Home
http://www.faz.net/-gzg-12wac
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Heinrich-von-Gagern-Gymnasium, Frankfurt Immer mehr arme Kinder

04.07.2009 ·  Schüler Klasse 6 des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums schreiben über Kinderarmut - und Organisationen wie die „Frankfurter Tafel“ und die Kita Sankt Nikolai, die helfen, die Not ein wenig zu lindern.

Artikel Lesermeinungen (0)

Arm - so die herrschende Definition der Europäischen Union - ist, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens verfügt. Für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern sind in Deutschland zirka 1440 Euro vorgesehen. 45 Prozent dieser Kleinfamilien fallen unter die Armutsgrenze. Jedes sechste Kind in Deutschland lebt in Armut. Das sind mehr als 2,5 Millionen Mädchen und Jungen.

Die Armut wächst, die Geburtenrate sinkt. Seit 1965 hat sich die Geburtenrate von 1,3 Millionen Geburten auf 680.000 beinahe halbiert. Die Zahl der Kinder, die arm sind, ist hingegen um das Sechzehnfache gestiegen. Studien belegen, dass allein in Westdeutschland der Anteil der Kinder, die in Armut leben, von 4,5 Prozent (1989) auf 9,8 Prozent (2001) gestiegen ist.

Kostenloses Essen für Bedürftige

Kinder müssen im Monat mit 208 Euro auskommen. So lautet der sogenannte Hartz-IV-Regelsatz für Kinder. Das heißt auch, dass Kinder, die in Armut leben, im Jahr mit 10,32 Euro für Spielsachen und 9,12 Euro für Schulsachen auskommen müssen. Ein 15 Jahre altes Kind muss für gesunde und ausgewogene Ernährung im Durchschnitt zwischen 4,70 Euro und 7,44 Euro pro Tag ausgeben. Doch im Regelsatz sind nur 2,57 Euro pro Tag vorgesehen. Daher wenden sich immer mehr Familien mit ihren Kindern an Organisationen wie die „Frankfurter Tafel“, um umsonst Essen zu bekommen.

Die Frankfurter Tafel ist eine Institution, die sich sowohl um einzelne Bedürftige als auch um Familien kümmert. Das Bestehen dieser Einrichtung ist aber nur durch die Unterstützung von Sponsoren möglich, da die Stadt keine Gelder zur Verfügung stellt. Zu den Sponsoren, die die Tafel finanziell unterstützen, gehören zum Beispiel Westblock Media, die Commerzbank und auch die Postbank. Es gibt auch andere Sponsoren wie Supermärkte, die Lebensmittel bereitstellen.

Dieter Freitag, der Geschäftsführer der Tafel, äußerte sich zu dem Thema Kinderarmut wie folgt: „Kinderarmut bedeutet für uns, dass Eltern nicht imstande sind, ihre Kinder ausreichend mit Lebensmitteln, Schulmaterial und Kleidung zu versorgen.“

Zwar gibt es keine spezielle „Kinder-Tafel“, aber dafür können sich Kinder außer an die Frankfurter Tafel auch an andere Einrichtungen wenden, beispielsweise an die Kinder-Arche, den Kinderschutzbund oder ähnliche Organisationen. Trotzdem nutzen viele Kinder solche Einrichtungen nicht, weil es ihnen oder ihren Eltern unangenehm ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen. (Von Hannes Berg, Paul Goes, Johanna Maerker, Elsa von Mallinckrodt, Hanna Schulte und Esin Yilmaz, 6a, Heinrich-von-Gagern-Gymnasium)

Echt arm? (von Sophia Comes, Ena Covic, Pascal Mayer und Constantin Doss, 6a, Heinrich-von-Gagern-Gymnasium)

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist arm. Betroffen von Armut sind vor allem kinderreiche Familien, Kinder ausländischer Eltern ohne deutsche Staatsangehörigkeit und Alleinerziehende. Oft leiden diese Eltern unter finanzieller Not. Die Sorgen der Erwachsenen können auch zur Belastung für die Kinder werden, etwa wenn sie ihren Kindern keinen Halt mehr geben können und ihnen zuwenig Zuneigung entgegenbringen. Das kann Ursache für weitere Probleme sein, wie etwa ungesunde und schlechte Ernährung, chronische Krankheiten, Übergewicht, Verhaltensauffälligkeiten und Aggressionen. Wenn arme Kinder nicht an Ausflügen von Kindergarten und Schule teilnehmen können, kein Taschengeld und nur gebrauchte Kleidung bekommen, fühlen sie sich von anderen Kindern ausgegrenzt.

Wir haben vor zwei Wochen die Kindertagesstätte Sankt Nikolai in Frankfurt besucht, um dem Thema auf den Grund zu gehen. Wir durften für ein paar Stunden die Betreuerinnen mit den Kindern begleiten.

