20.02.2008 · Nur wenige Unicef-Mitarbeiter in Hessen sind nach den Berichten der vergangenen Monate von der Hilfsorganisation so enttäuscht, dass sie aufgeben. Die Aberkennung des Spendensiegels hat sie jedoch alle getroffen.
Von Stephanie ZehnleÜberrascht, aber auch mit Verständnis haben ehrenamtliche Unicef-Mitarbeiter in Hessen auf die Aberkennung des Spendensiegels reagiert. Das Siegel wird vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) mit Sitz in Berlin an Organisationen, die Spenden sammeln, vergeben. Dazu werden der korrekte Umgang mit dem Geld, die Transparenz und die Stimmigkeit der Abrechnung bewertet. Das deutsche Komitee des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen hatte dieses Siegel zwölf Jahre lang erhalten. Als Begründung für die Aberkennung nannte das Institut, Unicef Deutschland habe Provisionszahlungen an Spendensammler verschwiegen.
Die Unicef-Arbeitsgruppen fordern jetzt einen radikalen Neuanfang mit mehr Transparenz von der deutschen Unicef-Leitung und eine neue Führung. Deshalb befürworteten sie den Rücktritt des Unicef-Geschäftsführers Dietrich Garlichs Anfang Februar. Das fehlende Vertrauen der Spender erfuhren viele Unicef-Ortsgruppen schon im Dezember. Einige verzeichneten zum Beispiel Einbußen beim jährlichen Grußkartenverkauf auf Weihnachtsmärkten. „Der Kartenverkauf ging bei uns um 23 Prozent zurück“, berichtet Hubert Leitsch, Leiter der Unicef-Arbeitsgruppe in Frankfurt. Nach Meldungen über angeblich überzogene Honorare des deutschen Hilfswerks waren auch viele der ehrenamtlichen Helfer zunächst verunsichert gewesen; verlassen haben Unicef deshalb aber bislang nur wenige.
Großer Vertrauensschwund
Hans Petratsek, ebenfalls Leiter von Unicef Frankfurt, zeigte jedoch Verständnis für die Entscheidung des Berliner Instituts. „Ich bin natürlich schockiert“, sagte er, „aber wie es aussieht, hat der Entzug des Siegels seine Berechtigung.“ Der Neuanfang bei Unicef Deutschland hänge jetzt von den Personen ab, die den Vorstand und die Geschäftsführung nach der Wahl im April übernehmen würden.
„Wir fielen im Dezember aus allen Wolken“, so Leitsch, der seit sieben Jahren Unicef in Frankfurt leitet. Die ehrenamtlichen Verkäufer hätten sich auf Weihnachtsmärkten „die Beine in den Bauch gestanden“. Die Enttäuschung sei damals auch bei den Mitgliedern der Aktionsgruppe in Frankfurt groß gewesen, doch habe man durch die Medien immer nur „einen beschränkten Einblick in das Geschehen gehabt“. Weil Förderer, die monatlich Spenden überwiesen, kündigten und andere Unterstützer in Briefen mitteilten, nicht mehr für Unicef spenden zu wollen, habe auch Unicef Frankfurt Garlichs’ Rücktritt gefordert. „Es ging uns dabei nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, weiteren Schaden abzuwenden“, so Leitsch.
Zwei der 25 Mitglieder von Leitschs Gruppe hätten Unicef unmittelbar nach den ersten Anschuldigungen verlassen. Schwierigkeiten würden jetzt in der Zusammenarbeit mit Veranstaltungspartnern auftreten: „Unsere Partner sind zurückhaltender“, so Leitsch, „da ist viel Überzeugungsarbeit notwendig.“ Längerfristig sei der Vertrauensschwund nicht nur bei Unicef groß, die Bereitschaft zu spenden sei durch die Turbulenzen der vergangenen Monate generell gesunken.
„Es wird einen Neuanfang geben“
Als „Super-GAU“ bezeichnete Georgina Geiger von Unicef Wiesbaden den Verlust des Siegels. „In den Köpfen der Menschen ist der Entzug des Siegels jetzt drin, obwohl vorher kaum einer das Spendensiegel kannte“, so Geiger. „Wir müssen kämpfen, um das Siegel zurückzubekommen.“ Nach dem heutigen Informationsstand sei Garlichs’ erzwungener Rücktritt nicht gerechtfertigt, sagte Geiger. Unicef dürfe sich jetzt keinesfalls verstecken. „Wir planen schon Musikveranstaltungen für den Mai“, so Geiger. „Wir wollen uns allem stellen.“
Überrascht von der gestrigen Entscheidung des DZI war auch Hermann Eichel, Leiter der Unicef-Gruppe Fulda. „Es war ein Keulenschlag, und ich weiß nicht, warum dem DZI jetzt andere Zahlen vorliegen als vor drei Monaten“, sagte Eichel. Nachdem sich zwei Mitglieder in Fulda von ihrer Mitarbeit beurlauben ließen, will Eichel offensiver werden: „Ich will den Menschen die Naivität nehmen, dass Unicef und andere Hilfswerke ohne Verwaltungskosten auskommen würden“, sagte er.
