http://www.faz.net/-gzg-9blkm

Insektensterben : Gärten und Grünstreifen sollen bunter werden

  • -Aktualisiert am

Unwiderstehlich: Manche Pflanzen sind für Insekten einfach zu verlockend. Bild: dpa

Zusätzliche Kräuter und Wildblumen sollen dem viel beklagten Insektenschwund entgegenwirken. In Hessen gibt es jetzt dafür gleich mehrere Kampagnen.

          „Mehr Unordnung im eigenen Garten und auf kommunalen Flächen“ fordert der Wetterauer Landrat Jan Weckler (CDU). Damit will er dem vielbeklagten Insektenschwund begegnen. „Vorgärten, die ausschließlich aus Gabionen und Steinschüttungen bestehen, sind kein attraktiver Lebensraum für Insekten.“ An kreiseigenen Schulen und Amtsgebäuden soll auf Wunsch des Landrats die Anlage von Blühstreifen geprüft werden.

          Parallel dazu beginnt zudem eine Art Wettbewerb des Wetterauer Naturschutzbundes (Nabu). Die 20 Ortsverbände verteilen – möglichst gegen eine Spende – Tütchen mit Kräuter- und Blumensamen für jeweils einen Quadratmeter. Die können Bürger in einer ungenutzten Ecke des eigenen Gartens auf den vorher von Rasen befreiten Boden streuen. Wird er für einige Tage feucht gehalten, wachsen die Pflanzen heran. Und dann können die Gärtner beobachten, wie Wildbienen und Käfer zurückkehren.

          „Wir wollen bald die ersten tausend Quadratmeter zusammenbekommen“, sagt Frank-Uwe Pfuhl von der Nabu-Umweltwerkstatt in Assenheim. Weil die bunten Flecken auch schön sind, reicht der Zuspruch für etliche Hektar Blumenwiesen in der Wetterau, hoffen die Aktiven des Umweltverbandes. Sie verteilen neben den Tüten eine selbsterstellte 28 Seiten dicke Broschüre über artenreiche Blumenwiesen und Flugblätter mit Anbau-Tipps. Details dazu gibt es auf der Internetseite www.nabu-wetterau.de.

          Zusätzlich soll von August an eine Insektenzählungs-Kampagne beginnen. Wie die funktioniert, erfährt man unter dem Suchbegriff „Insektensommer“ im Internet. Der Nabu entwickelte eine Smartphone-App, die das Zählen und Bestimmen der Insekten erleichtert.

          Landwirte und Kommunen können viel beitragen

          Am Freitag zeigten die Umweltschützer zwischen Effolderbach und Stockheim bei Ortenberg, dass auch Landwirte und Kommunen viel tun können, um mehr Nahrung zu schaffen für die 500 Wildbienenarten, 8000 Käferarten, 500 Wanzenarten und etwa 180 unterschiedlichen Schmetterlinge in Deutschland. Klaus Wörner von der Jagdgenossenschaft hat dort mit einem Landwirt einen unbefestigten Feldweg in einen Blühstreifen verwandelt, der auch von den Ackermaschinen befahren werden kann. „Hier verstecken sich die Hasen. Wir haben hier auch wieder Rebhühner“, berichtet Wörner. Zu oft würden die Feldwege noch gegrubbert, also aufgerissen und von Bewuchs befreit, damit keine Unkrautsamen in das daneben stehende Getreide wachsen. Manche Landwirte zeigen sich aber aufgeschlossen für den Wunsch nach mehr Unordnung an den Ackerrändern, sagte Pfuhl. Die Landwirtin Angelika Bobrich aus Altenstadt beklagte vor Ort, dass die EU-Agrarförderung noch zu sehr auf Wirtschaftlichkeit achte. Sie habe Zuschüsse zurückzahlen müssen, nur weil auf ihrem Grünland zu viel Schilf und andere Wildpflanzen wuchsen.

          Bunter Weg: Auf einem früheren Feldweg bei Ortenberg-Effolderbach wachsen jetzt zwischen zwei Feldern Wildblumen.

          Bärbel Kraft vom Liegenschaftsamt der Stadt Ortenberg präsentierte ein Stück Streuobstwiese, auf dem blaue Phacelia und Braunellen, gelber Senf, viele Kamilleblüten und Wegerich wachsen. Das passiere in größerem Maßstab gerade auf den Obstwiesen in Rosbach nahe der Autobahn 5.

          Bestimmte Pflanzen seltener mähen

          Bei Kraft und in anderen Wetterauer Liegenschaftsämtern drängt der Nabu momentan darauf, die nur selten genutzten kommunalen Grünflächen nicht mehr so häufig abzumähen. Besser sei es, sie einmal von der Grasnarbe zu befreien und mit Saatmischungen zu belegen. Die Insekten anlockenden Pflanzen müssten viel seltener gemäht werden. Das spart den Städten und Gemeinden laut Kraft einiges an Kosten und Personaleinsatz. Die Stadtbedienstete hat sich davon sogar anregen lassen, in ihren bislang von Geranien bevölkerten Balkonkästen Wildblumen wachsen zu lassen. „Seitdem ist im Garten richtig viel los“, erzählt sie.

          Die Nabu-Umweltwerkstatt rät dazu, je nach Beschaffenheit des Bodens unterschiedliche Saatmischungen zu nehmen. Informationen und Saatgut finde man in Gartengeschäften und im Netz unter den Suchworten „Wildsaatgut Hessen“.

          Auch ohne Saatgut kann man mehr für die Insekten tun, sagt Pfuhl. Und sei es, indem man die Ecken des eigenen Rasens seltener mäht. Die dann von selbst wachsenden Brennnesseln ziehen zum Beispiel Tagpfauenaugen an. Und zu den Wilden Möhren flattern Schwalbenschwänze, um auf den Blättern ihre Eier abzulegen. Die lästigen Mücken werden durch die wilden Gärten übrigens nicht zahlreicher, sagt Pfuhl. Denn die leben von Blut und nicht von Wildblumen-Nektar.

          Weitere Themen

          Bioabfall? Her damit!

          Selbst kompostieren : Bioabfall? Her damit!

          Kann ich deinen Müll haben? Der eine braucht mehr Kompost für seinen Garten, der andere will den Bioabfall unkompliziert los werden: Eine App bringt beide zusammen und tut was für die Umwelt.

          Kiebitz Video-Seite öffnen

          Kiebitz : Kiebitz

          Der Kiebitz ist in Hessen selten geworden. Doch Tierschützer wollen dem bedrohten Vogel nun helfen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.