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Veröffentlicht: 30.12.2012, 17:05 Uhr

Henninger-Turm in Frankfurt Das Wunder der langsamen Bewegung

Die Tage des Henninger-Turms sind gezählt. Was schon lange beschlossen ist, wird nun vollzogen: Im Januar wird das einstige Wahrzeichen der Stadt abgerissen. Die große Faszination, die es einst auf die Frankfurter ausübte, ist längst verflogen.

von , Frankfurt
© Helmut Fricke Weitblick: Das kulinarische Angebot spielte im Drehrestaurant des Henninger-Turms nie die entscheidende Rolle. Es war der sensationelle Blick auf die Stadt, der die Besucher in die Höhe lockte.

Es dreht sich. Nein, natürlich nicht der ganze Turm, auch nicht das Betonfass obendrauf. Innen, es dreht sich innen. Was? Das Restaurant. Tische, Stühle, Mahlzeiten, Gäste - alles dreht sich an den großen Fenstern vorbei. Und die Landschaft tief unten und die Stadt, die wandern ganz langsam vorüber.

Man musste einfach hin, zum Henninger-Turm. Keine Frage. 1961 war er mit seinen 120 Metern das höchste Gebäude in Frankfurt. Groß, weiß und mit diesem seltsamen Hut obenauf. Der beherbergte das sensationelle Drehrestaurant, zwei Aussichtsplattformen und ein weiteres, allerdings stationäres Lokal. Mit Goldfischteich und Pflanzen, fast wie aus dem tropischen Regenwald. Oder - für Realisten und Meckerer - aus dem Palmengarten.

Wie in einem Hollywood-Film

In nur einer Minute war man oben, dank eines Aufzugs, der einem damals wie die Dekoration aus einem Hollywood-Film vorkam. Stahl, Messing, Plastik, Spiegel. Ein Mann in Henninger-Uniform bediente die magischen Knöpfe des Expresslifts und leierte während der kurzen Fahrt einen Text zu Bauzeit, Höhe, Geschwindigkeit herunter. Und zum Fassungsvermögen des Bauwerks. Denn das Restaurant saß - etwas achsenverschoben - nicht auf einem x-beliebigen Turm, sondern auf dem Getreidesilo der Brauerei. Statistiker hatten ausgerechnet, dass Gerste für soundsoviel Millionen Glas Bier in dem 120 Meter hohen Silo lagerten. Der Fahrstuhl-Führer kannte die Zahl, die Gäste wollten nur schnell ins Restaurant.

Am Anfang war dieses Restaurant, wenn die Erinnerung nicht täuscht, in einem Stil eingerichtet, den man damals als modern, aber gediegen ansah und auch so nannte. Auf das „aber“ kommt es an, denn reine Moderne und ein Brauerei-Lokal vertragen sich nicht. Dachte man damals. So war das Mobiliar aus Holz, aber schnörkellos, nicht so scheinbar handgeschnitzt wie in den vielen Zunft- und Jägerstuben, die man von unten kannte. Gekocht wurde nach einem ähnlichen Konzept. Nicht riskant, nicht zu aufwendig, aber doch irgendwie gehoben. Klare Ochsenschwanzsuppe, Hühnerfrikassee, Rinderroulade bürgerlich. Birne Helene, meistens aber Eisschnitte Fürst Pückler. Nachmittags Kaffee und Torten oder für den Herrn eine Schinkenplatte, wahlweise gekocht oder roh. Wer so etwas kulinarisch kleinkariert und spießig und einfallslos findet, der sollte bedenken: Die meisten haben einmal so angefangen, es ist schließlich 50 Jahre her.

Sensationen haben ein rasches Verfallsdatum

Im Übrigen war das Essen oben im Turm ja auch nicht das Entscheidende. Die großen Fenster mit nur ganz schmalen Stegen boten einen Blick. Einen sensationellen Blick auf die Stadt, den Stadtwald, das Maintal, den Taunus und den Himmel darüber. Man hätte glauben können, man fliege. Bei klarem Wetter konnte man sogar Spessart und Odenwald sehen. Na ja, ahnen. Hinzu kam das Wunder der langsamen Bewegung. Das auf einen Ring gestellte Restaurant bewegte sich um den festen Kern mit Küche, Anrichte, Lift und einer vollkommen unhörbaren Antriebsmechanik. Eine Drehung um 360 Grad dauerte eine Stunde, ein gemütlicher Aufenthalt mit der Auswahl der Gerichte, dem Servieren der Getränke, dem Warten und Essen, dem Kaffee und einem Schnäpschen danach brachte einen zweimal herum. Und nachts war die Illusion vom Fliegen fast noch stärker, Frankfurt sah dann aus wie eine vom Feenstab berührte Juwelentruhe, und das Restaurant war ein idealer Ort für Verliebte.

Doch Sensationen haben ein rasches Verfallsdatum. Die Frankfurter, die sich eine Weile lang nichts Schöneres denken konnten, als dort oben im Henninger-Turm Silberhochzeit oder die Volljährigkeit ihrer Kinder mit Schweizer Uhren oder Goldschmuck zum Nachtisch zu feiern, entdeckten schon bald wieder ebenerdige Lokale, in denen man zwar schlechter saß, aber besser aß. Der Höhenrausch und der Reiz des Ungewöhnlichen verblühten. Bald fuhr man nur noch gelegentlich hinauf. Für Kaffee und Kuchen oder einen kurzen Abstecher auf die Aussichtsplattform. Mit Fotoapparat und Teleobjektiv. Denn mochte auch vieles anders geworden sein, der Ausblick blieb herrlich. Und wer regelmäßig kam, konnte Frankfurt wachsen sehen zu Europas einziger Hochhausstadt.

Nach langem Siechtum ist nun ein Neuanfang geplant. Im Januar soll die Zukunft beginnen. Nach Abriss und Neubau soll es auch wieder ein Drehrestaurant geben. Hoffentlich gelingt dessen Start besser als die Namenswahl jenes berühmten Radrennens, das einmal nach dem Bauwerk benannt worden war und lange „Rund um den Henninger-Turm“ hieß - bis Leute kamen und es „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ tauften.

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Quelle: F.A.Z.

 

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