„Teilweise tragen die Kinder schlechte Kleidung und Schuhe oder Kleidung, die nicht den Wetterverhältnissen angemessen sind“, sagt eine Betreuerin zu unserer Frage, wie sie Armut erkennt. „Wir versuchen die Armut einiger Kinder nicht so deutlich zu machen, indem wir zum Beispiel auf kostspielige Ausflüge verzichten. Durch Spenden ist es den Kindern aus armen Familien möglich, daran teilzunehmen. Somit können alle einen abwechslungsreichen Ausflug genießen.“ Leitbild der Kita Sankt Nikolai ist, dass Kinder aus allen sozialen Schichten, Religionen und Nationalitäten willkommen sind.

Es wird biologisch gekocht und auf eine gesunde und ausreichende Ernährung wird geachtet. Was die Bildung anbetrifft haben die Kinder die Möglichkeit, sich im Forscherraum, Kreativraum, Zahlen- und Buchstabenraum und der Bibliothek auszutoben. Und wenn dann einmal ein Kind das Bedürfnis nach Zuwendung hat, steht immer jemand zur Seite. Das Gefühl, „echt arm“ zu sein, versuchen die Erzieherinnen erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Doch das Problem Kinderarmut in Deutschland bleibt. Es gibt mittlerweile viele Projekte, um auf diesen Notstand aufmerksam zu machen und zu helfen. Auch wir sind von diesem Thema berührt und machen uns nun Gedanken darüber, was wir selbst tun können!

Kinderarmut in Indien (von Luisa Daniel, Esma Hamurcu, Timo Keck, Charlotte Poggemann, Annika Waldhoff und Benedikt Wilke. Das Gespräch mit Pfarrer I. Kochinamkary führten Benedikt Wilke, Timo Keck, Annika Waldhoff, Luisa Daniel und Charlotte Poggemann, 6a, Heinrich-von-Gagern Gymnasium)

Unser Redaktionsteam hat Pfarrer Kochinamkary, der in Indien seit 20 Jahren eine Schule ausschließlich für arme Kinder leitet, über die Lebensverhältnisse vor Ort befragt. Auf unsere Frage, was er unter Kinderarmut verstehe, antwortete der Pfarrer, dass verwaiste Kinder und solche ohne die nötige Kleidung und Nahrung arm seien. Unser Gesprächspartner betonte, dass die arme Kinder zuwenig Liebe und Zuwendung erhalten würden. Das sei für ihn Anlass gewesen, etwas gegen Kinderarmut zu unternehmen. Auch er selbst hatte als Kind die Erfahrung gemacht hat, was es bedeutet, arm zu sein.

Zuerst versuchte er, Geld an arme Familien zu verteilen, doch die Eltern der Familien hätten die Spenden leider nicht nur für die Kinder verwendet. So kam Herr Kochinamkary auf die Idee, eine Schule in seiner Heimat Chalil zu gründen, denn Bildung ist seiner Meinung nach der sicherste Weg aus der Armut. Seine Schule, die mittlerweile 30 Mitarbeiter und rund 600 Schüler umfasst, bietet eine Hausaufgabenhilfe, eine Kinderbetreuung und neben dem normalen Unterricht auch eine soziale Schulung an. Doch deutsche Schüler hätten bedeutend mehr Freiräume als indische Schüler - Herr Kochinamkary achtet auf strenge Disziplin. Außerdem gebe es Deutschland höchstens 33 Schüler pro Klasse, in Indien seien es bis zu 40.

Das alles finanziert er durch Spender aus Deutschland, Patenschaften und einen Großteil seines eigenen Gehaltes. Meistens fliegt er ein bis zweimal im Jahr nach Chalil, um sich um die Schule zu kümmern und mit den Kindern Kontakt aufzunehmen. Herr Kochinamkary ist dankbar, dass sich sein Projekt so gut entwickelt hat.

Herr Kochinamkary äußerte weiterhin, dass Kinderarmut in Indien tendenziell eher zunehme. Zwar seien viele Gebiete nicht mehr so arm wie früher, doch im Norden des Landes sei vom wachsenden Wohlstand des Landes noch nicht viel angekommen. Jugendliche würden häufig nicht ausgebildet, viele Familien seien zu groß, um Wohlstand für die Kinder zu ermöglichen. Schließlich erklärte er uns, dass auch deutsche Schüler durch Projekte in den Klassen und Schulen etwas erreichen könnten. Solange man nur den Willen habe, könnten auch kleine Schritte Großes bewirken.

