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„Hessen gegen Krebs“ : Lebenslust statt Todesangst

Rudern gegen Krebs: Mit einer Regattaserie in ganz Deutschland wirbt die Stiftung „Leben mit Krebs“ für sich und den Kampf gegen eine Krankheit, die Millionen trifft. Bild: F.A.Z.

In der Krebstherapie ist der Sport ein wertvolles Heilmittel. Er lehrt Vertrauen in den eigenen Körper - und kann für Kampfbereitschaft sorgen.

          Du bist kostbar! Das ist das Motto der Initiative „Hessen gegen Krebs“, das vom Hessischen Sozialministerium, der Hessischen Krebsgesellschaft und der Stiftung „Leben mit Krebs“ getragen wird. Jedes Leben ist kostbar! Und die Diagnose Krebs, mit der in Deutschland vier Millionen Menschen leben (jedes Jahr kommen 500.000 hinzu), ist schon lange kein Todesurteil mehr! Das waren die Botschaften, für die Politiker, Ärzte und Wissenschaftler am Montag, dem Weltkrebstag, im Biebricher Schloss in Wiesbaden warben. Den Krebs von seiner negativen Ausstrahlung, von Todesnähe und Depression zu befreien, das war das erste Anliegen der Referenten. Und immer wieder kam dabei die Rede auf den Sport und seinen Wert für krebskranke Menschen.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Professor Elke Jäger ist Chefärztin und Ärztliche Direktorin der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Frankfurter Krankenhaus Nordwest und Vorstandsmitglied der Stiftung „Leben mit Krebs“. Sie ist passionierte Läuferin und Ruderin, spielt Tennis und fährt Ski. „Ich kenne seit frühester Kindheit die Wertigkeit von Sport beim Überstehen von kleineren und größeren Krisen“, sagt sie. Und als sie 2005 zu den Gründern der Stiftung „Leben mit Krebs“ gehörte, war ihr klar, dass der Sport eine wichtige Rolle spielen sollte, um einen psychischen Prozess aufzubrechen, der nach Krebsdiagnosen häufig greift.

          Moderne Behandlungsmethoden lassen Weltuntergangsszenarien obsolet werden

          Betroffene Patienten, sagt Professor Jäger, verfingen sich meist in einer gefährlichen Selbstwahrnehmung: „Sie denken: ,Ich habe Krebs, jetzt bekomme ich noch Chemotherapie und Strahlentherapie, und das macht mich über die Krankheit hinaus noch kränker. Ich kann mit meinem Körper nichts mehr anfangen, ich muss bald sterben.‘“ Aber ebendies stimme nicht, und Sport wirke dieser falschen Wahrnehmung entgegen. „Wenn der Patient es schafft, regelmäßig eine eigene sportliche Leistung zu erbringen, also einen aktiven Part einzunehmen, dann spürt er, dass trotz Krankheit und Therapie seine körperliche Leistungsfähigkeit wieder zunimmt, das ist ein wichtiges Erlebnis, er spürt es, und das ist das Wertvollste, was er in diesem Szenario erleben kann. Sein Selbstbewusstsein steigt mit dieser Erfahrung der Kraft und Leistungsfähigkeit, und dieses Selbstbewusstsein wirkt auch in andere Anforderungen hinein. Sport ist deshalb ein sehr wertvolles Vehikel für krebskranke Menschen.“

          Sport hat die Kraft, das Weltuntergangsszenario aufzulösen, das sich noch zu oft mit der Diagnose Krebs verbindet, ein Weltuntergangsszenario, das vor zwanzig Jahren vielleicht noch gerechtfertigt war, weil Krebspatienten damals tatsächlich schnell gestorben sind. Aber heute können viele Patienten dank moderner Behandlungsmethoden selbst bei fortgeschrittenen Krankheitsstadien viele Jahre überleben. „Sport ist ein Mittel, um die Leute aus der Wahrnehmung permanenter Todesnähe herauszuholen“, sagt Elke Jäger. Und deshalb fördert sie mit ihrer Stiftung, die pro Jahr rund 500.000 Euro zur Verfügung hat, neben Kunst-, Ernährungs- und psychoonkologischen Aktionen in besonderem Maße Sportprojekte.

