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Heag arbeitet Geschichte auf Im Geschäftsbericht kein Wort von Fremdarbeitern

 ·  Darmstadts Stadtkonzern Heag hat zum Jubiläum erstmals seine NS-Vergangenheit beleuchtet. Vorstand Hoschek spricht von „Nazi-Laden“.

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Die Heag AG, Darmstadts Stadtkonzern mit 120 Beteiligungen und mehr als 3300 Mitarbeitern, feiert in diesem Jahr Jubiläum und hat aus diesem Anlass eine Festschrift vorgelegt. Verfasst hat sie Stadtarchivar Peter Engels, der auf 120 Seiten die Geschichte des Unternehmens skizziert - von der Gründung der „Hessischen Eisenbahn-Aktiengesellschaft“ am 15. April 1912 bis zum „Stadtkonzern der Gegenwart“, der sich gerade anschickt, wieder ein rein kommunales Unternehmen zu werden. Das Besondere an Engels’ 100-Jahr-Chronik ist dabei weniger die Darstellung der Heag-Innovationen. Die Festschrift behandelt vielmehr erstmals die Zeit zwischen 1933 und 1945.

Dieses Novum haben die beiden Heag-Vorstände Markus Hoschek und Klaus-Michael Ahrend bei der Präsentation hervorgehoben. Es sei ein besonderes Anliegen, „zum Hundertjährigen des Unternehmens auch dieses Kapitel der Heag-Historie zu beleuchten“, sagte Hoschek. Die Festschriften zum 50. und 75. Jubiläum hätten diesen Zeitabschnitt stets „großzügig umgangen“. Für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sei die Quellenlage für Engels nicht einfach gewesen. Zwar seien die Geschäftsberichte jener Jahre durchgehend vorhanden. Andere Unterlagen aber fehlten. Hoschek vermutet, dass diese erst nach 1945 vernichtet wurden und nicht in der Darmstädter Brandnacht im September 1944, bei der 80 Prozent der Innenstadt zerstört wurden und mehr als 11.000 Menschen starben.

„Immer für die NS-Ideologie“

Die Nationalsozialisten hatten sich der Heag schnell bemächtigt. Wie viele Beschäftigte aus politischen Gründen oder weil sie Juden waren, ihren Arbeitsplatz verloren, konnte Darmstadts Stadtarchivar mangels Unterlagen nicht mehr recherchieren. Deutlich belegt sind aber die Veränderungen im Aufsichtsrat. Dort wurden mehrere Mitglieder durch Stadtverordnete der NSDAP sofort nach 1933 ersetzt. Der Vorstandsvorsitzende Gustav Brandis trat der Partei nach der Gleichschaltung bei und setzte sich Engels zufolge „immer für die NS-Ideologie“ ein. Das Unternehmen selbst wurde mit NS-Betriebszellen durchorganisiert, von 1937 an erschien als Mitarbeiterzeitung „Der Heag-Kamerad“, die hauptsächlich der Vermittlung der NS-Ideologie diente.

Die Umwandlung der Heag in einen „Nazi-Laden“ (Hoschek) hatte nach Engels strategische Gründe. Energieproduktion sei für die Nationalsozialisten als Schritt zur Aufrüstung wichtig gewesen, aber auch als Bestandteil der NS-Familienpolitik verstanden worden. So organisierte die Heag beispielsweise „Werbefeldzüge“, um Interesse an Stromanschlüssen und elektrischen Haushaltsgeräten zu wecken. Auch für den Einsatz von Elektromotoren wurde Propaganda gemacht, um Deutschland von ausländischen Öllieferungen unabhängiger zu machen.

Zwangsarbeiter im Straßenbahnbetrieb

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges schloss die „Hessische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft“, wie das Unternehmen inzwischen hieß, die Werbeabteilung, da es wegen des Krieges an Mitarbeitern mangelte. Ende 1941 waren der Betrieb der Straßenbahn und die Stromversorgung nur noch mit Hilfe von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aufrechtzuerhalten. Nach den unvollständig überlieferten Listen hat die Heag zwischen 1941 und 1945 etwa 52 Belgier, 15 Männer und zwei Frauen aus den Niederlanden, 55 Italiener und 27 Franzosen als Zwangsarbeiter beschäftigt. Dazu kamen von 1942 an russische Kriegsgefangene, die in einem Lager auf dem Werksgelände am Böllenfalltor untergebracht waren. Im Dezember 1942 war Engels zufolge das Lager mit 40 Russen belegt, die aber bald wieder abgezogen wurden. Als Ersatz seien wenige Monate später 24 weitere Russen gekommen, von denen einer 1943 beim Oberleitungsbau verunglückt und ums Leben gekommen sei. Von Fremdarbeitern war in den Geschäftsberichten nie die Rede. Dort wird die „Einsatzbereitschaft unserer Gefolgschaft“ gelobt.

Die Untersuchungen zur Verstrickung der Heag in die NS-Zeit kommen vergleichsweise spät. Der frühere Oberbürgermeister Peter Benz (SPD) hatte schon 1999 die Initiative zu Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter ergriffen, die während des Krieges in Darmstadt im Einsatz waren. Im Jahr 2000 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, ihnen jeweils 10.000 Mark zu zahlen. 2011 kam es zu einem Besuch von einem Ukrainer, drei Holländern und drei Franzosen. Sie erhielten die städtischen Entschädigungen für ihre „geleisteten Frondienste“, wie Benz damals sagte.

Die Festschrift „100 Jahre Heag“ steht im Internet unter www.heag.de bereit.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1958, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

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