In Gottes Namen helfen (von Jacob Schiele, Helene Stüben, Jennifer Krahn, Marius Herrtwich, Max Schoen und Jonas Jordan, 6a, Heinrich-von-Gagern Gymnasium)

Der Mann, der uns gegenüber sitzt, beobachtet uns aufmerksam. Er begrüßt uns freundlich und bietet uns etwas zu Trinken an. Dr. Gunter Volz ist Pfarrer und Mediator an der Pfarrstelle für Gesellschaftliche Verantwortung, wo er sich mit Bildung und Öffentlichkeit beschäftigt. Er war schon früher in einer Gemeinde tätig. Seine Motivation, sich mit Bedürftigen zu beschäftigen, kommt daher, dass er selbst einmal ärmer war und somit weiß, was das für ein Leben ist. Da das Christentum schon seit Jesu Geburt Ärmeren helfe, will er diese Hilfe fortsetzen, sagt er.

Sein Arbeitsbereich ist der Westen und das Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main. Dort veranstaltet er Führungen für Konfirmanden und andere Kinder. Er arbeitet in der sozial-politischen Offensive Frankfurts, die aus kleinen Kirchen, Wohlfahrts- und Gewerkschaftsverbänden besteht, wo er sich um die wirtschaftliche Situation der Menschen kümmert. Er sieht zu, dass Sozialarbeiter mit mehr Mitteln ausgestattet werden.

Doch sein Dekanat erhält keine staatlichen Fonds, die er für diese Zwecke benutzen könnte. Er ist der Meinung, dass man in einer großen Gruppe mehr bewirken könnte. Deshalb versucht er, durch Vorträge und Predigten andere Menschen dazu zu bewegen, Ärmeren zu helfen. Er findet es „eine Schande“, dass selbst in einem hoch entwickelten Wirtschaftsland wie Deutschland die Armutsquote seit den 1960er Jahren kontinuierlich steige; er bedauert, dass die Kluft zwischen Armen und Reichen in Deutschland größer werde. Würden die Reichen die Armen besser unterstützen, ließe sich etwas gegen diese Schieflage unternehmen. Die Menschen würden durch Zusammenarbeit näher zusammenrücken.

Volz betont, dass Armut und Verbrechen leider oft Hand in Hand gingen. Armut bedeute nicht nur „wenig Geld“, sondern auch schlechtere Bildungschancen und weniger gute Gesundheitsversorgung. Volz versteht seine Arbeit als gesellschaftlichen Beitrag mit dem Ziel, Menschen auf das Thema Armut aufmerksam zu machen - und an ihre Nächstenliebe zu appellieren.

Kinderarmut an Frankfurter Schulen (von P. Bickel, F. Krüger und T. Hestermann Heinrich-von-Gagern-Gymnasium)

Die Karmeliterschule ist eine Grund- und Hauptschule, die 1902 im Frankfurter Bahnhofsviertel erbaut worden ist. Sie wird momentan von 200 Schülerinnen und Schülern besucht, 95 Prozent von ihnen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Ihre Eltern können oftmals aufgrund von Sprachproblemen oder unzureichender Ausbildung schwer Arbeit finden. Sie wohnen im Bahnhofsviertel oder im Gutleutviertel, weil dort die Mieten nicht so hoch sind. Trotzdem leben die Familien nicht gern in dieser Gegend, denn für die Kinder gibt zu wenige Möglichkeiten, zu spielen.

Die Schulleiterin, Monika Lack, die die Schule seit fünf Jahren mit großem Engagement leitet, berichtet, dass Armut eine immer größere Rolle im schulischen Leben spielt. Viele Eltern haben Probleme bei der Finanzierung der Grundausstattung der Schulanfänger oder bei den Klassenfahrten. Das zeige sich unter anderem daran, dass viele Unterstützungsanträge bei der Stadt oder dem Förderverein der Schule gestellt werden, wobei 10 Prozent der Eltern einer Klasse die meisten Anträge stellten. Die Kinder erlebten die finanziellen Schwierigkeiten der Eltern unmittelbar, denn sie müssten auf einiges verzichten, was für gleichaltrige Schüler aus finanziell besser gestellten Elternhäusern selbstverständlich sei.

Das hat nach Meinung von Frau Lack einen hohen Einfluss auf das Sozialverhalten der Kinder und Jugendlichen: Sie definierten sich nicht über „Markenkleidung“, würden weniger konkurrieren und seien auch hilfsbereiter. Dennoch stellt sie Chancenungleichheit fest, denn die Finanzierung von Nachhilfeunterricht oder teuren Hobbys seien nur für wohlhabendere Familien möglich. Zum Ausgleich würden in der Karmeliterschule Themenwochen mit Exkursionen angeboten. Außerdem stehe der neu gestaltete Schulhof - der einzige in Deutschland mit Minigolf-Anlage - den Schülern auch nachmittags, an den Wochenenden und den Ferien zur Verfügung - wohlgemerkt als einziger Spielplatz im Bahnhofsviertel.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr