Wenn Jürgen erst ins Denken kommt, dann hat er gleich die Wut im Bauch. Gegen die Griechen, den Typen vom Ordnungsamt und überhaupt. „Müssen die einem das Leben so schwermachen? Ich glaub’ es nicht. Alles Mist.“ Mit einem Kugelschreiber kritzelt er etwas auf ein Stück Papier. Vielleicht wird es ein Schlachtplan, wie er gegen alles und jeden zu Felde ziehen wird. Er trinkt noch einen Schluck Bier, blickt durch das kleine Fenster hinaus zum Osthafen und fragt: „Zöhre, was machst du eigentlich, wenn es mich nicht mehr gibt?“ Zöhre Gürzoglu steht in der Küche und wendet die Frikadellen, die so groß sind wie ihre Handflächen. „Ach Jürgen, du hast nur einen schlechten Tag. Du stirbst schon nicht.“ Jürgen nickt und versinkt wieder in seinen Gedanken. Wie sich alles um ihn herum verändert hat, der Hafen, die Straßen, die ganze Stadt, nur er über die Jahre der Gleiche geblieben ist. Und er denkt daran, wie froh er ist, dass es seine Kneipe „Zur Insel“ gibt und dass darin seine Zöhre steht, die auch um elfUhr morgens schon ein Bier für ihn hat.
Früher, als es noch keine Gerüchte vom Ende der Hildebrandmühlen gab und die Honsellbrücke noch grün und verrostet war, gab es um diese Zeit schon längst keine belegten Brötchen mehr in der Kneipe. Heute liegen noch drei mit Mett und Zwiebeln und fünf mit Käse hinterm Tresen. „Der Hafen hat sich sehr verändert“, sagt Zöhre Gürzoglu, und ihr rundes, freundliches Gesicht wird für einen Moment ernst. Manchmal fährt sie abends auf dem Nachhauseweg an der Hanauer Landstraße entlang. „Da fühl’ ich mich wie eine Ameise. So klein“, sagt sie und lässt zwischen Daumen und Zeigefinger zweiZentimeter Luft. Sie beobachtete das alles bisher aus zweiter Reihe, von der Schmickstraße aus, an der ihre Kneipe steht, die sie seit 17Jahren führt. Doch jetzt ragen links von ihr die Türme der EZB in den Himmel, die Marke von 100Metern haben sie weit überschritten. „Für arme Leute ist hier dann kein Platz mehr“, sagt die Wirtin und fügt mit Blick auf Jürgens Rücken hinzu: „Vielleicht sind ich und die Kneipe dann auch weg.“
Mit zehn Jahren kam sie aus der Türkei nach Deutschland
Um achtUhr schließt Zöhre Gürzoglu die Tür auf. Da rasen die Lastwagen schon seit drei Stunden an ihrem kleinen blauen Häuschen vorbei, das sich zwischen einen ehemaligen Bunker und eine Spedition quetscht. Sie schmiert dann Brötchen und setzt die Sauce für das Gulasch auf. Danach kommen die Nudeln und die Bratkartoffeln. Offiziell schließt sie um 22Uhr, aber sie sperrt erst dann zu, wenn der letzte Gast gehen will. Da ist es manchmal schon Nacht. „Ich kann die Jungs doch nicht wegschicken. Für die ist das Entspannung hier.“ Eine andere Kneipe gibt es im Osthafen nicht, nur ein paar Imbisse, aber die schließen schon um 15Uhr. Dann kommen alle zur „Insel“.
Zöhre Gürzoglu wollte nie in die Gastronomie, aber ihr früherer Ehemann überredete sie schließlich doch. Sie ist gelernte Schneiderin. Mit zehn Jahren kam sie mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Als sie die „Insel“ übernahm, hat sie die Toiletten renoviert, der Rest blieb, wie er war. Die Holzvertäfelung an den Wänden ist belegt mit dem Qualm und Dreck eines halben Jahrhunderts, so lange gibt es die „Insel“ schon. Die dunkle Kassettendecke lässt den Raum noch niedriger erscheinen, als er eh schon ist.
