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Ärztemangel Weite Wege und lange Wartezeiten

28.07.2010 ·  Weil es auf dem Land an Ärzten fehlt, müssen Patienten für einen Arztbesuch immer weitere Wege und lange Wartezeiten auf sich nehmen.

Von Ingrid Karb
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In ländlichen Gegenden müssen Patienten für einen Arztbesuch immer weitere Wege und lange Wartezeiten auf sich nehmen. Der Ärztemangel, der den Krankenhäusern bei der Wieder- oder Neubesetzung von Stellen zu schaffen macht, wirkt sich auch auf die ambulante Versorgung aus. Es fehlen vor allem Hausärzte.

Davon sind nicht nur Gegenden im Norden und Osten Deutschlands betroffen. Selbst in Hessen gibt es keinesfalls abgelegene Landstriche, in denen sich Allgemeinmediziner ungern niederlassen. Auch im Ballungsraum des Rhein-Main-Gebiets fehlen nach Berechnung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) rund 30 Hausärzte – allein 14 im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Dieser steht im Bedarfsplan gleich hinter dem Landkreis Kassel, wo, was die Versorgung mit Hausärzten betrifft, die größte Not herrscht. Der Rheingau-Taunus-Kreis liegt mit sieben offenen Stellen noch vor dem Landkreis Fulda. Und in der Stadt Frankfurt werden vier Ärzte gesucht, genauso viele wie im Vogelsbergkreis.

Suche nach einem Nachfolger wird immer schwieriger

Für die Praxisinhaber wird es immer schwieriger, einen Nachfolger zu finden. Damit entgehen ihnen jedoch Einnahmen, die sie für ihre Altersversorgung eingeplant hatten. Da der Altersdurchschnitt der hessischen Hausärzte bei knapp 53 Jahren liegt, wird sich die Situation noch verschärfen.

Von einem Dasein als Landarzt träumen die wenigsten jungen Mediziner. Sie wollen nach Angaben der Landesärztekammer lieber Karriere in einer Klinik machen. Geschätzt werde dort vor allem die Arbeit mit den Kollegen und die Möglichkeiten zur Forschung und Weiterbildung.

Der klassische Landarzt ist dagegen ein Einzelkämpfer, der außer einem langen Arbeitstag auch Notdienste in der Nacht und am Abend bewältigen muss. Diese Belastung schreckt viele der zu 60 Prozent weiblichen Absolventen ab. Nach dem langen Studium denken sie häufig über eine Familiengründung nach. Doch eine Babypause oder Teilzeitbeschäftigung ist in der eigenen Praxis nur schwer zu organisieren.

Kein üppiger Verdienst

Zudem wird den Landärzten ihr Einsatz nicht mit einem üppigen Verdienst gedankt. Die niedergelassenen Allgemeinmediziner fühlen sich in jüngster Zeit vielmehr als Verlierer im Gesundheitswesen. In Hessen hatte nach Angaben des stellvertretenden KVH-Vorsitzenden Gerd Zimmermann etwa ein Viertel der Hausärzte im vergangenen Jahr Gehaltseinbußen. Im Juni zogen die Hausärzte aus der Vertreterversammlung der KVH aus, um gegen die vorgesehene Honorartrennung zu protestieren. Die Reform werde dazu führen, dass die Hausärzte weitere drei Millionen Euro je Quartal weniger bekämen, teilte ihr Verband mit. Auch die KVH-Vorsitzende Margita Bert bemängelt, die ständigen Reformen im Gesundheitswesen führten zu einer unsicheren Einkommenssituation für die Ärzte, die zusätzlich durch Regresssysteme erschwert werde. Selbst Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hatte bei der Frühjahrstagung des Vereins Gesundheitswirtschaft Rhein-Main in Frankfurt gesagt, es könne nicht sein, dass ein Niedergelassener erst nach zwei Jahren definitiv wisse, was er verdient habe.

