzen. „Da fliegt einem die Rübe weg“, sagt Kohl. Was er dagegen unternimmt? „Anfangs habe ich Schmerztabletten genommen, bis ich gemerkt habe, dass ich einen Blister Aspirin brauchte, um nach einem Tag das Kopfweh los zu sein.“ Das wiederum sei aber nicht so gesund, deshalb nehme er keine Medikamente mehr.

Möglicher Einsatz von Robotern

Allerdings wird er künftig wohl noch häufiger Kopfschmerzen erleiden müssen, wenn seine Pläne und diejenigen seines neuen Arbeitgebers aufgehen. Denn die Zahl der minimal-invasiven Eingriffe an Feten soll steigen. Auch ohne Werbung sorgen Internetforen mit Berichten von Müttern und Vätern ständig für neue Patienten, wie er sagt. Zudem wollen die Bonner weiter mit Kohl zusammenarbeiten und Patienten nach Gießen schicken.

Auf Dauer will Kohl aber nicht alleine Kinder im Mutterleib operieren. Er möchte in Gießen jemanden ausbilden, der es ihm gleichtut. Zudem liebäugelt er mit technischer Hilfe: „Das ist ein Gebiet, das nach dem Einsatz von Robotern geradezu schreit.“

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