http://www.faz.net/-gzg-8ik75

„Der Name der Rose“ in Vilbel : Ein einziges Licht in der Düsternis

  • -Aktualisiert am

Zuschauermagnet: Bad Vilbeler Wasserburg, Schauplatz der Burgfestspiele Bild: Wolfgang Eilmes

Schmutzig und blutig geht es auf der rutschigen Bühne zu. Am Ende steht ein vollständig entblößter Salvatore auf der Bühne und wimmert vergeblich um sein Leben. „Der Name der Rose“ in Bad Vilbel ist herausragend.

          Natürlich ist es ein Unding, Umberto Ecos umfangreichen Mittelalterroman „Der Name der Rose“ in eine zweistündige Spielhandlung zu pressen. Bereits die gleichwohl sehenswerte Verfilmung von Jean-Jacques Annaud hat das ausgeklügelte Diskurs- und Zeichenlabyrinth zu einem atmosphärisch dichten Krimi heruntergebrochen, getragen von hervorragenden Darstellern, vor allem Sean Connery als Detektiv in Franziskanerkluft William von Baskerville.

          Umso mutiger, geradezu tollkühn ist es von den Burgfestspielen Bad Vilbel, das Epos in zwei knappen Bühnenstunden zu präsentieren, ohne filmische Mittel, ohne aufwendige Tricks, ohne prominente Darsteller. Immerhin hat man mit der alten Wasserburg eine zum Sujet passende Kulisse, die allerdings rätselhafterweise in Malte Kreutzfeldts Inszenierung, die mit geringen Mitteln beachtliche Wirkung erzielt, kaum je aktiv genutzt wird. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist vielmehr eine perfide Schrägbühne, auf der die Mönche im übertragenen Sinne und auch ganz wortwörtlich ins Stolpern geraten. Denn die Welt im Benediktiner-Kloster ist vollkommen aus den Fugen.

          Effektvoll die Bühnenrampe hinunterkullern

          Natürlich bringt es die Straffung mit sich, dass die Brüder hier geradezu im Zeitraffermodus dahinsterben und effektvoll die Bühnenrampe hinunterkullern. Ansonsten singen und sprechen die Schwarzkutten oft im Chor, kleben eng aneinander, um dann wieder wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm auseinanderzustieben. Dieses kluge Körpertheater auf engem und schwer bespielbarem Raum erzeugt immer neue, oft albtraumhaft düstere Bilder, zeigt Rudelverhalten und Außenseiter und macht zusammen mit dem übergroßen Neonkreuz am oberen Bühnenrand, grellen Scheinwerfern und wirkungsvoll waberndem Nebel diese spannende Inszenierung auch visuell überzeugend.

          Dabei bleibt das intellektuelle Unterfutter des Romans fast vollständig auf der Strecke. Doch auch ohne weitschweifige Diskurse begreift man als Zuschauer, dass hier eine von innen heraus verfaulende Gesellschaft gezeigt wird, die nur noch durch ihre Rituale oberflächlich zusammengehalten wird. Spätestens als der brachiale Inquisitor Bernard Gui im zweiten Teil des Abends auftaucht und mit Folter, Exekution und Drohung die brüchig gewordene Ordnung wiederherstellen will und damit die Selbstzerstörung der Klostergemeinschaft noch beschleunigt, versteht man auch als Laie, dass es hier immer um mehr ging als um Morde in einer abgelegenen Abtei.

          Kreutzfeldt hat für die zwischen Lüsternheit und Selbstgeißelung hin- und hergerissenen Mönche eine passende Geste gefunden, die sich als anfangs noch rätselhaftes, später umso erhellenderes Leitmotiv durch den ganzen Abend zieht: Immer wieder leckt sich das Mönchskollektiv mit bleckender Zunge die Finger ab, was einerseits auf die am Ende herausgefundene Todesursache durch das Umblättern giftiger Buchseiten hinweist, zum andern aber eindeutig auch erotisch konnotiert ist. Der Kampf des blinden Jorge (Heinrich Cuipers) gegen die Verkommenheit seiner Klosterbrüder und die angeblich für die Christenheit bedrohlichen antiken Schriften in der Bibliothek endet mit viel Rauch und der Zerstörung der unwiederbringlichen Bücher.

          Die atmosphärisch dichte, durchchoreographierte Inszenierung nimmt erstaunlich wenig Rücksicht auf die Sehgewohnheiten des in Bad Vilbel selten so herausgeforderten Publikums. Schmutzig und blutig geht es auf der rutschigen Bühne zu, und weil es dramaturgisch schlüssig ist und die nicht unterdrückbaren körperlichen Triebe für die Mordserie im Kloster eine erhebliche Rolle spielen, steht am Ende ein vollständig entblößter Salvatore (Johnny Müller) auf der Bühne und wimmert vergeblich um sein Leben. Das ist schon eine kleine Sensation.

          Kreutzfeldts Inszenierung sticht angenehm aus dem Festivaleinerlei heraus, weil sie mehr sein will als eine weitere handwerklich grundsolide und unterhaltsam anzuschauende Bebilderung. Sie zeigt Verrohung als roh, sie zeigt Düsteres düster und lässt nur einen schwachen Lichtstrahl zu, den ganz und gar aus seiner Zeit gefallenen Aufklärer William von Baskerville. Thomas Dehler spielt ihn als weisen Humanisten, als warmherzige und kluge, aus gutem Grund auch etwas melancholische Gegenfigur zu all den Hysterikern, Irren oder schlichtweg Boshaften im übrigen Klerus. Er kann nichts retten, aber er ist weit mehr als nur ein Sherlock Holmes. Er repräsentiert die Überwindung der Epoche, deren Selbstzerstörung diese Inszenierung bei den Burgfestspielen erlebbar macht.

          Nächste Vorstellungen von 4. Juli an bis 4. September in der Vilbeler Wasserburg.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Pizzakönig Salvatore Rimonti Video-Seite öffnen

          Videoserie „Frankfurt & ich“ : Pizzakönig Salvatore Rimonti

          In der neuen F.A.Z.-Serie „Frankfurt & ich“ geht es um bekannte und weniger bekannte Frankfurterinnen und Frankfurter, um interessante Persönlichkeiten, die ihre Geschichte erzählen und uns mitnehmen an ihre Lieblingsplätze. Folge 3: Der Restaurantbesitzer Salvatore Rimonti.

          Topmeldungen

          Artenvielfalt : „Das Problem sind die Monokulturen“

          Ausgeräumte Landschaften und einige Herbizide schaden Insekten, dabei sind die Tiere wichtig für die Landwirtschaft. Ein Gespräch mit Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen zum Insektensterben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.

          Folgende Karrierechanchen könnten Sie interessieren: