http://www.faz.net/-gzg-8x7mi

Hauptstadt des Verbrechens? : Berlin, you’re fake!

Exemplarisch für Kriminalität in Frankfurt: Polizisten durchsuchen einen Verdächtigen nach Drogen Bild: dpa

Wer ist in Deutschland die Hauptstadt des Verbrechens? Frankfurt lässt sich viel, aber nicht alles gefallen. Schon gar nicht von der Hauptstadt.

          Angefangen hat es mit der lächerlichen Entscheidung, die märkische Provinzmetropole zum gesamtdeutschen Regierungssitz zu machen. Dabei weiß doch jedes Kind, dass deutsche Könige und Kaiser seit dem Mittelalter am Main gekrönt worden sind. Und später, als in Berlin noch irgendein Friedrich oder Wilhelm oder Friedrich Wilhelm mit seiner von der Schwäbischen Alb zugewanderten Sippschaft Hof hielt, hatten die Frankfurter schon eine Nationalversammlung. Nur mal so zur geschichtlichen Einordnung.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wir stolzen Hessen können auch prima damit leben, dass Nischenverlage wie Suhrkamp an die Spree ziehen, wenn sie der geistigen Dynamik in der Mainmetropole nicht mehr gewachsen sind. Die Fakten sprechen für sich. Man denke nur an Sony Music: Nachdem das Unternehmen die pulsierende Rhein-Main-Region verlassen hatte und in einem architektonisch einfallslosen Funktionsbau am Potsdamer Platz untergekommen war, ging es mit dem Plattenverkauf steil nach unten. Oder die Deutsche Bahn: Als sich die Chefetage des Staatsunternehmens noch in Frankfurt befand, da konnte man nach den Zügen die Uhr stellen. Ganz sicher hätte es in der Bankenmetropole auch mit dem Börsengang geklappt.

          Mal bei Angela Merkel reinschneien

          Aber wie gesagt, das juckt uns alles wenig. Wenn der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Backzutatenverbands ein Büro in Laufweite des Reichstags braucht, um schnell mal bei Angela Merkel reinschneien zu können – bitte schön. Aber irgendwo ist Schluss. Zum Beispiel, wenn gewisse Medien die Meldung verbreiten, dass Berlin jetzt die Hauptstadt des Verbrechens sei. Diesen Titel haben wir uns hart erarbeitet, und wir werden ihn nicht aufgeben, weil irgendwelche Statistiker ausgerechnet haben wollen, dass die Kriminalitätsrate an der Spree neuerdings höher liegt als am Main.

          Wozu haben wir denn den größten Airport Deutschlands? Kein kolumbianischer Drogenboss, der etwas auf sich hält, würde sich in Tegel erwischen lassen. Oder die Banken, die nicht ohne Grund in Frankfurt ihren Sitz haben. Berlin ist bekanntlich so pleite, dass dort schon von Wirtschaftskriminalität die Rede ist, wenn eine Prenzlberg-Mutti ihr Lieblingscafé verlässt, ohne den Sojamilch-Cortado bezahlt zu haben. Völlig rätselhaft, woher da die 16.161 Straftaten je 100.000 Einwohner kommen sollen, die sich laut der von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gestern vorgestellten Statistik im vergangenen Jahr in Berlin ereignet haben sollen.

          Aber es kommt noch absurder: Den zweiten Platz der Rangliste nimmt Leipzig mit 15.811 registrierten Straftaten ein, auf dem dritten Platz folgt – man höre und staune – Hannover mit 15.764 Taten. Erst auf Platz vier liegt der langjährige Spitzenreiter Frankfurt mit 15.671 Delikten – im vorhergehenden Jahr waren es noch 16.550, davor sogar knapp 17.000.

          Glaubt man de Maizière, dann droht die Mainmetropole noch weiter abzufallen, langfristig sogar auf Münchner Niveau. Die hessische Nachbarstadt Wiesbaden steht schon jetzt auf dem viertletzten Platz der Kriminalitäts-Tabelle und ist damit dem bajuwarischen Schlusslicht bedenklich nahe gekommen. Auch die ländlichen Teile Hessens können sich dem Trend nicht entgegenstellen, im Gegenteil: Nach den Behauptungen des Bundesinnenministers lebt es sich lediglich in Baden-Württemberg sicherer als bei uns.

          De Maizières Zahlentricksereien

          Aber wie heißt es so schön? Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Wir sind also ins Internet gegangen und haben aus absolut zuverlässigen Quellen auf irgendwelchen flugs zusammengegoogelten Seiten erfahren, dass es sich um eine Verschwörung handelt.

          De Maizières Zahlentricksereien dienen ganz offenbar nur dazu, dem tadellosen Ruf des langjährigen Champions Frankfurt zu schaden! Zudem gibt es ernstzunehmende Hinweise darauf, dass sich die Sache ein 34 Jahre alter Praktikant aus einer Friedrichshainer PR-Agentur ausgedacht hat. Er soll vom Senat den Auftrag bekommen haben, der drögen Hauptstadt ein „gefährlicheres“ Image zu verpassen – mit dem hübschen Nebeneffekt, zur angeblich notwendigen Kriminalitätsbekämpfung noch mehr Geld aus dem Länderfinanzausgleich abzapfen zu können.

          Dem wohl nicht zufällig an der Spree residierenden Bundesinnenminister de Maizière, seinen behördlichen Statistikern und der ganzen Hauptstadt-Mischpoke sei deshalb mit den unsterblichen Worten des amerikanischen Präsidenten gesagt: „You’re fake news!“ Wir aber werden dem in seiner Verschlafenheit doch irgendwie sympathischen Städtchen kurz vor der polnischen Grenze demnächst mal wieder einen Besuch abstatten. Das T-Shirt „Frankfurt – Hauptstadt des Verbrechens“ liegt schon im Koffer.

          Weitere Themen

          Ryanair-Streik Video-Seite öffnen

          600 Flugausfälle : Ryanair-Streik

          Davon betroffen seien fast 50.000 Kunden, die von und nach Belgien, Portugal und Spanien reisen wollten. Das Ryanair-Kabinenpersonal aus ganz Europa will mit dem Ausstand unter anderem höhere Löhne und Krankengelder durchsetzen.

          Topmeldungen

          Mesut Özil verabschiedet sich mit einem Rundumschlag aus der Nationalmannschaft

          Rücktritt von Mesut Özil : Abrechnung in drei Akten

          Der Rücktritt von Mesut Özil und viel mehr noch seine Begründung sind ein fatales Zeichen, für den deutschen Fußball, für die deutsche Gesellschaft. In vielem ist der Weltmeister von 2014 jedoch über das Ziel hinausgeschossen. Ein Kommentar.

          Weißhelme in Syrien : Die schwierige Rettung der Retter

          In einer spektakulären Aktion wurden mehrere hundert „Weißhelme“ aus Syrien gebracht. Die Zeit zur Rettung der Zivilschützer war knapp geworden. Acht von ihnen werden mit ihren Familien nach Deutschland kommen.

          Steve Bannon : Ein Schurke für Europa

          Der einstige Chefstratege von Donald Trump, Steve Bannon, will die Nationalisten des alten Kontinents vereinen. Sein Ziel scheint klar: Die Zerstörung der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.