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Ehepaar baut Kunsthalle : Ein Haus der Kunst im Taunusdorf

Es ist eines der ungewöhnlichsten Projekte der vergangenen Jahre, zumindest im Taunus: Private Sammler haben in der Provinz eine Halle für zeitgenössische Werke eröffnet.

          Sie ist ein Blickfang und irgendwie auch eine Provokation: „Täter - Opfer - Held“ heißt die imposante Skulptur des Berliner Künstlers Hans Scheib, die vor allem Fragen aufwirft und Besucher zum Nachdenken über „Gewaltsteuerung, traditionelle Werte und den schleichenden Normenverfall“ anregen soll. So formuliert es der Ausstellungskatalog, der zur Eröffnung des bemerkenswertesten privaten Bauprojektes der vergangenen Jahre im Rheingau-Taunus erschienen ist.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.

          Ein Wohnhaus hatten Irene Haas und Ulrich van Gemmern in Niederlibbach schon. Nun haben sie auch noch eine eigene Ausstellungshalle, um ihrer Leidenschaft für moderne Kunst öffentlich nachvollziehbar Ausdruck zu geben. Vor wenigen Wochen wurde das Kunsthaus Taunusstein eröffnet, und mehr als 500 Besucher haben sich die Schau bislang angesehen.

          Niederlibbach - eine beschauliche Schlafstätte im Grünen

          Ausgerechnet Niederlibbach: Dass es sie einmal in diesen nördlichsten Taunussteiner Stadtteil verschlagen würde, hätten sich die beiden Kunstenthusiasten nicht träumen lassen. Schließlich kannten sie das Dorf nicht, als sie auch wegen der Nähe zu den eigenen Unternehmen in Eltville-Martinsthal zunächst im Rheingau ein Haus suchten. Weil das erfolglos blieb, weiteten sie die Immobiliensuche schließlich in den Untertaunus aus.

          Fündig wurden sie 2004. Zunächst schätzten sie Niederlibbach - wie so viele andere Pendler - nur als beschauliche Schlafstätte im Grünen. Das änderte sich, als sie beide Unternehmen verkauft hatten und neuen Raum für die stark gewachsene Sammlung zeitgenössischer Kunst suchten. Im Mainzer Depot sollten die Bilder und Skulpturen jedenfalls nicht lange bleiben.

          Sammler überlassen nichts dem Zufall

          Schließlich hatten sie den Gedanken, ein Haus für die eigene Kunst nahe dem Wohnhaus zu bauen. Daraus entstand ein Projekt, das Eigendynamik entwickelte und immer größer und auch immer teurer wurde. Herausgekommen ist ein kleines, ebenso auffälliges wie gelungenes Ausstellungsgebäude für Bilder und Skulpturen am Ortseingang von Niederlibbach. Ein großzügiges, 21 mal 15 Meter großes Haus der Kunst mit einer Schaufläche von 600 Quadratmetern auf zwei Ebenen. Das im April eröffnete Haus bietet also reichlich Platz und kann zur gleichen Zeit doch nur etwa ein Fünftel der umfangreichen privaten Sammlung aufnehmen. Dennoch soll der eigens verpflichtete Kurator Christoph Tannert zwei- bis dreimal im Jahr eine neue Ausstellung konzipieren, obwohl Aufwand und Kosten hoch sind. Denn Haas und van Gemmern überlassen nichts dem Zufall, selbst für das Aufhängen und Aufstellen der Bilder und Skulpturen werden Profis verpflichtet, wie sie auch die Kunsthalle Schirn in Frankfurt für ihre Präsentationen engagiert.

          Leidenschaft für moderne Kunst: Irene Haas und Ulrich van Gemmern
          Leidenschaft für moderne Kunst: Irene Haas und Ulrich van Gemmern : Bild: Cornelia Sick

          Die beiden Sammler folgen seit 20 Jahren keiner festen Strategie, keinem vorgegebenen Thema. „Das ist oft eine Sache des Augenblicks“, beschreibt van Gemmern impulsive Kaufentscheidungen. Manche Bilder erwirbt das Paar bei Atelierbesuchen sogar in halbfertigem Zustand - so die Pariser Barszene von Reinhard Stangl, den Haas und van Gemmern ebenso schätzen wie andere Künstler aus dem kreativen Umfeld der Hochschulen für bildende Künste in Dresden und Berlin.

          Könnte „ein kleiner Hotspot werden“

          Es sind fast nur großformatige Werke, für welche die beiden Sammler ihr Kunsthaus - auch architektonisch - konzipiert haben. Die Barszene ist immerhin drei Meter breit, die „Terrasse“ der südkoreanischen Künstlerin Seo Soo-kyoung misst 2,50 mal 2,50 Meter, und Helge Leiberg breitet sein Werk „Getrieben“ auf opulenten 2,50 Meter mal 2,80 Metern aus. Zu den künstlerischen Höhepunkten der Ausstellung zählt das nicht minder große Bild „Die neue Illusion zerstört Euch“ des gebürtigen Dresdners A. R. Penck.

          Das Ausstellungsgebäude für Bilder und Skulpturen
          Das Ausstellungsgebäude für Bilder und Skulpturen : Bild: Cornelia Sick

          „Wir fühlen uns wohl damit“, beschreibt Haas ihre Empfindungen in den ersten Wochen nach der Eröffnung des Kunsthauses, das jeden Mittwoch, Freitag und Sonntag für zwei Stunden öffentlich zugänglich ist. Kurator Tannert erwartet, dass ein solches Kunsthaus „den Organismus des Ortes belebt, sein Lebensgewebe vitalisiert“ und die Ortsmitte animiert.

          Das ist auch der Wunsch der Bauherren, die ihr Haus behutsam öffnen, beispielsweise auch für Lesungen. Für Tannert, den künstlerischen Geschäftsführer des Künstlerhauses Bethanien in Berlin, der als erfahrener Organisator von Ausstellungen mit dem Schwerpunkt Gegenwartskunst gilt, birgt das Kunsthaus in der Provinz jedenfalls einen beachtlichen Schatz: „Damit hat es das Zeug, ein kleiner Hotspot zu werden.“ Und das ausgerechnet in Niederlibbach.

          Informationen zum Kunsthaus gibt es unter www.kunsthaus-taunusstein.de.

          Quelle: F.A.Z.

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