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Sonntag, 19. Februar 2012
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Artenschutz in Hessen Zwanzigmal so viele Biber wie vor 20 Jahren

10.03.2010 ·  Da lernt selbst die Umweltministerin noch was. „Das Fell ist ja ganz weich und warm. Das hätte ich nicht gedacht“, sagt Silke Lautenschläger und streichelt dem Biber durchs dicht gewachsene Haar. Im Spessart, wo die Ministerin weilte, leben rund 400 Biber - zwanzigmal mehr als 1990.

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Da lernt selbst die Umweltministerin noch was. „Das Fell ist ja ganz weich und warm. Das hätte ich nicht gedacht“, sagt Silke Lautenschläger und streichelt dem Biber durchs dicht gewachsene Haar. Zwar war der Nager ausgestopft, er diente der CDU-Politikerin dennoch als interessantes Anschauungsobjekt. Begeistert war die Ministerin bei einer Biber-Exkursion in Sinntal, dass sich die Nagetiere im hessischen und bayerischen Spessart derart wohlfühlen - und vermehren. „400 Biber gibt es mittlerweile in der Region. Das ist eine stattliche Zahl“, befand Lautenschläger und lobte das erfolgreiche Artenschutz-Projekt. Einst fast ausgerottet, haben die als fleißige Baumeister bekannten Biber wieder eine sichere Heimat in den Flussauen gefunden. Fachleute gehen davon aus, dass mittlerweile wieder 10.000 Biber in Deutschland hausen.

Angefangen hat alles in Hessen mit einem Ost-Import. Kurz vor der Wende wurden 18 Elbe-Biber aus der damaligen DDR in den Main-Kinzig- Kreis gebracht und dort ausgewildert. Eine Holzkiste, in der die ersten Tiere 1987 in ein versteckt gelegenes Waldgebiet nach Sinntal transportiert wurden, steht heute noch im Dickicht. „Das war hier die Keimzelle des Biberprojekts“, erklärt Hessen-Forst-Chef Michael Gerst. Der Landesbetrieb will in diesem Jahr seine Arbeit zum Erhalt der biologischen Vielfalt ins Bewusstsein rücken. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2010 zum „Internationalen Jahr der Biodiversität“ erklärt.

Sanduhrförmiger Doppelkegelschnitt

Nach Angaben der Umweltschutzorganisation IUCN sind weltweit mehr als 16.000 Arten vom Aussterben bedroht. Ein Grund: Der Lebensraum der Tiere wird zunehmend platt gemacht. 13 Millionen Hektar Waldflächen werden den Angaben zufolge pro Jahr weltweit zerstört. Hessen will seinen Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz leisten und fördert mit seinen 41 Forstämtern Projekte zum Artenerhalt. Geholfen werden soll damit beispielsweise dem Schwarzstorch, der Kreuzotter oder der Mopsfledermaus. Jedes Forstamt soll die Patenschaft für eine besondere Tier- oder Pflanzenart übernehmen. Rund 600 Artenschutz- Projekte habe das Land in den beiden vergangenen Jahren gefördert, teilte das Ministerium mit.

Für den Biber wurden mehr als 62 Hektar Grünfläche gekauft, auf denen die Tiere ungestört walten dürfen. Das hat noch einen positiven Nebeneffekt: „Diese Maßnahmen verbessern nicht nur den Lebensraum des Bibers und anderer Arten, die auf natürliche Gewässerlandschaften angewiesen sind, sondern sie dienen zugleich dem vorbeugenden Hochwasserschutz“, sagte Lautenschläger. Doch nicht überall trifft die Rückkehr des streng geschützten Nagers auf Gegenliebe. Manch ein Landwirt würde ihm am liebsten das Fell über die Ohren ziehen.
„Der Biber ist ein sehr aktiver Landschaftsbauer. Da kennt er keine Hemmungen“, erklärt Jörg Winter von Hessen-Forst. Dabei setzt er jedoch auch Wiesen unter Wasser und fällt auch gerne mal Obstbäume. Denn die Tiere lieben Obst. Mit seinen meißelartigen Zähnen nagt der Biber die Stämme mit einem charakteristischen sanduhrförmigen Doppelkegelschnitt so weit durch, dass sie umstürzen. Damit die Geschädigten nicht zur Selbstjustiz greifen, gibt es mittlerweile hessenweit 20 ehrenamtliche Biber-Betreuer. Wenn der Nager etwas ausgefressen hat, sprechen die Tierfreunde mit den Geschädigten. „Für einen umgenagten Obstbaum kann es dann auch schon mal eine Entschädigung von 50 Euro geben“, erklärt Winter. Aus einem Fonds seien in den vergangenen fünf Jahren 30.000 Euro geflossen.

Sekret, das im Volksmund „Bibergeil“ heißt

Umweltschützer und Naturfreunde schwärmen von dem gewieften Nager mit den langen Schneidezähnen. Denn wo er sich einrichtet, entsteht neuer Lebensraum für viele Arten - er fungiert dabei als okölogischer Motor. Um sich vor Feinden zu schützen, baut er Burgen mit einem ausgefeilten Gangsystem und fällt dafür selbst dicke Bäume. Ebenfalls als Schutz errichtet er im Umkreis seiner Burg Dämme und überschwemmt große Flächen, damit sein Heim von Wasser umgeben ist.

Bis vor etwa 150 Jahren waren Biber in Hessen heimisch, verschwanden dann aber ganz, weil man ihnen aus vielerlei Gründen zu Leibe rückte. Ihr Fell war hochbegehrt - mit bis zu 23.000 Haaren auf einen Quadratzentimeter ist es besonders dicht, schützt vor Wasser und Kälte. Mit einer besonderen Drüse produzieren die Tiere ein Sekret, das im Volksmund „Bibergeil“ heißt und als Heilmittel gegen zahlreiche Leiden helfen soll. Es soll sogar die Potenz fördern. Mönche konnten sich früher mit ihrem fetten Fleisch über die Fastenzeit hinwegmogeln, weil Castor fiber - so der wissenschaftliche Name des europäischen Exemplars - zu Fischen erklärt wurden.

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