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Hessen : Hochburg der Salafisten

Türöffner: Aktionen wie die „Lies“-Kampagne seien ein Weg zu den Salafisten. Hier ist ein Teilnehmer auf der Frankfurter Zeil unterwegs. Bild: dpa

Enthauptungen schrecken nicht mehr ab. Die brutale Variante des Islamismus hat laut Verfassungsschutz in Hessen besonders viele Anhänger. Die Rückkehrer aus Syrien würden als „Kriegshelden“ in der hessischen Szene gefeiert.

          Die salafistische Szene in Hessen ist viel stärker, als die Größe des Landes es eigentlich erwarten ließe. Das geht aus aktuellen Zahlen des Verfassungsschutzes hervor. Hessen zählt sechs Millionen Einwohner, darunter sind rund 1600 Salafisten. Nur 300 mehr halten sich in Nordrhein-Westfalen auf, in dem dreimal so viele Menschen leben. Auch im bundesweiten Vergleich ist der hessische Anteil unverhältnismäßig hoch. In ganz Deutschland leben etwa 7500 Salafisten.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Dass Hessen außer Berlin und NRW zu den drei Hochburgen der deutschen Szene gehöre, führt Roland Johne vom Landesamt für Verfassungsschutz in erster Linie auf die städtischen Strukturen des Ballungsraums Rhein-Main zurück. Andererseits weist er darauf hin, dass sich auch in Kassel einiges tue. Im Übrigen seien in Hessen „Zugpferde“ wie Pierre Vogel unterwegs. Sie verstünden sich besonders gut darauf, Menschen zu mobilisieren.

          Viele werden im Gefängnis radikalisiert

          In einem Vortrag, den Johne am Donnerstagabend vor Mitgliedern der Wiesbadener CDU hielt, nannte er Frankfurt und Offenbach, aber auch Hanau als Schwerpunkte der regionalen Szene. Die Landeshauptstadt zählt er nicht dazu. Deren Ordnungsamt lobte er dafür, dass es die Verteilung von Koranexemplaren in der Fußgängerzone mit Platzverweisen erheblich gestört habe.

          Aktionen wie die „Lies“-Kampagne seien eine Art Türöffner zu den Salafisten. Auf die ersten Kontakte könne ein Prozess der Radikalisierung mit fatalem Ausgang folgen. Dasselbe gelte für Justizvollzugsanstalten: Immer wieder gelinge es einzelnen Inhaftieren, andere für ihre Sache zu gewinnen. „Ein Salafist geht rein, fünf kommen raus.“

          Um dieses Prinzip zu stören, arbeite der Verfassungsschutz mit dem Führungspersonal in Gefängnissen zusammen, erklärt Johne. „Wir briefen die. Damit sie wissen, mit wem sie es zu tun haben.“

          Derzeit 700 Deutsche in Syrien

          Aber nicht nur Gestrauchelte sind empfänglich für die besonders brutale, salafistische Variante des Islamismus. Manche hätten gerade das Abitur gemacht oder eine Lehrstelle angetreten, sagt Johne. „Und dann biegen sie plötzlich ab nach Syrien.“ Besonders anfällig seien junge Leute im Alter von 21 bis 25 Jahren, die der dritten oder vierten Zuwanderergeneration angehörten. Sie seien zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen, litten aber unter dem Gefühl, von der Gesellschaft nicht anerkannt zu werden.

          Die Salafisten gäben ihnen eine Antwort auf die Frage, wohin sie gehörten, stellt Johne fest. Das Medium könne eine Predigt in der Moscheegemeinde, aber auch das Internet sein. Nach wie vor würden dort Videoansprachen ausgestrahlt, die in Syrien aufgenommen worden und als Botschaft an deutsche Anhänger gedacht seien. „Warum bis du noch in Deutschland, während hier unsere Schwestern vergewaltigt werden?“ Mit solchen Sprüchen werde für den Eintritt in den Gotteskrieg geworben, sagt Johne. Die Strategie sei klar und entschieden: „Komm her und tu etwas.“ Die Methode scheint zu funktionieren. Derzeit sind 700 Deutsche in Syrien, um dort für den „Islamischen Staat“ oder andere terroristische Vereinigungen zu kämpfen.

          Rückkehrer seien Gefahr für innere Sicherheit

          Auch dort ist der Anteil der Hessen mit 120 jungen Kämpfern überproportional hoch. Ein Fünftel ist weiblich. Johne berichtet, dass es sogar einen Heiratsmarkt gebe, auf dem Mädchen einen Mann suchten, um ihn im Dschihad zu unterstützen. Bilder von Enthauptungen entfalteten keine abschreckende Wirkung. Das große Ziel dieser jungen Frauen bestehe darin, ihrem Mann zu dienen und mit ihm und seinen Kindern in dem noch zu errichtenden Gottesstaat zu leben.

          Etwa ein Drittel der deutschen Kämpfer kehrt aus Syrien und dem Norden Iraks zurück – mit Kampferfahrungen, Traumata und psychischen Verrohungen. Der Verfassungsschutz stuft die Leute als Gefahr für die innere Sicherheit ein. Viele seien abgestumpft und hätten keinerlei Hemmung mehr, Gewalt anzuwenden.

          Als „Kriegshelden“ übten sie eine erhöhte Anziehungskraft auf die hessische islamistische Szene aus. Im Sinne der Prävention könne man sich natürlich nur die geläuterte Rückkehrer wünschen, meint Johne. Niemand sonst sei so gut in der Lage, potentielle Kämpfer von der Ausreise abzuhalten.

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