HandballJan Gorr wirkte blass und ein wenig stiller als sonst, als er nach dem Handball-Bundesligaspiel zwischen dem TV Großwallstadt und dem TV Hüttenberg zur Pressekonferenz erschien. Es war nicht so sehr die 27:32-Niederlage gegen die Mainfranken, die Gorr bedrückte. Abgestiegen waren die Hüttenberger schon am Mittwoch, als die HSG Wetzlar den VfL Gummersbach besiegte und sich damit den Verbleib in der Bundesliga sicherte. Gorr war am Mittwoch auch in Wetzlar, um sich mit seinen künftigen Arbeitgebern zu treffen - dachte der Hüttenberger Trainer zumindest. Aber es gab eine andere, äußerst überraschende Nachricht.
Ende November hatten sich Gorr und der VfL auf einen Dreijahresvertrag geeinigt. Doch Axel Geerken, der Gummersbacher Geschäftsführer, und dessen Aufsichtsratsvorsitzender Götz Timmerbeil, mit denen sich der 34 Jahre alte Hüttenberger am Mittwoch traf, machten eine verblüffende Kehrtwende. „Mit Jan Gorr hatten wir zur neuen Saison bereits einen erstklassigen Trainer verpflichtet“, erklärte Timmerbeil später und ließ die entscheidenden Worte folgen. „Doch unter Berücksichtigung des erfolgreichen Zusammenwirkens von aktuellem Trainer und Mannschaft haben wir uns für die weitere Zusammenarbeit mit Emir Kurtagic entschieden.“ In Hüttenberg hat der Rücktritt vom Vertrag mit jenem Trainer, der als Motor der Erfolge der vergangenen Jahre gilt, den Dorfverein bis in die Bundesliga geführt und sich dort trotz des Abstieges wacker geschlagen hatte, großes Unverständnis ausgelöst. „Wenn das die Art und Weise ist, wie im Handball inzwischen mit Menschen umgegangen wird, finde ich das beschämend“, sagte Lothar Weber, der Hüttenberger Geschäftsführer. Am Donnerstag hatte Gorr ihm von dem Gespräch mit den Gummersbachern berichtet. Weber, ein Handball-Funktionär des alten Schlages, grollte und machte seinem Unmut über den Gummersbacher Wortbruch Luft: „So kann das nicht weitergehen.“ Gorr war in Absprache mit dem TVH erst später an die Öffentlichkeit gegangen. Vermutlich auch, um nicht noch mehr Schaden anzurichten. Im November, sagte er am Samstag, sei sein Wechsel nach Gummersbach „durch eine Indiskretion bekannt geworden. Meine Mannschaft hat davon aus der Zeitung erfahren“. Derartiges wollte er nun vermeiden. Also sprach Gorr zunächst mit seinem Team - und erst dann mit der Presse.
Jüngste Erfolge als Grund
„Durch Gummersbach ist in unserer Mannschaft Ende November, Anfang Dezember viel Unruhe aufgekommen“, sagte TVH-Chef Weber. „Vielleicht hat uns das sogar zwei, drei Punkte gekostet.“ Das Wort Wettbewerbsverzerrung lag in der Luft - offiziell benutzen wollte es aber niemand. Dass Gorr beim VfL Gummersbach Ansprüche geltend machen wird, liegt auf der Hand. „Ich habe einen Vertrag“, sagte er und zog die Augenbrauen nach oben. Am 9. Juli hatte er seinen neuen Job beim Traditionsklub im Bergischen Land antreten wollen. Nun bleiben ihm keine anderen Worte als: „Wir werden sehen.“ Seine Stelle in Hüttenberg ist bereits besetzt, dort wird der einstige Großwallstädter Bundesligaprofi Heiko Karrer die Mannschaft betreuen. Verblüfft war man auch bei der Handball-Bundesliga (HBL) über den VfL. „In den neun Jahren, in denen ich Geschäftsführer der HBL bin, habe ich so etwas nicht erlebt“, sagte Frank Bohmann. Gummersbach hatte die Lizenz für die Bundesliga - genau wie der TV Großwallstadt - erst am Donnerstag erhalten, da noch eine Liquiditätslücke gefüllt werden musste. Dass der VfL sich einen Tag vorher mit dem Rücktritt vom Vertrag mit Gorr vermutlich weiteren finanziellen Druck aufgeladen hatte, war bei der Liga zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Bohmann will das Gummersbacher Verhalten dennoch nicht einordnen und erst einmal abwarten. Klärungsbedarf in dieser Hinsicht besteht sicherlich. Grundsätzliche Bedenken hat der HBL-Chef aber schon: „Wenn das jetzt die Kultur in der Liga ist, begrüße ich das nicht.“
Der VfL führte als Erklärung für seinen Schritt die jüngsten Erfolge seines Trainers Kurtagic an. Und Geerken, der Gummersbacher Geschäftsführer, versuchte zu beschwichtigen: „Es ist definitiv keine Entscheidung gegen Jan Gorr, sondern für Emir Kurtagic.“ Die Verwunderung ist dennoch groß: „Ich verstehe so etwas überhaupt nicht“, sagte Peter David, der Großwallstädter Trainer, kopfschüttelnd. Und Jan-Steffen Redwitz, der Hüttenberger Torwart, sagte: „Verträge haben etwas mit Ehrlichkeit zu tun.“ Sein Mannschaftskollege Sebastian Weber befand: „Ich finde es sehr, sehr zweifelhaft, dass man diesem Verein die Lizenz für die kommende Saison erteilt hat.“ In der kommenden Woche machen sich die Hüttenberger Spieler auf den Weg nach Mallorca, um dort das kurze Abenteuer Bundesliga zu feiern. Bei der Frage, ob er denn auch dabei sei, fand Gorr sein für ihn typisches, verschmitztes Lächeln wieder: „Ich habe immer gesagt, dass ich nur mitfahre, wenn ich kein Hüttenberger Trainer mehr bin. Also komme ich mit.“