Mit einem so unsicheren Einkommen ließen sich keine Tilgungspläne machen, sagt Bert. Um eine Praxis zu übernehmen oder zu eröffnen, benötigen die Ärzte von der Bank jedoch ein Startkapital. Auf dieses Risiko ließen sich nur noch wenige ein.

Klagen über Ärztemangel

In den neunziger Jahren hatten dagegen noch sehr viele Ärzte die Selbständigkeit angestrebt. Um sicherzustellen, dass sich die Praxen wirtschaftlich tragen konnten, wurde deren Zahl begrenzt. Die damals eingeführte Bedarfsplanung sollte zudem sicherstellen, dass überall genügend Ärzte vorhanden sind und sich die Praxen nicht nur in den großen Städten ballten.

Festgelegt wurden Planungsgebiete, deren Grenzen sich in Hessen an den Landkreisen orientieren, und Verhältniszahlen, die angeben, wie viele Patienten auf einen Arzt kommen dürfen. Für Hausärzte liegt die Fallzahl bei knapp 1000, für Fachärzte noch darüber. Ob ein Gebiet unter- oder überversorgt ist, stellt der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen anhand dieser Vorgaben fest.

Doch selbst in Gegenden, die als üppig versorgt gelten, klagen Bürger und Politiker über einen Mangel. So wandte sich kürzlich die Stadt Haiger an die Kassenärztliche Vereinigung, weil es ihr nicht gelingt, einen neuen Hausarzt im Ort anzusiedeln. Die Praxen konzentrieren sich im Lahn-Dill-Kreis stark in Wetzlar, auch Dillenburg und Herborn sind gut versorgt. Dagegen gibt es in Siegbach nicht einen einzigen Hausarzt.

Imagekampagne für den Landarztberuf

Wie die KVH-Vorsitzende Bert sagte, war diese Entwicklung noch vor wenigen Jahren unvorstellbar. Um solche Missstände zu verhindern, müssten die Planungsgebiete verkleinert werden. Angesichts der demographischen Entwicklung – die Patienten werden immer älter, ihre Behandlung wird aufgrund von Mehrfacherkrankungen anspruchsvoller – sollten zudem die Verhältniszahlen überdacht werden, empfahl sie.

Das hessische Gesundheitsministerium sieht sich angesichts der schwierigen Lage zum Handeln gezwungen. Zunächst ist laut Abteilungsleiter Jörg Osmers eine Imagekampagne für den Landarztberuf geplant. Außerdem will Hessen darauf hinwirken, dass jede Medizinfakultät einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin bekommt. Eine Forderung, die die Landesärztekammer ebenfalls gestellt hat. Denkbar ist laut Osmers auch, bei der Vergabe von Studienplätzen eine Quote für Landärzte einzuführen.

Anreize für hausärztliche Niederlassung schaffen

Schließlich müssten Anreize für die hausärztliche Niederlassung geschaffen werden, sind sich die Verantwortlichen in Kassenärztlicher Vereinigung, Landesärztekammer und Ministerium einig. Kommunen sollten zum Beispiel Praxisräume zur Verfügung stellen, die auch für Gemeinschaften geeignet seien. Außerdem müssten sie die Ärzte bei den Vertretungs- und Notdienstregelungen unterstützen.

Auf dem Land könnten Teilzulassungen, Zweigpraxen, gleichzeitige ambulante und stationäre Tätigkeit oder Telemedizin zu einer besseren Versorgung beitragen. Wegen des steigenden Anteils von Frauen in der Medizin müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. Angebote für eine flexible Kinderbetreuung wären zum Beispiel in Zusammenarbeit mit ansässigen Krankenhäusern denkbar.

Ein Versuch der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Thüringen sei erfolgversprechend gelaufen, berichtete Osmers. Dort habe die KV leerstehende Praxen übernommen und Ärzte angestellt. So hätten sie nicht das wirtschaftliche Risiko und könnten sich langsam in die Bürokratie einarbeiten. Die meisten von ihnen hätten die Praxen nach einigen Jahren übernommen. Ingrid Karb

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