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Waldoni Circus Festival : Für manchen wird die Artistik zum Beruf

Letzte Proben: Die Artisten üben für die Auftritte morgen und übermorgen. Bild: Marcus Kaufhold

48 junge Bewegungskünstler aus fünf Ländern: In Darmstadt findet diese Woche das 4. Internationale Waldoni Circus Festival statt.

          Wie eröffnet man das Einstiegstraining von 48 Artisten aus Deutschland, Lettland, Russland, Israel und der Mongolei? Von Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 22 Jahren, die sich noch nie gesehen haben und von denen nicht jeder Englisch spricht? Ganz einfach: Man macht ein witziges Spiel zum Auftakt. „Ich habe jedem gesagt, er soll seinen Namen mit einer Bewegung vormachen. Das funktionierte super. Wir haben eine wirklich schöne Gruppe dieses Jahr, die hat sich gleich am Anfang gut durchgemischt“, sagt Sarah Behrle. Behrle ist eine Choreographin, die gestern mit der Aufgabe begonnen hat, aus der bunten Gruppe eine Mannschaft zu machen. Diese soll morgen bei der öffentlichen Wettbewerbsshow und am Donnerstag bei der Gala-Show des „4. Internationalen Waldoni Circus Festivals“ ihre Nummern aufführen, aber so, dass es ein gemeinsames Entree und Finale gibt.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Damit das klappt, hat jede Artistengruppe bis morgen im roten Zirkuszelt zwei Trainingstermine von jeweils 20 Minuten. „Wir haben nicht viel Zeit, der Terminplan ist eng und alles sehr vertaktet“, sagte Hans-Günter Bartel. Gestern saß er mit den Artisten aus Israel im Zelt und beobachtete deren Kunst auf dem Einrad und der Jonglage. „Das sind sehr, sehr gute Leute.“ Bartel hat einst als Walldorf-Schullehrer den pädagogischen Wert der Artistik für den Unterricht entdeckt und aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht. 1999 gründete er den Jugend- und Kindercircus Waldoni, der inzwischen eine Institution mit festem Sitz an der Grenzallee im Darmstädter Stadtteil Eberstadt ist. Auf dem ehemaligen Bundeswehrareal steht nicht nur das Zirkuszelt, in der benachbarten Turnhalle trainieren inzwischen auch 450 bis 500 Kinder jede Woche die Kunst am Seil, am Trapez, Jonglage oder Luft- und Bodenakrobatik. Zwei Zirkuswagen dienen als Café und Büro.

          Kontaktbörse für Nachwuchsartisten

          Waldoni bietet Artistik als eine Form der Körperkunst und Persönlichkeitsbildung an, die auch Folgen für das Sozialverhalten hat, weshalb der Verein als Träger der Freien Jugendhilfe gilt. Seit seiner Gründung richtet er das Augenmerk insbesondere auf das Sozialquartier Eberstadt-Süd. Die meisten jungen Leute der Zirkusschule kommen aus dieser Hochhaussiedlung im Süden der Stadt. Manche haben die Freizeitbeschäftigung inzwischen zum Beruf gemacht. Bartel kann acht Namen nennen von Leuten aus dem Verein, die irgendwo auf der Welt ein Engagement haben oder dabei sind, eine anerkennte Zirkusschule zu absolvieren. Das Interesse an Artistik als Beruf ist anscheinend groß, wie die im vergangenen Jahr eingerichtete „Waldoni Masterclass“ zeigt. „Unser Ziel war, in drei Jahren etwa zwölf Leute in der Masterclass zu haben. Wir sind schon nach einem Jahr voll ausgebucht und haben weitere Anmeldungen fürs nächste Jahr“, sagt Bartel.

          Beim Internationalen Waldoni Circus Festival ist es auch nicht anders. 42 Gruppen aus aller Welt haben sich für die Teilnahme beworben, Konzepte und Videos eingereicht. 14 wurden genommen, zu denen noch die Waldonis kommen. Morgen werden alle Teilnehmer im Zelt der Jury zeigen, was sie können, aufgeteilt in die Gruppen bis 16 Jahre und älter als 16 Jahre. Am Donnerstag werden im Rahmen der Gala-Show die Sieger bekanntgegeben und die Preise verliehen, die Darmstädter Einrichtungen und der Verein stiften. Am Freitag reisen die Teilnehmer wieder ab. Bis dahin werden sie außer der Manege auch die Mathildenhöhe und Burg Frankenstein kennengelernt haben. Das Internationale Circus Festival in Darmstadt hat sich zur Kontaktbörse entwickelt. Dort treffen sich auch Nachwuchsartisten etwa vom Zirkus Chicona aus Dreieich, vom Jugendzirkus Zarakali aus Frankfurt und vom Varieté Voila aus Bad Nauheim. Der Aufwand für die einwöchige Veranstaltung ist groß.

          Kontinuierliche Arbeit mit Jugendlichen

          Der Etat liegt bei 30.000 Euro, die ohne Hilfe der Dotter-Stiftung oder der Stadt nicht aufzubringen wären. Außerdem sind diese Woche 90 Mitglieder des Waldoni-Vereins im Dauereinsatz, um Essen zuzubereiten und sich um die Technik zu kümmern. In den fast 20 Jahren hat Bartel sämtliche finanziellen Hürden nehmen können. In den Umbau der Gebäude an der Grenzallee hat der Verein 1,6 Millionen Euro investiert, nur 400.000 Euro davon war öffentliches Geld. Den Jahresetat trägt zu 20 Prozent die Waldoni Kinder- und Jugendstiftung, zehn Prozent sind Zuschüsse für die Arbeit als Träger der Jugendhilfe, weitere zehn Prozent werden projektbezogen eingeworben, 40 Prozent trägt der Circus durch seine Einnahmen bei.

          Das Budget reicht zwar nicht für große Sprünge, aber für eine kontinuierliche Arbeit. Inzwischen können die Schüler der zehnten Klasse der Mühltalschule sich auf ihren Hauptschulabschluss auch auf dem Zirkusareal vorbereiten, indem sie in der Bildwerkstatt arbeiten oder in der Hauswirtschaft. Bartel hofft, dass der Verein bald auch einen Obsthof im Odenwald erwerben kann, um dort für Kinder aus Eberstadt Wochenende- und Ferienprogramme anzubieten – „Erlebnispädagogik“ in freier Natur mit Jurte, Feuerstelle, Kletterbaum und Esel, Schafen, Ziegen und Hühnern. Was sich Darmstadts Zirkusdirektor noch wünschte, wäre Unterstützung durch den Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main. Dort hat sich trotz des bestehenden regionalen Zirkusnetzwerkes für ihn noch keine Tür geöffnet.

          Quelle: F.A.Z.

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