06.11.2011 · In Hessen werden rund 62.000 Menschen unentgeltlich mit Lebensmitteln unterstützt - und die Nachfrage wächst.
Von Eberhard SchwarzÜber Mangel an Nachfrage kann sich Christel Germer, die Vorsitzende der „Dietzenbacher Tafel“, nicht beklagen. Wenn an Freitagvormittagen unentgeltlich Lebensmittel in den Räumen der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Martin an der Offenbacher Straße ausgegeben werden, nähmen jeweils etwa 190Familien dieses Angebot wahr, berichtete Germer. Unter ihnen seien viele Zuwandererfamilien mit mehreren Kindern, aber auch viele Rentner.
2005 wurde die „Dietzenbacher Tafel“ gegründet. Germer war von Anfang an Vorsitzende. 35 Familien hätten anfangs die Angebote wahrgenommen, sagt sie und spricht von einer weiterhin steigenden Tendenz. Nur, wer einen Sozialhilfebescheid vorweisen kann, erhält Obst, Gemüse, Milchprodukte, Mehl, Konserven und andere Lebensmittel. Insgesamt 60 bis 70 ehrenamtliche Helfer sorgen dafür, dass es immer etwas zu verteilen gibt: Sie holen überschüssige Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, bei Supermärkten, Discountern, Bäckereien und anderen Firmen ab, sortieren sie und bieten sie während der Ausgabezeiten im Gemeinderaum der Pfarrei an: „Alles, was wir haben, geben wir dort aus“, sagt Germer. Dass das Frischelager von Rewe Dietzenbach verlassen hat, „ist bitter für uns“. Die Hemmschwelle, die „Tafel“ aufzusuchen, liege heute niedriger als früher, hat Germer festgestellt.
Die Zahlen der 53 „Tafeln“ in Hessen belegen, dass immer mehr Menschen auf die unentgeltliche Abgabe von Lebensmitteln angewiesen sind: 2007 wurden knapp 40.000 Menschen, darunter 12.500 Kinder und Jugendliche, versorgt. Bis 2011 kletterte die Zahl auf rund 62.000 Menschen - ein Anstieg um 57 Prozent. Davon waren mehr als 18.000 Kinder und Jugendliche. Bundesweit unterstützen die „Tafeln“ regelmäßig mehr als eine Million Bedürftige mit Lebensmittelspenden.
Etwa 100 Vertreter der hessischen „Tafeln“ nahmen am Samstag am „Tafeltreffen 2011“ in Dietzenbach teil, um sich über die organisatorische Ausrichtung der Ländervertretung im Bundesverband Deutscher Tafeln und das Sammeln von Spenden auszutauschen. Die „Tafeln“ würden dringend gebraucht, schrieb Landrat Oliver Quilling als Schirmherr in seinem Grußwort. Sie seien nötig, um Not ein wenig zu lindern. Auch Bürgermeister Jürgen Rogg (parteilos) würdigte die „segensreiche Tätigkeit“ der „Tafeln“. Er sei froh, dass es in Dietzenbach, einer Stadt mit einer „nicht unproblematischen Sozialstruktur“, eine „prosperierende und gut funktionierende Tafel“ gebe.
Etwa elf Millionen Kilogramm Lebensmitteln werden nach Angaben von Peter Radl, dem Ländervertreter Hessen im Vorstand des Bundesverbands Deutscher Tafeln, in Hessen jährlich von rund 5000 ehrenamtlichen Helfern eingesammelt, aufbereitet und an Bedürftige verteilt. Unternehmen wie Lidl, Aldi und Rewe unterstützen die Aktivitäten. Lidl-Kunden können etwa bei der Rückgabe von Pfandflaschen am Automaten für die „Tafeln“ spenden. Rund vier Millionen Euro kamen dabei bisher zusammen.
Die „Butzbacher Tafel“, ebenfalls 2005 gegründet, zog vor drei Monaten aus der Innenstadt, wo sie etwas beengt untergebracht war, in die ehemaligen Räume eines Lebensmittelmarkts an der Haydnstraße um: Lager und Lebensmittelausgabe befänden sich jetzt an einem Ort, berichtete Vorstandsmitglied Monika Wilhelm. 60 ehrenamtliche Helfer sind dabei; man versorge fast 600Bedürftige. Dienstags und donnerstags, jeweils am Nachmittag, werden Kisten mit Lebensmitteln verteilt. Auch in Butzbach müssen die Bedürftigen einen Hartz-IV-Bescheid oder einen Grundsicherungsbescheid vorlegen und bekommen im Gegenzug einen Tafelausweis. Wilhelm ist als Leistungssachbearbeiterin im Jobcenter des Wetteraukreises und der Agentur für Arbeit tätig. Bei der „Butzbacher Tafel“ engagiert sie sich, weil sie „auch auf der anderen Seite aktiv helfen“ wollte.
Die „Butzbacher Tafel“ wird vom „Förderverein für Hilfe in sozialen Notlagen“ getragen. Allein im Oktober seien 17 bedürftige Menschen bei der „Tafel“ neu hinzugekommen, sagte Wilhelm. In Butzbach gebe es so gut wie keine Industrie; auch die Landwirtschaft sei rückläufig. Man habe „viele Kunden, die schon in der dritten Generation keine Arbeit haben und damit aufwachsen“.
Keine zwingende Kenntnis
Gerd Fischer (Granado)
- 07.11.2011, 14:46 Uhr
Die Tafeln sind nicht Lösung, sondern Teil des Problems.
Claudia Paul (Nizzre)
- 07.11.2011, 11:01 Uhr
Keine zwingende Schussfolgerung
Christian Oppenländer (Contraton)
- 06.11.2011, 23:01 Uhr
Eberhard Schwarz Jahrgang 1954, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.
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