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Veröffentlicht: 19.12.2012, 10:55 Uhr

Hessen Arbeitsmarkt dürfte 2013 nur noch langsam wachsen

Hessens Arbeitsmarkt ist widerstandsfähig. Im abgelaufenen Jahr hat er gleich mehrere Großpleiten verkraftet. Doch neue Jobs werden immer rarer. Die Arbeitsagentur erwartet für 2013 mehr Arbeitslose.

© Wohlfahrt, Rainer Erwartet einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit: Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Arbeitsagentur

Den Hessen geht es besser. Wirtschaftliche Zuwachsraten über dem Bundesschnitt sagen Landesbank und Statistisches Landesamt für 2013 übereinstimmend voraus. Noch im Oktober hielt die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) ein Plus von 1,5 Prozent für möglich, die im Dezember veröffentlichte offizielle Konjunkturprognose der Statistiker erwartet ein Plus von 1,3 Prozent.

Trotz des prognostizierten Wachstums wird nach Ansicht der Arbeitsagentur die Zahl der Arbeitslosen in Hessen im kommenden Jahr steigen. „Das Wachstum reicht nicht aus, um die permanenten Rationalisierungseffekte auszugleichen“, stellt Frank Martin, Chef der hessischen Regionaldirektion, fest. Er rechnet mit einem Anstieg um 3000 auf rund 181.000 Arbeitssuchende im Durchschnitt des Jahres. Gleichzeitig wird die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten nach der Prognose weiter steigen: Um rund 20.000 Menschen auf 2,304 Millionen, ein Plus von 0,9 Prozent.

Chemie und Maschinenbau koppeln sich ab

Dass dieser seit dem Jahr 2005 anhaltende Trend zu mehr Beschäftigung schwächer ausfällt als im Bund, liegt laut Martin an der Struktur des Arbeitsmarktes im Rhein-Main-Gebiet. „Städte wie Frankfurt oder Wiesbaden liegen mit Dienstleistungsanteilen von 90 beziehungsweise 84 Prozent deutschlandweit an der Spitze. Diese Branchen haben in der Krise 2009/2010 nicht so stark gelitten wie beispielsweise die Industrie, sich danach aber zwangsläufig auch nicht so stark erholt.“ Die Finanzkrise schlage zudem auf die Beschäftigungsaussichten bei Banken und Versicherungen durch.

Für Hessen wichtige Industriebranchen wie Chemie und Pharma oder der Maschinenbau scheinen sich dank der starken Exporte nach Übersee von der Krise im Euro-Land abkoppeln zu können. Sorgenfalten haben hingegen die Manager der großen Branchen Fahrzeugbau (mit Opel) und Metall auf der Stirn. Sie sind weit stärker von den Ausfuhren nach Europa abhängig. 67 Prozent der hessischen Exporte bleiben schließlich auf dem in weiten Teilen kriselnden Kontinent.

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Die IHK und die Stadt Frankfurt wollen wegen der Bankenlastigkeit auch der Industrie eine Zukunft in der „Metropolregion“ Frankfurt/Rhein-Main ebnen. Stadtrat Markus Frank (CDU) verweist auf 26 neu angesiedelte Unternehmen im abgelaufenen Jahr.

Doch immer häufiger konkurrieren die Produktionsstätten mit dem renditeträchtigen Wohnungsbau in der Bankenstadt. Einen Ausgleich zwischen beiden Zukunftsthemen Industrie und Wohnen soll ein Masterplan bringen, der 2013 fertig werden soll.

Martin für Misch-Strategie

Der Aufstieg Nordhessens ist beispielhaft für den umgekehrten Trend: Der dortige Arbeitsmarkt mit einem geringeren Dienstleistungsanteil brachte der Region zeitweise die niedrigste Arbeitslosigkeit im Land. Im Norden wie auch im Osten des Landes wird sich nach den Erwartungen aber auch der Fachkräftemangel in einzelnen Branchen am schnellsten zeigen. Wachstum erwarten die Experten insbesondere bei Unternehmen aus Logistik und Verkehr.

Martin tritt für eine Misch-Strategie ein, die mehrere Personengruppen für den Arbeitsmarkt aktivieren will. Ältere Arbeitnehmer könnten länger arbeiten, Arbeitslose müssten qualifiziert werden und Frauen nach der Kinderpause mit familienfreundlichen Bedingungen in den Beruf zurückgeholt werden. Zusätzlich müssten Fachkräfte im EU-Ausland angeworben werden, so wie es in ersten Ansätzen bereits bei der Pflege oder Technikerberufen geschehe.

Quelle: LHE

 

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