In Marburg nahm man die Nachricht vom Verlust des Spendensiegels gelassener auf. „Wir haben uns schon gefragt, warum wir das Siegel für das letzte Jahr überhaupt noch erhalten haben“, sagte die Gruppenleiterin Prisca Priebe. Für viele sei das Ereignis ein „neuer Einbruch“, für Unicef in Marburg jedoch nicht. Priebe kann dem Tiefschlag auch etwas Positives abgewinnen: „Es wird einen Neuanfang geben, und in Zukunft sind wir die am besten kontrollierte Hilfsorganisation.“
„Das DZI war nur konsequent“
Von der Leitung von Unicef Deutschland äußerte sich die Gliederung in Marburg enttäuscht: „Das Vertrauen in Unicef Deutschland ist immer noch gleich null“, sagte die Leiterin. Sie habe schon im Dezember eine neue Geschäftsführung gefordert, weil sie den Ärger der Spender gespürt habe. „Sie kamen wütend zu uns – und wir konnten das auch verstehen“, berichtet Priebe. Manche Käufer der Weihnachtsgrußkarten hätten damals sogar die Karten zurückgeben wollen. Ihrer Ansicht nach hätte Garlichs Unicef früher verlassen müssen. Mit mehr Transparenz bei der deutschen Unicef-Leitung müsse die Arbeit aber weitergehen: „Im April beteiligen wir uns an einer Ausstellung.“
Auch Ellen Limberg, Leiterin der Unicef-Arbeitsgruppe in Darmstadt, hat schon damit gerechnet, dass Unicef das Spendensiegel aberkannt wird. „Das DZI war dabei nur konsequent, ansonsten wäre es unglaubwürdig.“ Mit einigen Veränderungen habe Unicef Deutschland gute Chancen, das Siegel wieder zu erhalten, das besonders für die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig sei, meint Limberg. Einen Sturm der Entrüstung erlebte Limberg von den Spendern nicht, dennoch müsse sich vieles ändern: „Wir verlangen die lückenlose Aufklärung innerhalb der Organisation.“ Der Rücktritt von Garlichs sei aufgrund des Imageschadens notwendig gewesen, persönlich bedauere sie dessen Ausscheiden aber, weil sie mit seiner Arbeit sehr zufrieden gewesen sei.
Die Unicef-Arbeitsgruppe Gießen stellte klare Bedingungen für eine Verbesserung. „Es darf keine große Diskrepanz zwischen hohen Beratergeldern und der nicht bezahlten ehrenamtlichen Mitarbeit mehr geben“, sagte die Leiterin Marianne Zielinski. Trotz des schleppenden Kartenverkaufs im Dezember wollte sich Dieter Kallmeyer von Unicef in Rüsselsheim nicht über Vorwürfe gegen das Komitee von Unicef in Deutschland äußern: „Ich sehe die Lage eher nüchtern“, sagte er, „und die Probleme, die wir haben, existieren doch schon länger.“
„Unicef ist so nicht haltbar“
Amei Glauner von Unicef in Witzenhausen wollte aktuelle Personaländerungen bei Unicef Deutschland ebenfalls nicht kommentieren. Sie mache jedenfalls weiter mit, und Protest sei hauptsächlich von Leuten gekommen, „die sowieso nie spenden“. Auch die ehemalige Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff, die unter dem Dach von Unicef eine eigene Stiftung gegründet hat und bei einem Festival auf ihrem Schafhof in Kronberg Geld für Hilfsprojekte sammelt, zeigte sich von der jüngsten Entwicklung überrascht und wollte sie noch nicht kommentieren.
„Unicef ist so nicht haltbar“, sagte dagegen Nader Maleki, der Gastgeber der Finanzplatzgala in Frankfurt. Drei Jahre lang ging der Erlös der Veranstaltung als Spende an Unicef. „Wir haben aber unabhängig von den jüngsten Ereignissen schon Mitte des letzten Jahres entschieden, in diesem Jahr an eine andere Organisation zu spenden“, so Maleki.