Vor 40 Jahren mag die Heinrich-Lübke-Siedlung in Praunheim ein modernes Viertel gewesen sein, mit viel Grün, günstigen Wohnungen und U-Bahn-Anbindung. Mittlerweile aber ist sie deutlich in die Jahre gekommen. Der Zahn der Zeit hat an den sechsgeschossigen Wohnblöcke genagt, längst wirken sie wie eine DDR-Plattenbausiedlung. Die Wohnhäuser, das sieht jeder Besucher auf den ersten Blick, müssen saniert werden.
Und das werden sie auch. Aber nicht einfach mit neuer Fassadenfarbe und anderen kosmetischen Tricks. Die Heinrich-Lübke-Siedlung wird derzeit zu einem Vorzeigequartier umgebaut - ohne dass die Mieter ihre Wohnungen verlassen müssen. Der städtische Wohnungskonzert ABG Frankfurt Holding will in diesem Teil Praunheims vielmehr Baugeschichte schreiben: Zum ersten Mal in Frankfurt und vermutlich sogar in der ganzen Republik soll eine in die Jahre gekommene Siedlung, deren Häuser in den siebziger Jahren erbaut wurden, zu einem ökologischen Modellquartier aufgewertet werden, so wie es der Stadtplaner Albert Speer einst in seiner Studie „Frankfurt für alle“ vorgeschlagen hat. Nach und nach sollen dann auch andere sanierungsbedürftige Siedlungen wie etwa die Nordweststadt oder das Niederräder Mainfeld folgen.
70 Prozent weniger Energieverbrauch
„Nachhaltige Sanierung“ lautet für ABG-Chef Frank Junker der entscheidende Begriff. Er will am Beispiel des 600 Wohnungen umfassenden Quartiers in Praunheim nicht nur beweisen, dass man durch Dämmung und andere Maßnahmen den Energieverbrauch auf - und möglicherweise sogar unter - das Niveau einer neuen Siedlung senken kann. Er möchte auch allen Zweiflern zeigen, dass eine Siedlung mit einer gewissen sozialen Schieflage wieder ins Gleichgewicht gebracht werden kann. Noch ist die Sanierung des Wohngebiets an der Nidda allerdings nicht abgeschlossen. Gleichwohl sprechen Junker und Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), die gestern die Heinrich-Lübke-Siedlung inspizierte, von einem Erfolg.
Gemeint ist damit vor allem die Energie-Einsparung: Um 70 Prozent soll der Energie-Verbrauch der Wohnhäuser durch die Sanierung gesunken sein, der Ausstoß von Kohlendioxid sei sogar um 92Prozent zurückgegangen, lässt die ABG wissen. Möglich sei dies durch eine zehn Zentimeter dicke Dämmschicht für die Gebäude sowie durch den Einbau einer Wohnraumlüftung, über die Wärme zurückgewonnen werden kann. Zudem wird das alte Netz der Wärmeleitungen, über das bisher viel Wärme verloren geht, erneuert. Und schließlich wird auch eine Photovoltaik-Anlage errichtet - auf dem Dach des Parkhauses.
Ein Supermarkt und eine Apotheke
Nachhaltigkeit bedeutet im Falle der Heinrich-Lübke-Siedlung außerdem, dass die Bevölkerung des Quartiers wieder sozial ausgewogener wird. Aus einer Siedlung, in der überdurchschnittlich viele Rentner, Einwanderer und Hartz-IV-Empfänger wohnen, soll nun ein Wohngebiet werden, in das auch junge Familien mit gutem Einkommen ziehen. Sie sollen jene frei finanzierten und im Passivhaus-Standard geplanten 85 Wohnungen mieten, die die ABG Holding derzeit nach den Plänen des Architekturbüros Jo Franzke zum Beispiel neben dem früheren Quartierzentrum errichten lässt.
Dieses ist mittlerweile abgerissen worden und soll durch ein neues Zentrum ersetzt werden, das Platz bietet für einen 1000 Quadratmeter großen Supermarkt und für mehrere kleine Geschäfte wie zum Beispiel eine Apotheke oder einen Friseur. Auch an einen Platz haben die Planer gedacht, er soll das Herz des neuen Quartierzentrums bilden und wird über eine breite Treppe erreichbar sein.
Und wer soll das alles bezahlen
Vor einiger Zeit hat die ABG Holding Wachmänner mit Hunden Streife durch die Siedlung laufen lassen, nachdem alte Leute bedroht worden waren. Jetzt setzt die Wohnungsbaugesellschaft auf soziale Kontrolle. Um diese zu stärken, lässt sie die Eingänge der Häuser im Zuge der Sanierung so versetzen, dass sie von neu geschaffenen Innenhöfen abgehen, in denen sich die Mieter zwangsläufig begegnen. Deren Sicherheitsgefühl dürfte auch dadurch steigen, dass - wie man an den schon sanierten Gebäuden erkennt- die Treppenhäuser heller und einsehbarer geworden sind.
Und wer soll das alles bezahlen? Als den Bewohnern der Siedlung erste Pläne für die Sanierung ihres Quartiers bekannt wurden, kam bei manchem die Angst auf, das Wohnen werde dort nun unbezahlbar und die ABG wolle die alten Bewohner vertreiben. Tatsächlich werden die Mieten in den sanierten Häusern steigen, laut Junker um 80Cent je Quadratmeter. Allerdings werden gleichzeitig die Heizkosten um etwa 70 Cent je Quadratmeter sinken. Und steigen die Energiekosten in den nächsten Jahren weiter an, machen die Mieter durchaus ein gutes Geschäft.