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Hanau : Erste Frau unter 80 Bäderlotsen

Noch allein unter Männern: Die Syrerin Rozen Nakkashieh informiert in Hanaus Bädern über Gebräuche und Regeln. Bald bekommt sie weibliche Verstärkung. Bild: Rainer Wohlfahrt

In Hanauer Freibädern wollen Flüchtlinge anderen Flüchtlingen die Sitten erklären. Damit sie nur im wörtlichen Sinne baden gehen.

          Wenn die Syrerin Rozen Nakkashieh künftig am Beckenrand der Hanauer Freibäder Lindenau und Heinrich Fischer steht, wird nicht nur sie Erfahrungen machen, die in ihrem Heimatland so kaum möglich gewesen wären. Die junge Frau wird als eine der ersten Hanauer Bäderlotsen ihren Landsleuten und auch Flüchtlingen anderer Nationalitäten vermitteln, welche Baderegeln es in einem deutschen Schwimmbad einzuhalten gilt, was erlaubt ist und was nicht. Selbstverständlich wird Rozen nicht nur Frauen auf ein mögliches Fehlverhalten aufmerksam machen, sondern sie wird auch versuchen, Männern auf freundliche Art und Weise und, wenn es sich ergibt, in der Muttersprache die Gepflogenheiten im Freibad nahezubringen.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Die junge Syrerin ist die erste Frau im Team der 80 Teilnehmer umfassenden Bäderlotsen, die überwiegend aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Pakistan stammen. Doch Bäderchef Uwe Weier kann der neuen Bäderlotsin Mut machen: In wenigen Tagen wird die Gruppe um zehn Frauen verstärkt, kündigt er an, so dass sich das rechnerische Verhältnis von Männern und Frauen ein Stück weit verbessert.

          Einzigen Lotsen in Deutschland

          Das Projekt wurde nach seinen Worten nicht deshalb begonnen, weil es in den Hanauer Bädern zu Zwischenfällen mit Gästen aus der Landesunterkunft und der kommunalen Flüchtlingseinrichtung in der Sportfield Housing gekommen wäre. Lediglich zwei einheimische Badegäste hätten sich seit Beginn der Freibadsaison über das Verhalten von Flüchtlingen beschwert. Dabei habe es sich aber um Kleinigkeiten gehandelt, die schnell behoben worden seien. Die Bäderlotsen würden präventiv eingesetzt, um das gute Miteinander zu bewahren.

          Soweit Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) weiß, sind die Hanauer Lotsen bisher die einzigen in Deutschland. So funktioniert das Modell: Mit einer Einweisung und einer Probephase, sogenannten Praxistagen, werden die Lotsen auf ihre Aufgabe vorbereitet und bekommen danach einen Ausweis ausgestellt. Um sie bei ihren Einsätzen in den beiden städtischen Freibädern zu erkennen, tragen sie ein weißes oder ein graues T-Shirt mit einem Symbol, das zwei Hände zu einem Herz vereinigt. Die weißen Oberteile sind für den Einsatz direkt am Becken gedacht, die grauen für Kasse, Cafeteria, Umkleiden und sanitäre Einrichtungen. Sie werden Badegästen aus fernen Kulturen sagen, dass man sich vor dem Schwimmen duscht, es nicht erlaubt ist, vom Beckenrand zu springen, und man jederzeit Rücksicht auf andere nimmt. Männlichen Flüchtlingen gilt es klarzumachen, dass das Tragen von Bikinis für hiesige Frauen selbstverständlich und kein Hinweis auf deren Freizügigkeit ist.

          „Sprachlos gegen Sprachlosigkeit“

          Zur Unterstützung von Lotsen und Bademeistern haben die Bäderbetriebe ein „Versteh-Video“ angeschafft, das unter dem Titel „Sprachlos gegen Sprachlosigkeit“ an den Kassen in Endlosschleife läuft, aber auch über Tablets am Beckenrand gezeigt werden kann. In einfacher pantomimischer Form führen stilisierte Comicfiguren eine Reihe von Baderegeln vor. Laut Kaminsky sollen je nach Wetter im Juli und August bis zu fünf Lotsen in einem Bad zu finden sein. Dafür werden genaue Dienstpläne aufgestellt. Ob die Lotsen im Herbst und Winter auch in die Hallenbäder kommen, steht noch nicht fest. Außer einer Busfahrkarte gibt es für diese Mitarbeiter keine Entlohnung. Wenn ihr Dienst zu Ende ist, dürfen sie zum Schwimmen im Bad bleiben. Alle übrigen Flüchtlinge zahlen laut Weier den üblichen Eintrittspreis.

          Eingebunden sind die Bäderlotsen in das übergeordnete Projekt „Help the helpers“, das von Flüchtlingen in Hanau angestoßen und gemeinsam mit der Verwaltung getragen wird. Dahinter steht laut Kaminsky der Wille der Hilfesuchenden, etwas von dem zurückzugeben, was sie von ehrenamtlichen Helfern bekommen haben. Drei Syrer und zwei Afghanen bilden die Anlaufstelle in der Sportsfield Housing für Flüchtlinge, die mit anpacken wollen. Dabei kann es um das Anlegen eines Hochbeets gehen, um Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, die Begleitung zu Arzt- und Behördengängen, den Empfang von Neuankömmlingen und die Organisation von Sportturnieren.

          Ein erster größerer Einsatz der Mitglieder von „Help the helpers“ fand laut Kaminsky vor wenigen Tagen beim traditionellen Lamboyfest in der Hanauer Altstadt statt. Dabei hätten die Helpers beispielsweise jede Menge damit zu tun gehabt, anderen Flüchtlingen das System der Pfandbecher verständlich zu machen.

          Ein Dienstplan stellt sicher, dass stets mindestens ein Helfer aus ihren Reihen zur Verfügung steht und schnell verständigt werden kann. Wer, wie die Bäderlotsen, regelmäßig mitmachen will, wird zum ehrenamtlichen Mitarbeiter der Stadt Hanau. Die Helfer unterzeichnen ein Abkommen, in dem sie sich unter anderem zu freundlichem und vertrauenserweckendem Verhalten sowie Pünktlichkeit verpflichten. Die Arbeitseinsätze werden dokumentiert und können zum Beispiel bei der Arbeits- und Wohnungssuche als Referenz genutzt werden.

          Quelle: F.A.Z.

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