          Sport als Anleitung zum Kampf gegen den Krebs

          Auch Dr. Johannes Peil, leitender Arzt der Sportklinik Bad Nauheim, weist auf die überragende Bedeutung des Sports bei der Behandlung von schwerkranken Patienten hin. „Es gibt viele Studien, die nachweisen, dass Bewegungstherapie eine den Medikamenten vergleichbare Wirkung hat.“ Und Peil hält den Sport auch in einer weiteren Beziehung für wichtig: als Anleitung zum Kampf, zum Durchhalten, zum Training, zum Nicht-Aufgeben. „Früher wusste jeder, dass man kämpfen muss“, sagt Peil. „Manchmal kommt es mir vor, als hätten wir das Kämpfen verlernt. Aber wir sollten uns keinen Illusionen hingeben, es ist nicht alles leicht, was auf uns zukommt, wir müssen kämpfen, dabeibleiben, orientiert sein. Ich habe zu oft Leute erlebt, die viel länger gelebt hätten, wenn sie sich nicht aufgegeben hätten, wenn sie nicht gedacht hätten, sie wären viel schlechter dran, als sie in Wirklichkeit dran waren. Wir dürfen nicht kleinmütig und verzweifelt sein.“ Die Stiftung „Leben mit Krebs“ formuliert das in ihren Grundsätzen so: Der Sport helfe Patienten, der Erkrankung gegenüber „eine angemessene Kampfhaltung“ einzunehmen.

          Was eine aus den Durchhalte-Werten des Sports gespeiste Kampfhaltung ist, bekamen die Teilnehmer der Wiesbadener Tagung eindrucksvoll vom Darmstädter Jonathan Heimes demonstriert, einem 22 Jahre alten, ehemaligen hessischen Jugendmeister im Tennis, der mit 14 Jahren an einem bösartigen Hirntumor erkrankte, sich nach Operation, Chemo- und Strahlentherapie zurück in die Schule und auf den Tennisplatz kämpfte, ehe nach sechs Jahren plötzlich Metastasen an der Wirbelsäule entdeckt wurden. Lähmung der Beine, wieder Operation, wieder Chemotherapie. Am Montag schob sich Heimes in Biebrich im Rollstuhl zum Podium, und es wurde schnell klar, dass er genau das verkörpert, was die Wissenschaftler allen Krebspatienten anempfehlen: keine Resignation, kein Aufgeben, stattdessen unerschütterliche Kampfkraft, kein Ducken vor der Todesangst, stattdessen ungebrochene Lebenslust. „Ich kämpfe dafür, wieder gehen zu können“, sagt Heimes. „Ich kämpfe dafür jeden Tag. Und ich werde immer weiterkämpfen.“

          Kämpferisches Vorbild: Der frühere Tennismeister Jonathan Heimes.
          Kämpferisches Vorbild: Der frühere Tennismeister Jonathan Heimes. : Bild: Kaufhold, Marcus

          Andrea Petkovic, deutsche Spitzenkraft im Tennis und Vereinskameradin von Heimes von Kindesbeinen an, hat das Vorwort zu einem Buch beigesteuert, das Heimes über seinen Kampf gegen den Krebs geschrieben hat. „Er ist für mich nicht nur ein Spitzensportler“, schreibt sie darin, „sondern auch Vorbild und Inspiration.“ Ursula Bouffier, die Frau des hessischen Ministerpräsidenten und Schirmherrin des Vereins „Projekt Schmetterling“, der sich um die psychoonkologische Betreuung von Krebspatienten und deren Angehörigen kümmert, sah das in Biebrich genauso: „Solche Menschen brauchen wir.“

          „Comebacks - Meine Leben“. Das Buch von Jonathan Heimes ist im Selbstverlag erschienen und über johnny.comebacks@gmail.com beim Autor erhältlich.

          Quelle: F.A.Z.

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