Der frühere Polizist kommt vorbei
Langsam beginnt das Mittagsgeschäft. Männer in Warnwesten und mit schmutzigen Händen kommen durch die Schwingtür, gehen erst auf die Toilette, setzen sich dann an einen der freien Tische und bestellen Schweinegulasch mit Nudeln und dazu einen Kaffee für zusammen 7,10Euro. Damit fangen fast alle hier an. Nur Jürgen nicht. Der sitzt die ganze Zeit etwas muffelig an seinem Tisch, neben ihm liegt ein Skatblatt. Dann kommt Theo durch die Schwingtür. „Auf Theo trinke ich erst mal einen Wodka“, ruft Jürgen durch den ganzen Raum, und Zöhre schenkt ein. Theo gibt ihr zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange. „Was macht dein Rücken?“ „Joa, ist noch da“, sagt er und sucht sich sein Lieblingsglas aus dem Regal hinter dem Tresen. „Theo, mein Bester, gut, dass du da bist“, sagt Jürgen, nachdem er das Schnapsglas mit einem Zug geleert hat. „Ich habe einen neuen Witz.“ „Den mit dem polnischen Hilfsarbeiter im Himmel?“ „Kennst du den etwa schon?“ „Du hast ihn mir letzte Woche erzählt.“ „Ach so“, sagt Jürgen und macht eine kurze Pause. Dann setzt er wieder an: „Also, treffen sich bei Petrus im Himmel ein...“ Zöhre stellt Theo eine Tasse Kaffee vor die Brust.
Einen Tisch weiter, direkt gegenüber der Toilette, geht es um Container. Dann klopft Günther mit der Faust auf die Tischplatte und wünscht „Mahlzeit“. Günther kennen hier alle, er war früher bei der Wasserschutzpolizei. Zöhre sagt: „Der Günther ist ein guter Mann.“ Zwischen der Kneipe und seiner alten Wache am Hafenbecken liegen nur 100 Meter.
Viele treibt die Langeweile
Bevor er pensioniert wurde, kam er immer mal wieder vorbei, um hallo zu sagen und um sich im Winter aufzuwärmen. Nach Feierabend bestellte er manchmal ein alkoholfreies Bier - und Zöhre stellte ihm eines mit Alkohol hin. „Es sind halt echte Leute hier“, sagt Günther. Theo, der als Einziger ein gebügeltes Hemd trägt, Jürgen, der irgendetwas Mysteriöses am Bein hat, und die Frau am hintersten Tisch mit den viel zu hohen roten Schuhen. Vor ihm als Polizisten hätten sie Respekt gehabt, das schon, aber man sei ordentlich miteinander umgegangen. „Man ist ja auch Mensch“, sagt Günther.
Früher kamen Jürgen und die anderen noch hierher, weil es ihnen Spaß machte. Jetzt treibt sie die Langeweile. Die Anekdoten von früher werden von Bier zu Bier besser und bunter. Früher waren sie alle noch schwarz, sagt Jürgen. Weil der Osthafen da noch von den vielen Kohlebetrieben bevölkert war. Die gibt es schon lange nicht mehr. Jürgen erinnert sich weiter: „Den Fliesenboden hier, den gab’s da auch nicht. Bretter lagen da.“ Und vor der „Insel“ führte noch eine Dorfstraße entlang. Heute gibt es sogar Bürgersteige.
Der Osthafen habe sich zum Positiven verändert
Zöhre mag Günther, weil er immer eine Geschichte zu erzählen hat. Dafür macht die Wirtin ihm zwei Spiegeleier, die bekommt er nur hier, weil seine Frau sie ihm verbietet: „Cholesterin“, flüstert Günther vielsagend. Diesmal berichtet er von einer Kreuzfahrt über den Atlantik. Sein Kapitän von damals setzte nun die Costa Concordia auf einen Felsen. Er wollte eben der Frau ein bisschen imponieren, sagt Günther. In der „Insel“ ist einem nichts Menschliches fremd.
In einem seiner 30 Dienstjahre wurden er und seine Kollegen nachts vom Pächter der „Insel“, Zöhre Gürzoglus Vor-Vorgänger, gerufen. Er schlief unter dem Tresen und bekam mit, wie ein Einbrecher einstieg. Der rannte gleich weg, als er merkte, dass er nicht allein war. „Den haben wir nicht bekommen, ärgerlich“, sagt Günther. Früher hätten noch viele Obdachlose unter den Rampen gelegen. „Das gibt es heute nicht mehr, das ist doch gut.“ Der Osthafen habe sich ganz positiv verändert, meint er.
Die Männer am Skat-Tisch sind da schon verschwunden in einer Wolke aus Zigarettenrauch, Kaffeedampf und Schimpfwörtern. Am Ende des Tages stehen Jürgen, Theo und die anderen auf und merken, wie schwer ihre Köpfe geworden sind. Aber das macht nichts. Es ist nicht schlimmer als sonst.